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31.08.2010 | Moderne Paradoxien

Wenn Personaler zu Engeln werden

Seminar


Je weicher die PE-Themen, desto unterschiedlicher die Einschätzung zur Qualität eines Seminars. Eine Kollegin von mir findet rundweg alles toll, egal wie durchgeknallt – eine andere ist notorisch kritisch. Da nölte kürzlich ein Flugbegleiter über Corporate-Identity-Seminare einer Fluglinie: „Das ist der reinste Psycho-Quatsch. Viele Kollegen würden lieber fliegen gehen, als diese Veranstaltungen abzusitzen“. Wetten, dass andere Teilnehmer den CI-Workshop gut fanden?

Die Unternehmen sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Auch „da draußen“ gibt es viele Weiterbildungen, deren Einordnung nicht eindeutig. ist. Einige Seminare klingen komisch. Und nicht alles ist so deutlich wie die 0900er-Wahrsage-Hotlines im Fernsehen. Denn nicht nur Manager sind auf der Sinnsuche. Auch im normalen Leben fehlen Orientierungspunkte. Was früher Erziehung und Elternhaus an gelebten Werten boten, wird heute bei Coaches, Trainern oder Erleuchteten gesucht. Warnhinweis: Die nachfolgenden Beispiele sind real existierende Angebote!

Da bietet ‚MA’al’, eine Schönheit aus dem Rheinland, „Meditationen der Aufgestiegenen Meister“ im Rahmen von „Vortrag und Channeling“ an. Ihr vollständiger Name, MA’al Koslowski, dämpft die Mystik leicht ab. Da werden „geheime Seelenkräfte“ geweckt und ein Tiermedium verbrachte zur Untermauerung der eigenen Seriosität, viel Zeit „mit Navajo-Indianern, Sufilehrern und in einem buddhistischen Kloster“. Über jüdische Gelehrte wurde sie in die Geheimnisse der Kabbala eingeweiht“. Ein Spektrum, vergleichbar mit dem Pizza-Service, der mexikanische, thailändische, südamerikanische Küche und Sushi anbietet. Da gibt es energetische Klärungen von Beziehungen, Engel-Seminare, Lebensfluss-Beratung; da wird mediale Beratung zusammen mit „Lichtarbeit & Coaching“ angeboten. Ja, es gibt sogar die Ausbildung zum Engel.

Paradoxerweise ist das alles nicht so weit weg vom Wirtschaftsleben. Mir flatterte kürzlich die Einladung zur „4. Insider-Jahrestagung für Recruiter“ auf den Tisch. Für 1400 Euro konnte ich Insider werden. Wo ist der Unterschied? Für ein klein wenig mehr könnte ich mich zum Engel ausbilden lassen. Beides bietet Exklusivität, hilft gegen Unsicherheiten und bedient Basis-Eitelkeiten der Menschen. Da ist kein Unterschied zwischen den „Forschungsreisen zu den Mysterien unseres Wesens“ und den Motivations-Seminaren, die für Manager stattfinden. Die einen haben ihre „Aura-Seminare“ – die anderen die „Charismatische Führung“. Hin und wieder auch beides!

Wo also ziehen Sie die Grenze zwischen Seminaren zu Astrologie im Management und dem Einsatz von Handschriftenanalyse bzw. Numerologie bei der Bewerberauswahl – zwischen „spirituell-systemischen Lösungsprozessen“ und „Seelenreisen“? Büroeinrichtung unter Feng Shui-Gesichtspunkten ist für den einen Quatsch, für den anderen selbstverständlich.

Wie stehen Sie zu Seminaren in den Grenzregionen der Personalentwicklung? Schreiben Sie uns!

 



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