25.02.2011 | Moderne Paradoxien
Problem liegt zwischen den Ohren
Im Kalten Krieg wurde die Übermittlung von als „geheim“ bis „atomal“ klassifizierten Militärinformationen vor dem Zugriff der Russen mittels Kryptografie geschützt. Mit wenig Erfolg. Trotz guter Technik blieb der Mensch das Hauptproblem, nicht die Technik. Der Kalte Krieg ist vorbei. Wirtschaftsspionage ist Top-Thema. Private und staatliche Informations- und Geheimdienste sammeln alle möglichen Informationen über Unternehmen. Firmenvertreter strahlen über ihre super gesicherte elektronische Kommunikation! Doch Informationsbeschaffung hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert: Man fängt Informationen ab. Man kauft oder erpresst den, der sie hat.
Das Abfangen ist heute – so paradox das bei den technischen Möglichkeiten klingt - das Einfachste. So blökte kürzlich eine Führungskraft in der Ankunftshalle eines westdeutschen Flughafens – direkt hinter mir sitzend – überlaut in sein Mobiltelefon, dass der Herr B. (… das wird hier besser abgekürzt) mit dem Ministerium XYZ (dito) schon vereinbart hat, dass die Groß-Ausschreibung im März 2011, auf die sich auch „unser Werk in D.“ bewirbt, „sowieso an uns“ geht. Der Ministerialbeamte W. habe das „hundertprozentig zugesagt“. Während er noch laberte, lieferten mir Google und zwei Datenbanken alle notwendigen Informationen über die Akteure dieses illegalen Deals. Das Unternehmen wäre genauso erpressbar geworden wie der Beamte im Ministerium.
Seit wann ist denn ein Telefonat in einem Flughafenbus, in einer Abfertigungshalle, das Gespräch an einem Kongress-Imbisstisch oder in einem Hotel-Frühstücksraum vertraulich? Welche depperte Führungskraft meint das denn? Die Antwort: Ungefähr 80 Prozent!
Liebe Wirtschaftsspione: Beißt euch nicht die Zähnchen an kryptografischen Herausforderungen aus. Geht in die Restaurants rund um Messezentren; fliegt viel – oder sitzt wenigstens entspannt am Flughafen rum und geht in Business-Hotels mindestens von 6 Uhr bis 9 Uhr frühstücken. Wenn das zehn Leute in Berlin, München, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig, Hannover und Stuttgart konsequent machen, dann ist Wirtschaftsspionage leicht. Alle Informationen werden laut und wichtigtuerisch von harten und smarten Führungskräften herausgeschwafelt. Datenschutz? Betrifft mich nicht! Verschwiegenheit? Gilt nur für meine Mitarbeiter!
Welcher Trainer kann denn diesen Typen und dem Führungsnachwuchs schonend beibringen, dass der uralte Spruch „Feind hört mit“ heute noch relevant ist? Das Problem liegt nicht im unsicheren Datenverkehr, das Problem liegt zweifelsfrei: zwischen den Ohren!
Keine Personalabteilung wird sich beliebt machen, wenn sie erreicht, dass Seminare über sicherheitsbewusstes Alltagsverhalten verpflichtend für jede Führungskraft werden. Aber an der Stelle sollte – wenigstens einmal – HR sich durchsetzen! Zum Wohle der Firma!
Kennen Sie auch so schöne Beispiele? Toll - dann schreiben Sie uns!