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New Work Experience: „Jeder hat das Recht auf einen Purpose“

Das Forum für den Austausch zu Themen rund um die neue Arbeitswelt ging in eine neue Runde: die New Work Experience. Am 20. Juni 2022 richtete die New Work SE (Xing-Anbieter) das Event wieder nur als Präsenzveranstaltung aus – und mietete erneut die Elbphilharmonie als Veranstaltungsort. Weit über 2.000 Teilnehmende, Speakerinnen und Speaker haben laut der New Work SE teilgenommen. Auch wir von der Personalwirtschaft, allen voran unser Chefredakteur Cliff Lehnen, waren vor Ort, haben moderiert und mitdiskutiert.  

Richard David Precht und der Sinn der Arbeit 

Eröffnet wurde die Konferenz von Richard David Precht, Philosoph und Autor. Er fokussierte den Sinn-Begriff und skizzierte die Bedeutungsentwicklung von Purpose in den westlichen Überflussgesellschaften. „Früher war New Work ein Begriff der Besserverdienenden“, so Precht. „Inzwischen beschäftigt die Frage ‚Was will ich wirklich tun?‘ hier aber alle.“ Es gibt, so Precht, eine Entwicklung weg von der Arbeitergesellschaft hin zur „Sinngesellschaft“. Der Anspruch an Wertstiftung gelte auch für die „einfache Arbeit“. Dieses Ausweiten des Sinnanspruchs sei eine Zäsur und „das Land ist darauf nicht vorbereitet“.   

Politische Anpassungen seien notwendig. So sei beispielsweise das Rentensystem nicht länger tragbar, wenn durch Automatisierung und den technischen Fortschritt Arbeitsplätze wegfallen. Absurd sei auch, dass technischer Fortschritt nicht mehr bedeute, Menschen von Arbeitszwängen zu befreien und inzwischen in Politik und Wirtschaft über immer mehr Wochenstunden und höhere Renteneintrittsalter nachgedacht werde. Vielerorts ginge es darum, Arbeit um jeden Preis zu erhalten, anstatt sie sinnvoll zu gestalten. Die Strukturen seien veraltet und ein Umdenken müsse stattfinden.  

Richard David Precht auf der NWX 2022. (Foto: Nils Hasenau)

„Zum Beispiel könnten Schulen und Bildungseinrichtungen dabei unterstützen, den individuellen Sinn zu finden und die eigenen Kompetenzen kennenzulernen und auszubilden“, so Precht. Bislang würde der Schulunterricht aber nur dazu führen, dass Berufseinsteiger nicht auf die Berufswelt vorbereitet sind. „Aufrichtiges Desinteresse wird bestraft, unaufrichtiges Interesse belohnt.” Mit diesem Verhalten würde man im Job nicht weit kommen. Zudem entspräche die dortige Fehlerkultur ebenfalls nicht der, die in der Arbeitswelt als richtig empfunden wird, denn schlechte Noten führten eigentlich immer zum Sitzen bleiben. Langfristige Entwicklungen würden vernachlässigt, kurze, schnelle Evaluierungen bevorzugt. 

„Jeder Mensch hat das Recht auf einen Purpose“, sagt der Philosoph. Haben Menschen diesen Sinn gefunden, seien sie nicht nur glücklicher und zufriedener, sie seien auch motivierter und produktiver. 

Sinnlos glücklich 

Wer über New Work spricht, der kommt nicht darum herum, auch über Purpose beziehungsweise Sinn zu sprechen. Das verdeutliche Richard David Precht. Und darum ging es auch in Prof. Dr. Ingo Hamms Vortrag. Der Wirtschaftspsychologe, der an der Hochschule Darmstadt lehrt, beschäftigte sich allerdings mit einer abgewandelten Fragestellung: „Wie werde ich ohne Sinn glücklich?“ 

Dabei meint er vor allem, dass es in Unternehmen oder für Berufsgruppen keinen allgemeinen Purpose geben und dieser auch nicht durch Führungskräfte aufgezeigt werden kann. Sondern, dass es Sache der Individuen, der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, welchen Sinn sie jeweils in ihrem Tun sehen. Deswegen überrasche es nicht, dass sich Kandidatinnen oder Kandidaten eher anhand konkreten Tätigkeitsprofilen für Arbeitgeber entscheiden. „Der Job ist vielen wichtiger als das Unternehmen, bei dem sie arbeiten“, so Hamm. 

Dabei spielen Kompetenzen laut Hamm eine Schlüsselrolle. Denn es falle den Menschen leichter, Erfüllung in ihrem Tun zu finden, wenn sie ihre Kompetenzen mit Erfolg einsetzen können. Weitergedacht führe das und der kompetenzbasierte Erfolg zu mehr Motivation, Produktivität und persönlichem Wohlbefinden. „Um dabei zu unterstützen, kann HR beispielsweise kompetenzorientiert rekrutieren und Mitarbeitende fokussiert weiterbilden“, so Hamm. Trainings sollten zum Beispiel stark an bereits vorhandene Kompetenzen anknüpfen. Das solle aber nicht in Micro-Learning-Formaten passieren: „Lernen ist harte Arbeit, da muss man Zeit und Energie aufwenden und dahinterstehen.“ Außerdem sei es wichtig, Mitarbeitenden konkrete Karrierepfade und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. 

Der Krieg in der Ukraine als Veränderungstreiber 

„Veränderung ist keine Kritik an der Vergangenheit, aber notwendig für die Zukunft.“ Dieser Satz stammt vom Unternehmer und Investor Marcus Diekmann und unterstreicht Punkte in der Vorrede von Philosoph Precht. Diekmann und Tatjana Kiel, Beraterin, Autorin und CEO von Klitschko Ventures, sprachen mit Personalwirtschaft-Chefredakteur Cliff Lehnen im Panel „Wenn ein Krieg alles radikal ändert“ unter anderem über die ins Leben gerufenen Hilfsangebote für die Menschen im Kriegsgebiet Ukraine. Dabei arbeiteten beide mit ehrenamtlichen Kräften zusammen. 

Tatjana Kiel gründete zusammen mit Wladimir Klitschko, der ihr täglich die Bedarfe aus dem Kriegsgebiet übermittelt, die Initiative #WeAreAllUkrainians. Mit ihrem Netzwerk entwickelt sie Hilfsmaßnahmen, um möglichst vielen Menschen in der Ukraine sowie Geflüchteten in Deutschland zu helfen. Dazu zählt beispielsweise das Sammeln von Sachspenden und der Transport der Güter in die Krisenregionen.  

Marcus Diekmann rief 2022 die Initiative Job Aid Ukraine ins Leben. In der Initiative arbeiteten 90 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zusammen, um eine Jobplattform für Geflüchtete in Deutschland aufzubauen. Diese sollten die Möglichkeit bekommen, schnell und unbürokratisch Arbeit finden zu können. Das sollte auch dem deutschen Arbeitsmarkt helfen, der vor allem von ukrainischen Pflege- und IT-Fachkräfte profitieren könne. „Das Arbeiten mit Freiwilligen ist anders“, sagt Diekmann. In der Initiative wurden lediglich Zuständigkeiten vergeben, die jeweiligen Verantwortlichen hätten ihre Bereiche dann von alleine vorangetrieben.  

„Wie ist es, mit vielen Freiwilligen zu arbeiten?“, wollte Cliff Lehnen von beiden wissen. „Alle wissen, was sie beisteuern können und wollen“, sagt Kiel. Oftmals sei es so, dass die Helferinnen und Helfer durch die Tätigkeit in den Initiativen überhaupt gemerkt hätten, welche Kompetenzen sie haben und was sie eigentlich tun möchten. Diekmann prophezeit: „Die guten Mitarbeitenden werden in Zukunft nur noch in Unternehmen arbeiten, die einen waschechten Purpose haben.“ Tatjana Kiel ergänzt: „Unternehmen werden, genau wie wir, jeden Tag auf’s Neue prüfen müssen, ob sie sich anpassen müssen.“ 

Sicherheit oder Selbstverwirklichung? 

Thomas Sattelberger, Mitglied des Bundestages, ehemaliger Staatssekretär und Manager, fasste direkt vor der Verleihung der New Work Awards noch einmal zusammen, worum es bei New Work ginge. Nämlich um eine neue Ökonomie: „Es gibt vier Disruptionen, die hier wirken. Der Wandel in der Automobilindustrie, der Klimawandel, die Corona-Pandemie und die gestörte europäische Friedensordnung.“ Der Industrie- und der Klimawandel sowie die Pandemie hätten dafür gesorgt, dass sich die Menschen selbstverwirklichen wollen und ihr bisheriges Tun in Frage gestellt hätten. Der Krieg mit Russland werfe diese Entwicklung zurück: „Wir werden sehen, ob die Selbstverwirklichung in diesen unsicheren Zeiten tatsächlich vor der Jobsicherheit steht.“ 

Preisträger des New Work Awards 

Bereits zum neunten Mal wurden Menschen, Konzepte und Initiativen ausgezeichnet, die Vorreiter in Sachen New Work sind und Vorbilder für andere sein sollen. In diesem Jahr wurde bei den Gewinnern laut der New Work SE ein besonderes Augenmerk auf Projekte und Ideen gelegt, die sich erfolgreich den Veränderungen der vergangenen zwei Jahre angepasst haben. Es gab Preise für die die jeweiligen Top-Drei-Projekte in den vier Kategorien Gamechanger, Teams, Companies und Pioneers in Public Institutions. Gewonnen haben in den Kategorien …  

… Gamechanger (keine Platzierungen): 

  • Stuart Bruce Cameron, uhlala Group 
  • Vanessa Jobst-Jürgens, New Work @ LIST Group 
  • Guya Merkle, Golden Future 

… New Work Teams: 

1. Transformationsteam Willich, Saint-Gobain PPL Pampus GmbH 

2. Hallo Arbeit Netzwerk für New Work, Febrü Büromöbel Produktions- und Vertriebs GmbH 

3. Sabine Kluge, Bundesverband der Personalmanager (BPM) 

… New Work Companies: 

1. Alnatura Produktions- und Handels GmbH 

2. HEYHO GmbH 

3. Vollpension Generationendialog GmbH 

… New Work Pioneers in Public Institutions: 

1. Industrie- und Handelskammer Fulda 

2. Regionalmanagement Mittelhessen GmbH 

3. Deutsche Welle 

Ist Redakteur der Personalwirtschaft und kümmert sich insbesondere um die crossmediale Verbreitung der Inhalte. Seine Themenschwerpunkte sind Employer Branding, HR-Software sowie Betriebliches Gesundheitsmanagement.