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Zum Tode Götz Werners

Es ist gut zehn Jahre her, dass ich beseelt die Aula einer niederrheinischen Waldorfschule verließ, wo Götz Werner soeben zwei Stunden lang aus einem seiner Bücher gelesen und mit den rund 150 Anwesenden diskutiert hatte. Es war um sein Herzensthema gegangen, um das bedingungslose Grundeinkommen, und ich fabulierte mit einem guten Freund, wie es wohl wäre, ihn – gerade ging die unheilvolle Präsidentschaft Christian Wulffs in ihr letztes, klägliches Kapitel – als Bundespräsidenten zu haben: ein Vorbild, einen Visionär, der vorangeht und vorausdenkt. Einer, der der politischen Floskel und der Kungelei unverdächtig ist.

Ja, Götz Werner sprach, wie ihm der badische Schnabel gewachsen war. Das war mithin etwas flapsig, mag hier und dort lakonisch und nicht nach der großen, weiten Welt geklungen haben. Doch Werner wusste wie kaum ein Unternehmenslenker um die Kraft der Worte. Die Sprachbilder, die er für sein Unternehmen und in seinen Büchern fand, waren kraftvoll, sie hielten der Größe seiner Ideen stand. 2018 hatte ich das Glück, ein Interview mit Götz Werner führen zu dürfen, und es hat selten so viel Freude gemacht, das Gehörte nachher zu transkribieren und abschließend in Form zu bringen. „Begriffe heißen Begriffe, weil wir mit ihnen die Welt begreifen“, sagt Werner dort. „Wenn man heute eine Gemeinschaft führen will, muss man zutreffende Begriffe finden.“ 

Storytelling würde man das heute neudeutsch nennen. Doch Werner wollte keine Show machen, er wollte bloß eines: durchdringen. Dass er es als Wirtschaftsboss auf die sanften Töne, auf das Miteinander und das Potenzial des Individuums abgesehen hatte, macht seine Beiträge so besonders. Götz Werner hat die „zutreffenden Begriffe“ immer wieder gefunden, und es schmerzt, auf ihn, seine Ideen und im besten Sinne warmen Worte zu verzichten. Wir gehen ohne Götz Werner weiter, und ob wir den rechten Weg einschlagen, ist unklar – doch eines ist uns gewiss: sein Zutrauen. 

Am Dienstag ist Götz Werner im Alter von 78 Jahren in Stuttgart verstorben.

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.