23.12.2011 | Moderne Paradoxien
Coach mich schön!
Zu allen Zeiten gab es sie: Blender, Bluffer, Windowdresser. Mit mehr Schein als Sein quatschen sie sich in Jobs, obwohl sie qualitativ-inhaltlich gar nicht viel zu bieten haben. Sprechen Führungskräfte ehrlich über solche Recruitment- Flops, waren zwei Dinge beim Bewerber maßgeblich: Auftreten und Aussehen.
Für einige Bewerberinnen ist es von Vorteil, dass HR-Männer manchmal besser sehen als denken können. Aber auch HR-Women können nicht an ihren Ur-Instinkten vorbei. Denn unser Hirn checkt unbewusst bei einem Gegenüber, ob dieser für den Gen-Pool der möglichen gemeinsamen Kinder passend wäre; ob das Gegenüber materielle Sicherheit (mehr erjagte Mammuts als der Typ in der Nachbarhöhle) und mehr Gesundheit (gleichgesetzt mit Schönheit) bieten kann. Ja, schöne Menschen werden eher eingestellt, werden eher befördert, bekommen eher ein höheres Gehalt. Nein, schöne Menschen sind nicht intelligenter, können nicht besser führen. Aber unsere Ur-Instinkte setzen Schönheit mit Überlegenheit gleich.
Bei dem Ganzen hat Rationalität nur eine eingeschränkte Chance. Die Horden aufgebrezelter Bewerber, die täglich zu Vorstellungsgesprächen in unseren Unternehmen auflaufen, spiegeln daher eine innovative Branche wider: Beauty Coaches. Natürlich kann man Schönheit pushen. Es gibt unzählige Angebote: Beauty Adivsors versprechen mehr Gehalt und mehr Karriere. Farb-, Stil- und Imageberater verbessern Ihr Outfit und Ihre Präsentation. Das Ganze geschieht beim „forever young evening". Der „Total Image Coach" zeigt unter anderem, wie man sein Selbstbewusstsein steigert, indem man endlich sein Haar stylt (was im Business-Bereich für Männer konservativer bleiben sollte), wie man Make-up (auch für Männer) nutzt, welche Kleidung man wählt. Welchen Stil man zeigen sollte.
Letzteres ist allerdings das, woran sich viele Coaches die Zähne ausbeißen: Schönheit kann man „erzeugen"; „Stil" ist sehr viel schwieriger zu erlernen. Wer mittags in Frankfurts Bankenviertel essen geht, erkennt schnell den Unterschied. Selbstverständlich gibt es auch, analog zum 360-Grad-Feedback, den „Beauty 360 Consultant". Jedoch hochsensibel für Coaches ist das gesamte Feld von „body shape" über „weight loss" bis „nutrition". Simpler ausgedrückt: Was mache ich mit fetten Leuten? Verändere ich deren Essgewohnheiten oder empfehle ich weitere Kleidung? Liebe Leser, Sie sind zweifellos gegen solche Reize gefeit. Aber vielleicht ist Ihr Nachbar einer von diesen 54jährigen CEOs, die – nach 30 Jahren Ehe – ihre Frau gegen ein durchgestyltes Update eingetauscht haben? Dann wäre dies ein fleischgewordenes Ur-Instinkt-Beispiel.
Wenn Sie also das nächste Mal zu Beauty Events eingeladen werden, die der „Certified Real Image Coach" veranstaltet und bei dem Sie Beauty Consultation erhalten können – dann gehen Sie doch einfach mal hin. Gegen den Ur-Instinkt kannste eh’ nix machen.
Kennen Sie einen Fall von Beauty-Recruiting-Flop? Schreiben Sie uns!