31.03.2011 | Moderne Paradoxien
Zielzeit: Zaghafte Zweifel
Sie haben sie hinter sich – die Zielvereinbarungsgespräche 2011 mit Ihren „Direct Reports“ und mit Ihrem Vorgesetzten. Erlebten Sie dabei das monumental Erhebende, wenn jeder im Unternehmen, vom CEO bis hin zu Billy dem Büroboten für ein Jahr danach lechzt, diese Ziele zu packen? „Allein die Existenz von Zielen und der Akt der Zielvereinbarung lösen Motivations- und Leistungssteigerungen bei den Mitarbeitern aus“, begeisterte sich kürzlich ein Fachhochschulprofessor mit seiner geballten Unternehmenspraxis von ein paar Monaten über die „Macht der Ziele“. Wow! Wir erschauern! Wie konnten wir nur in der Vergangenheit ohne Ziele arbeiten? Überall desorientierte Mitarbeiter, vollkommen ziellos. Dann aber kam die Zeitenwende: Ziele! Zielvereinbarungsgespräche! Zielauswertungsgespräche!
Das Paradoxon dieser Management-Entwicklung: Just als sich Ende der 80er Jahre der „Realsozialismus“ mit seinen Fünf-Jahres- Zielen (äh, -Plänen) als Unfug verabschiedete, begannen Berater „Zielvereinbarungen“ zu propagieren. Die Parallelen sind frappierend: Fünf-Jahres-Pläne waren immer unrealistisch formuliert; konnten nie die Unwägbarkeiten über den gesamten Zeitraum erfassen. Exakt wie bei „unseren“ Zielvereinbarungen. Ziel und Wirklichkeit klaffen nicht erst nach fünf Jahren weit auseinander. Paradox auch: Obwohl sich seit den 90er Jahren die Planungshorizonte in den Unternehmen von mehr als sechs Monaten auf weniger als drei Monate reduzierten, kamen – auch hier muss man den Unternehmensberatern für ihr antizyklisches Denken unendlich dankbar sein – Jahresziele in Mode.
Hätten die Ziele die Motivationsschübe gebracht (vergleiche oben), dann müsste das an enormen Produktivitätssprüngen und am Wirtschaftswachstum ablesbar sein. Doch im Gegenteil: Seit Anbruch der Ziel-Ära schwächeln alle großen Industrienationen im langfristigen Verlauf. Die Rache der Planwirtschaft am Kapitalismus?
Die USA sind HR-Trendsetter. Gerade dort verstärkt sich jetzt die Wahrnehmung, dass Ziele letztlich Kreativitätskiller sind. Diane Stafford, HR-Expertin, beschrieb kürzlich in „Advocating an end to useless performance reviews”, was Mitarbeiter heute motiviert: „Current management gurus agree that a) engaging work, b) autonomy to get the job done and c) a sense of purpose within the organization are the motivators for most 21st century workers.” Zielvereinbarungen sind keine Motivatoren.
Also: Warum waren Unternehmen früher ohne Zielvereinbarungen erfolgreich? Eben: Weil die Vorgesetzten mit ihren Mitarbeitern regelmäßig sprachen. In jedem Gespräch wurde dabei über „Ziele“ gesprochen. Erfolgreiche Manager machen das heute noch. Ganz ohne – oder trotz der – Ziel-Bürokratie. Und jetzt mein Tipp für Ihre tägliche Selbstmotivation: Fahren Sie mit dem Auto ins Büro. Schalten Sie dabei das Navi ein. Und schon vor der Ankunft in der Firma hören Sie von säuselnder Stimme: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Los geht’s!
Wie sehen Sie die „Ziele“? - Schreiben Sie uns!