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Sturz statt Strike

Eigentlich dachte man, dass alle Fragen zum und über das Bowling im Film “The Big Lebowski” beantwortet wurden. Eine wichtige hat der Dude aber offengelassen: Ist eine ausgerenkte Schulter bei einem auf einer Dienstreise durchgeführten betrieblichen Bowling-Turnier als Arbeitsunfall zu werten?

Wann wird ein Unfall beim Bowling zum Arbeitsunfall? Dieser Frage ging das Sozialgericht Aachen nach. Bild: diane555/istock
Wann wird ein Unfall beim Bowling zum Arbeitsunfall? Dieser Frage ging das Sozialgericht Aachen nach. Bild: diane555/istock

Das Sozialgericht (SG) Aachen schaffte nun in diesem Punkt Klarheit: Ja, wenn der Beschäftigte damit eine Nebenpflicht aus seinem Arbeitsverhältnis erfüllt. Bowlen als Nebenpflicht aus dem Arbeitsverhältnis? Klingt komisch, ist aber so: Der Kläger ist kaufmännischer Angestellter im Außendienst eines Haustechnik-Unternehmens, das als Großhändler insbesondere Produkte einer Partnerfirma vertreibt. Diese veranstaltete Anfang 2016 ein dreitägiges “Exklusiv-Partnertreffen”, an dem auch die Außendienstmitarbeiter des Haustechnik-Betriebs teilnahmen. An einem Abend stand ein Bowling-Turnier für Mitarbeiter beider Firmen auf dem Programm.

Ein folgenschwerer Ausrutscher

Statt auf dem Siegertreppchen endete der Spaß für einen Teilnehmer jedoch im Krankenhaus. Er rutschte auf der Bowling-Bahn aus und stürzte mit seinem Oberkörper auf seinen linken Arm. Es wurde eine Luxation der linken Schulter diagnostiziert, unter Narkose wurde sie wieder eingerenkt. Die Berufsgenossenschaft lehnte eine Anerkennung als Arbeitsunfall ab. Sie sah in dem Turnier einen Programmpunkt, der der privaten Freizeitgestaltung zuzurechnen ist. Das Bowlen habe nicht in einem rechtlich wesentlichen Zusammenhang mit dem Beschäftigungsverhältnis des Klägers gestanden. Sein Widerspruch mit der Begründung, dass es eine Pflichtveranstaltung war, an der er habe teilnehmen müssen, wurde zurückgewiesen. Dagegen klagte er – mit Erfolg.

Teilnahme war Pflicht des Arbeitnehmers

Maßgeblich für die Entscheidung des SG Aachen war, dass dem Kläger eine Teilnahme an der Fortbildung von seinem Arbeitgeber vorgeschrieben worden und das Bowling-Turnier fester Programmpunkt der Veranstaltung war. Ein Zeuge hatte diese Pflicht bestätigt: Eine Weigerung oder gar ein Fernbleiben hätte ein “fundiertes Themengespräch” mit dem Vorgesetzten zur Folge gehabt. Zweck der Veranstaltung war, dass sich die Mitarbeiter der Betriebe kennenlernen und miteinander austauschen – ein Umstand, von dem beide Unternehmen zu profitieren hofften.

Weitere Indizien deuteten ebenfalls auf eine Pflichtveranstaltung hin: Alle Mitarbeiter des Haustechnik- Betriebs schoben an dem Abend eine mehr oder weniger ruhige Kugel, und auch die Auswertung des schriftlich verfassten Programms ergab keine andere Erkenntnis. Darüber hinaus nahmen an dem Turnier vier Mitarbeiter des Partnerunternehmens teil, die an den vorhergehenden Programmpunkten nicht anwesend sein konnten. Ein Austausch mit ihnen war allein beim Bowling-Turnier möglich.
Summa summarum: Der Kläger hat durch die Teilnahme am Bowling-Turnier eine Nebenpflicht aus seinem Arbeitsverhältnis erfüllt. Dass das Bowling-Turnier daneben auch persönlichen Belangen des Klägers wie der sportlichen Betätigung gedient habe, lasse den im Vordergrund stehenden betrieblichen Zweck nicht entfallen, urteilte das Gericht.

Unfall beim Abklatschen

Die Schulter scheint, wenn man so will, die Achillesferse beim Betriebsbowling zu sein. Ein anderer Beschäftigter renkte sie sich ebenfalls bei dieser Tätigkeit aus, doch wurde seine Klage auf Anerkennung eines Arbeitsunfalls vom Landessozialgericht (LSG) Sachsen-Anhalt abgewiesen. Was war passiert? Vermutlich ein Strike: Nach einem besonders gelungenen Wurf wurde er von seinen Firmenkollegen abgeklatscht – und verletzte sich dabei. 

Der Unterschied zum ersten Fall: Eine Fremdfirma hatte die Arbeitnehmer im Anschluss an eine Produktschulung zum Abendessen und zum Bowling eingeladen. Es war aber keine betriebseigene Gemeinschaftsveranstaltung, da der Arbeitgeber die Teilnahme nicht ausdrücklich gewünscht hatte. Dass er spontan für die Getränke aufgekommen war – geschenkt. Das änderte nichts daran, dass es eine Marketingveranstaltung der Fremdfirma blieb.

Urteil des Sozialgerichts Aachen vom 6. Oktober 2017 (Az.: S 6 U 135/16). Gegen das Urteil ist die Berufung zum LSG Nordrhein-Westfalen möglich.

Urteil des LSG Sachsen-Anhalt vom 8. Dezember 2011 (Az.: L 10 U 31/08)

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.

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