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Round Table Weiterbildung: Jetzt erst recht

Eine aktuelle Studie der Bitkom-Akademie verrät: Unternehmen sparen nicht an Weiterbildung, im Gegenteil: Die Budgets wachsen. Das Hauptmotiv dafür ist der Fachkräftemangel. Da der Arbeitsmarkt das dringend benötigte Personal mit spezifischen Schlüsselkompetenzen nicht hergibt, nehmen Organisationen das Problem selbst in die Hand, indem sie ihre Mitarbeitenden qualifizieren. Ein weiteres Motiv für die nicht nachlassenden Learning-Aktivitäten der Unternehmen: Trotz hoher Kostensensibilität haben viele Qualifizierungsinhalte eine so hohe Businessrelevanz, dass sie im Bereich Management und Technik nicht einfach bei Seite geschoben werden können.

Gleichzeitig gibt es aber auch Betriebe, die es sich nicht leisten können, in die Weiterentwicklung ihrer Beschäftigten zu investieren. Sie begeben sich stattdessen auf Personalsuche, um die passenden Kompetenzträgerinnen und -träger zu gewinnen, also Fachkräfte, die ein profundes Skill Set mitbringen und daher keine weitere Qualifizierung benötigen. Ob sie tatsächlich fündig werden, ist eine andere Frage.

Welches Format darf es sein?

Schon lange vor der Pandemie konnten Arbeitgeber aus einer breiten Palette von E‑Learning-Formaten wählen, die inzwischen noch weiter ausgebaut wurden. Daher stellen sich viele Unternehmen und auch Teilnehmende die Frage: Sind Präsenzschulungen wirklich noch notwendig, vor allem wenn sie nachhaltig und kostenbewusst sein sollen?

Längere Präsenzveranstaltungen werden aus Gründen der Nachhaltigkeit und zu Kosteneinsparungen immer weniger genehmigt, so die Erfahrung der Experten. Der Trend hin zu Blended-Learning-Formaten sei ungebrochen und der Anteil digitaler Lernformate deutlich gestiegen. Doch nicht nur Arbeitgeber haben ihre Präferenzen, auch die Teilnehmenden. Gerade diejenigen, die im Bereich Datenschutz, IT-Security und Medizintechnik arbeiten, bevorzugen Online-Formate.

Unbestritten ist: Bestimmte Inhalte lassen sich nur in Präsenz durchführen. Das trifft einerseits auf handwerklich-technische Bereiche zu – zum Beispiel das Erlernen des Fahrens mit dem Gabelstapler oder auch die Weiterbildung zur Elektrofachkraft in der Industrie. Ebenso stößt die digitale Weiterbildung in Persönlichkeits- und Führungsseminaren an ihre Grenzen. Hier wünschen sich die Teilnehmenden den persönlichen Kontakt, weil für den Lernerfolg auch die Resonanz der anderen innerhalb der Gruppe erforderlich ist. Ein weiterer Vorteil von Präsenzschulungen: Die Identifikation mit dem Team und das Wir-Gefühl lassen sich auf analogem Weg besser realisieren.

Moderne Lerninfrastrukturen 

Unternehmen, die über ein Learning-Management-System (LMS) oder eine Learning-Experience-Platform (LXP) verfügten, konnten in der Zeit, in der Präsenzlernen ausgeschlossen war, ihren großen Vorteil ausspielen: Technisch gut ausgestattet liefen die Qualifizierungsmaßnahmen weiter. Doch eignet sich eine Lernplattform für alle Organisationen und für jede Unternehmensgröße?

Zu den Kunden der Anbieter zählen Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden bis zu großen Organisationen mit bis zu 200 000 Beschäftigten. Die Gründe für den Einsatz sind unterschiedlich: Die einen möchten sich mit einer Learning-Plattform von Mitbewerbern absetzen und ihre Arbeitgeberattraktivität stärken. Andere haben den Wunsch, bisher manuelle und teils analoge Prozesse zu digitalisieren und eine gemeinsame Plattform für alle Lernbestrebungen bereitzustellen. Daneben wünschen sich Verantwortliche auch ein Tool, mit dem sie nicht nur ihre digitalen Lernangebote organisieren und verwalten können, sondern das sie auch bei der Seminarverwaltung von Präsenzveranstaltungen und in der Personalentwicklung unterstützt.

Sustainability ist ein Muss

Die gesetzliche Nachweispflicht der ESG-Kriterien (Environmental, Social und Governance) gilt für kapitalmarktorientierte Unternehmen seit 2017. Diejenigen, die sich bisher den Erwartungen und Erfordernissen entzogen haben, bekommen nun einen gesetzlichen Anstoß für nachhaltiges und verantwortungsvolles unternehmerisches Verhalten: Das Lieferkettengesetz und die neue EU-Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) zwingen zum Handeln. Dieser Prozess wird von Dienstleistern unterstützt, da sie sowohl die gesetzlichen Pflichten, als auch Konzepte, Methoden und Instrumente vermitteln können.

Die Anbieter selbst müssen Nachhaltigkeit gleich auf mehreren Ebenen liefern: im thematischen Content, bei den Formaten, die Institution selber muss nachhaltig agieren – und auch die Lernvermittlung sollten nachhaltig sein. Denn Weiterbildung vermittelt nicht nur Skills und Methoden, sondern es geht darum, die Haltung zu verändern. Ob das gelingt, sei eine Frage der kulturellen Prägung eines Unternehmens und ob das Prozesslernen (70 Prozent des Gelernten aus Erfahrungen am Arbeitsplatz, 20 Prozent von Kollegen und zehn Prozent aus formellen Schulungen) zum Tragen komme.

Alles zum Thema

Weiterbildung

Im Rahmen beruflicher Weiterbildung lernen Mitarbeitende neue Techniken, Kenntnisse und Fähigkeiten, die für ihren Beruf wichtig sind. Im Gegensatz zur Ausbildung, die sich an Berufsanfänger richtet, wird die Fort- und Weiterbildung von berufserfahrenen Beschäftigten genutzt.

Extended Reality & Co.

Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR), 360-Grad-Videos – vor einigen Jahren eroberten sie den Markt und wurden nicht nur im Personalmarketing und Employer Branding, sondern auch in der Weiterbildung eingesetzt. Und heute? Der große Hype ist vorbei, „jetzt kommen wir in eine Phase für echte und wichtige Anwendungsfälle“, heißt es bei den Weiterbildungsexperten. VR-Tools werden vor allem dann eingesetzt, wenn es aus sicherheitstechnischen Gründen erforderlich ist. Beispielsweise im Bereich Elektromobilität bei der Ausbildung für Fachkräfte, die an Hochvoltsystemen arbeiten. Das Resümee der Anbieter: In Spezialbereichen machen Extended Reality Tools Sinn, aber außerhalb dieser Bereiche entstehe durch sie kein gigantischer Mehrwert.

Führungskräfte in der Weiterbildung 

Welche Trends bestimmen Leadership-Trainings? Unternehmen fragen vor allem Entwicklungsthemen wie Führen von hybriden Teams und in agilen Settings sowie agiles Führen in traditionellen organisationalen Kontexten nach. Dabei entsteht an vielen Stellen die Notwendigkeit, das eigene Selbstverständnis als Führungskraft auf den Prüfstand zu stellen. „Wie werde ich Enabler, Förderer und Katalysator?“ Diese Fragen beschäftigen die Teilnehmenden. Gleichzeitig gewinnt der Umgang mit Konflikten aus Führungskräftesicht einen immer größeren Stellenwert. Durch veränderte Beziehungsgefüge steigt die Notwendigkeit, sich mit Mitarbeitenden auseinanderzusetzen, divergierende Interessen auszutarieren und auf Augenhöhe auszuhandeln, was eine hohe Konfliktkompetenz der Führungskräfte erfordert.  

Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.