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„Werte können nicht aufgepfropft werden“

Portrait von Dr. Emmanuel Siregar
Dr. Emmanuel Siregar ist promovierter Theologe und geweihter Priester. In den 90er-Jahren ist er vom priesterlichen Dienst in die Wirtschaft gewechselt. / Foto: Claas

Dr. Emmanuel Siregar trägt seit 1. April 2018 die Personalverantwortung bei der Claas Gruppe mit rund 10 900 Mitarbeitern. Dabei kommt ihm seine langjährige Erfahrung im HR-Bereich ebenso zugute wie sein Werteverständnis. 

Personalwirtschaft: Warum wechselten Sie nach sieben Jahren bei Sanofi-Aventis zur Claas Gruppe?

Dr. Emmanuel Siregar: Bei Sanofi-Aventis Deutschland war ich Geschäftsführer Personal & Organisation sowie Arbeitsdirektor und zudem für das Personalwesen in der DACH-Region zuständig. In dieser Funktion berichtete ich an den Personalvorstand in der Konzernzentrale in Paris. Als weltweiter Generalbevollmächtigter der Claas Gruppe für das Ressort Personal sind meine Gestaltungsfreiheit und die Gesamtverantwortung wesentlich größer. Das hat mich sehr gereizt.

Sie sind promovierter Theologe und geweihter Priester. Aus welchen Gründen entschieden Sie sich in den 90er-Jahren für den Wechsel in die Wirtschaft?

Ich bin damals aus dem priesterlichen Dienst ausgeschieden und habe geheiratet, wir haben drei Kinder. Das bedeutete aber weder einen Bruch mit der Kirche noch mit dem Glauben. Im Übrigen ist der Unterschied zwischen der Tätigkeit als Priester und der Tätigkeit als Personalchef gar nicht so groß: Man ist nah bei den Menschen und für sie da – auch und gerade, wenn die Zeiten etwas schwieriger sind.

Claas hob bei der Bekanntgabe Ihrer neuen Position Ihre Erfahrung und Werteorientierung besonders hervor. Welche Rolle spielen Werte Ihrer Meinung nach im Personalwesen?

Eine sehr wichtige. Ich bin davon überzeugt, dass Werte nicht aufgepfropft werden können – sie entstehen ja auch historisch in einem Bottom-up-Prozess und müssen von allen gelebt werden. Nicht zuletzt, weil das Personalwesen einen Wandel vollzogen hat und heute gleich drei Funktionen erfüllt. Erstens die eines Dienstleisters, der den Mitarbeitern im Sinne des Wortes dient. HR heißt zweitens aber auch Governance. Das bedeutet, klar zu sagen, für welche Werte das Unternehmen steht, und danach zu handeln. Das dritte Stichwort ist Kompetenz: Als Center of Expertise entwickelt es Teams und die Unternehmenskultur weiter. Wenn eine dieser Funktionen vernachlässigt wird, gerät das Gesamtgefüge ins Ungleichgewicht. 

Sie sind Sohn einer Japanerin und eines Indonesiers. Wirken sich diese kulturellen Wurzeln in Ihrer Arbeit aus?

Ist Diversität in einem Unternehmen wichtig? Interkulturelle Arbeit hat mich schon immer beschäftigt, aber Diversität hat nicht nur mit Ländern, Völkern oder Sprachen zu tun. Es geht immer darum, wie ein Mensch mit einem Menschen zusammenarbeitet. Dafür braucht es Offenheit, Transparenz und Dialogbereitschaft. Ich nenne das Herzerweiterung: Arbeitsräume zu schaffen, in denen sich jeder wohlfühlt und die von gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz geprägt sind. Fehlende Kommunikation und Information führen zu Aggression und Isolation.

Die Digitalisierung macht auch vor der Landwirtschaft nicht Halt. Inwiefern ist Ihre Arbeit davon berührt?

Wir haben in Dissen, zwischen der Konzernzentrale in Harsewinkel und Osnabrück, jüngst ein Technologiezentrum aufgebaut. Zudem ist das Thema in der Konzernleitung verankert. Die Digitalisierung greift in alle Bereiche ein – vom Feldhäcksler bis zum Vertrieb. Industrie 4.0 bedeutet auch Landwirtschaft 4.0, und damit auch Arbeiten 4.0, da sehe ich meine Aufgaben. Dazu zählen etwa flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten und Homeoffice, aber es entstehen auch neue Ausbildungsinhalte und neue Berufe. Ich spiele mit dem Gedanken, Digital Coaches ins Unternehmen zu holen: junge Menschen, die die Konzernleitung und Führungskräfte im Umgang mit digitalen Medien und Geräten schulen. 

Welche Projekte werden Sie in den nächsten Monaten voraussichtlich vorrangig beschäftigen?

Claas ist schon auf dem Weg vom Familienunternehmen zu einem weltweiten Konzern. Die Technologie und die Marke sind dabei die entscheidenden Treiber. Auf dieser Strecke sind wir schon ein gutes Stück vorangeschritten. Werte, Internationalität und Digitalisierung sehe ich als die Key Topics aus HR-Sicht, um Claas dabei zu begleiten. Die Konzernleitung hat mich nahezu freundschaftlich empfangen, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind motiviert, es herrscht Aufbruchstimmung. Das ist entscheidend für unsere Marktposition.

Dieser Beitrag ist in Ausgabe 06/2018 erschienen. Sie können das gesamte Heft in unserem › Archiv lesen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.