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Neues aus der Personal-Wirtschaft

thekendialog Eine kürzlich eröffnete Bar. Ein Refugium derjenigen, die auf ihrem Weg nach oben einen Ort benötigen, um runterzukommen.
Die beiden Inhaber – ehemals erfolgreiche Betriebs- „Wirte“ – haben kürzlich den Laden übernommen, haben nur, wie sie es nennen, „die Straßenseite gewechselt“, was von der Kundschaft nicht ohne Respekt zur Kenntnis genommen wird. Die einzige Verbindung in ihr altes Leben ist der Name des Aussteigerprojekts: Personal-Wirtschaft.


Unsere Autoren:
Frank Michael Orthey
Trainer, Berater und Dozent, München

Andreas Thedorff
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr, Trainer und Berater, Weilheim

 

Letzte Runde: Alles, nur keinen Blues!

Auf den wenigen Raucherstühlen am Gehsteig vor der Personal-Wirtschaft liegen heute zum ersten Mal Fleecedecken über den Stuhllehnen. Das untrügliche Zeichen für Großstadtbewohner, dass der Sommer vorbei ist. Drinnen leuchten nur ein paar nagelneue I-Pads mit ihren glücklichen Besitzern um die Wette. Finanz- und Wirtschaftskrise scheinen weiter weg als der letzte Sommerurlaub, alle wirken erholt und voller Tatendrang. Trotzdem liegt etwas Melancholie in der Luft.

Ines (kommt wie gewohnt dynamisch durch die Tür und steuert in Richtung Tresen, bleibt aber nach ein paar Schritten abrupt stehen und sieht sich um):
Wo is’n Steff? (zum Barkeeper, der wortlos Richtung Fenster verweist)

Ines:
Tach, Steff. Is‘ jetzt Ortswechsel angesagt? Passt’s am Tresen nicht mehr?

Steff:
Hi, Ines. Wollte heut‘ mal hier am Fenster sitzen – hat mehr Weitblick, find ich.

Ines:
Weitblick, soso…

Steff:
Ja, echt. Du hast mich letztes Mal auf ne Idee gebracht mit Deinem Creative Dingsbums, weißte noch?

Ines:
Creative Aging. Steht immer noch auf meinem White Board.

Steff:
Ja genau, das meine ich. Schau mal, der Sommer ist wieder rum, mal wieder ‘ne Krise überlebt,. Wies’n, Winterreifen, Weihnachtsfeier, und so weiter et cetera.
Irgendwie geht mir die Tretmühle ziemlich auf den Zeiger. Immer wieder das Gleiche und immer wieder etwas tun, das ich nicht will.

Ines:
Hört sich schwer nach Herbstdepression an. Letztes Jahr, kannst Du Dich erinnern? Da hast Du auch ziemlich in den Seilen gehangen. Aber glaub’ mir, das geht vorbei.

Steff:
…Und kommt wieder. Aber nee, diesmal nicht. Diesmal ist es anders. Ich hab mir das genau überlegt mit diesem Creative Aging. Ich hab eine Menge erlebt, hab ne Menge Erfahrung und so, aber wirklich interessieren tut’s keinen. Wir haben uns schon so viel zusammengesponnen hier in der Personal-Wirtschaft, was alles möglich wäre. Man müsst’s nur tun. So wie er (deutet in Richtung Barkeeper). Er hat auch hingeschmissen. Ich mein, sein altes Leben als Management-Fuzzi. Früher hab ich ihn insgeheim belächelt, weil ich geglaubt habe, dass er ein Weichei ist. Heute beneide ich ihn für seinen Mut.

Ines (mit Glänzen in den Augen):
Hey, Steff, so kenne ich Dich ja gar nicht. So straight hab ich Dich schon ewig nicht mehr erlebt. Wenn Du so weiter redest, brenn’ ich noch mit Dir durch. Schmeißen wir den ganzen Kram hin. Aber erst nach einem ordentlichen Schluck. Falls es Dir nicht aufgefallen ist: Wir sitzen auf dem Trockenen.

Steff:
Unsere zwei Bier sind schon unterwegs, aber nicht für Bonnie und Clyde! Nein danke, mir ist nicht nach Road Movie. Ich hab eher an was gedacht, wo ich ankommen kann. Was zu mir passt. Wo ich mich reinhängen kann und weiß wozu. Verstehst Du mich?

Ines:
Jetzt bin ich aber gespannt, wohin die Reise gehen soll.

Steff (mit Blick aus dem Fenster und einer Brennweite ins Leere):
So genau weiß ich das auch noch nicht. Aber ich will aus dem alten Fahrwasser raus, will mich neu orientieren, meine Kompetenzen checken, Ressourcen ausloten …(grinst)

Ines (grinst ebenfalls):
Hast Du ein Nachschlagewerk für Work-Life-Balance unterm Kopfkissen oder hast Du im Preisausschreiben ne Kaffeefahrt mit den Silver Agern gewonnen? Du klingst so – ähm – altklug. Versteh‘ mich nicht falsch, aber das klingt schon nach Blues …

Steff:
Wenn schon, dann Jazz, bitteschön. Ich find, man kann nicht früh genug ans Aufhören denken. Gilt im Übrigen nicht für hier. Prost, die nächste Runde geht auf mich.

Ines:
Das ist ein Wort! Aber sag mal, Du rückst ja nicht recht raus mit der Sprache. Wenn ich Dein Rumgeeier also richtig verstanden habe, packst Du demnächst Deinen Karton und bist wech. Oder?

Steff (mit verschmitztem Blick und hinter vorgehaltener Hand, fast flüsternd):
So isses. Ich hab genug auf der hohen Kante, das reicht für eine ordentliche Auszeit – wollte sagen für ein Sabbatical. Aber, liebe Ines, … ich schreib Dir Karten aus der Distanz. (Jetzt nicht mehr flüsternd) Vielleicht sogar aus der professionellen Distanz des Beraters …(lacht laut).

Ines:
So ein Glück! Endlich mal ein Berater. Von denen gibt’s ja so wenig. Und jetzt Schluss: Ich will nix Berufliches mehr hören und ich bin gespannt, bis zu welchem Glas Deine guten Vorsätze durchhalten.

An dieser Stelle blenden wir uns aus. Sicher überliefert ist, dass beide nach diesem Treffen lange nicht mehr in der Personal-Wirtschaft gesehen wurden, Gerüchten zufolge ist Steff tatsächlich seiner mutigen Ansage gefolgt und hat gekündigt. Näheres über seinen aktuellen Verbleib ist nicht bekannt. Eine Zeitlang hatte Ines noch spärliche Informationen über die Postkarten, die sie von ihm erhalten hatte. Sie hat sich inzwischen beruflich verbessert. Wir jedenfalls haben ihre Spur bedauerlicher Weise in Stockholm verloren. Vielleicht sehen wir beide ja demnächst nochmal in der Personal-Wirtschaft wieder.