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F.A.Z.-Konferenz : „Wir können nicht die Hälfte der Bevölkerung ausschließen“

Noch immer
gibt es in deutschen Führungsetagen deutlich weniger Frauen als Männer. Doch wie
lässt sich das ändern? Darum ging es bei einer Online-Konferenz der F.A.Z. und
der Deutschen Bahn. Ein Umdenken in den bestehenden Strukturen spielt dabei eine
ebenso große Rolle wie die Sichtbarkeit von erfolgreichen Frauen.

Telefonierende Frau.
Noch immer gibt es in deutschen Führungsetagen weniger Frauen als Männer. Foto: SFIO CRACHO/Adobe Stock

Die Deutsche Bahn bezeichnet sich
neuerdings nicht mehr als Arbeitgeber, sondern als Arbeitgeberin. Doch das veränderte
Employer Branding ist nicht das einzige Zeichen, das der Konzern für mehr
Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern setzt will. “Traditionen und
Moderne können nur zusammengebracht werden, wenn sich die Deutsche Bahn divers
aufstellt”, sagte Martin Seiler, Vorstand Personal & Recht bei dem
Staatskonzern, im Rahmen einer Keynote mit dem Titel “30 Prozent Frauen in
Führung – Ein starkes Zeichen für die Deutsche Bahn”. Seiler eröffnete damit am 4. März die F.A.Z.-Konferenz “Frauen in Führung gestalten die
Zukunft”, die sein Unternehmen gemeinsam mit der “Zeitung für Deutschland”
online veranstaltete.

Pünktlich zum Weltfrauentag
startete bei der DB die Kampagne #wirsindIn, die sich gezielt an Bewerberinnen
richtet. So können Interessierte über die Konzernwebseite noch bis zum 12. März
Bewerbungsgespräche anfragen, sich Talks von Frauen in Führungspositionen bei
der Deutschen Bahn ansehen und an Online-Events speziell für Quereinsteigerinnen
teilnehmen. Diese und andere Maßnahmen zur Förderung von Frauen sollen jedoch
laut Seiler nicht als Sprint, sondern als Marathon verstanden werden. Derzeit
sind 21 Prozent aller Mitarbeitenden in Führungspositionen bei der DB Frauen. Bis
2024 sollen 30 Prozent erreicht werden.

Ziel: Erste
deutsche Frau im Weltall

Noch niedriger als auf der Schiene
ist der Frauenanteil bislang im Weltall. Suzanna Randall, Astrophysikerin und
Astronautin am European Southern Observatory (ESO) will das ändern, erklärt sie
auf der Konferenz. Sie trainiert derzeit für eine Forschungsmission auf der ISS
und könnte bald die erste deutsche Astronautin werden. Randall betonte in ihrem
Gespräch mit Sarah Bautz von unserem Schwestermagazin “Wir – Das Magazin für
Unternehmerfamilien” darüber, wie wichtig es ist, Mädchen und junge Frauen zu technisch-wissenschaftlichen
Laufbahnen zu ermutigen.

Annika Hundertmark und Sarah Bautz.
Die Leiterin Digitalisierung Bahnsystem beim DB-Konzern, Dr. Annika Hundertmark, gibt im Gespräch mit Sarah Bautz, Chefin vom Dienst bei “Wir – Das Magazin für Unternehmerfamilien”, Einblicke in das Programm “Digitale Schiene Deutschland”. Foto: Screenshot der Veranstaltung

Dazu zählt für sie vor allem,
selbst als Vorbild sichtbar zu werden, für alle jungen Mädchen, die eine
naturwissenschaftliche Karriere anstreben. Für sie selbst war Sally Ride,
Astrophysikerin und erste US-Amerikanerin im Weltall, eine prägende Identifikationsfigur.
“Ich halte es für absolut wichtig, dass es in den MINT Bereichen mehr Frauen
gibt. Wir brauchen die besten Arbeitskräfte, da können wir nicht die Hälfte der
Bevölkerung ausschließen”. Auch am ESO arbeite man gegen die gläserne Decke oder
auch “leckende Pipelines” an, wie Randall das Phänomen nannte, dass der
Frauenanteil in der Astrophysik nach Promotion noch 40 Prozent betrage, auf dem
Weg Führungsetage aber immer kleiner werde.

“Ein Netzwerk
allein reicht nicht”

Einen
weiteren Blick in den Arbeitsalltag einer erfolgreichen Frau in einem
Tech-Beruf gab Dr. Annika Hundertmark, die das Programm “Digitale Schiene
Deutschland” vorstellte, in dem an der Digitalisierung und Zukunftsfähigkeit
der Bahn gearbeitet wird. Hundertmark, ihres Zeichens Leiterin Digitalisierung
Bahnsystem beim DB-Konzern, beschrieb die agilen, selbstorganisierten
Prinzipien, mit der sie in ihren Projekten arbeitet: “Wichtig sind motivierte
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einem Klima von Wertschätzung, Vertrauen
und Feedback arbeiten wollen.”

Wie
entscheidend für Frauen in Unternehmen Netzwerke sind, wurde bei einer
Diskussion mit Ulrike Haber-Schilling, Vorstand Personal bei DB Regio, und Kerstin
Wagner, Head of Talent Acquisition bei der Bahn, deutlich. Im Gespräch mit
“Wir”-Chefredakteurin Petra Gessner schilderten die beiden Frauen persönliche
Erfahrungen auf ihrem Karriereweg. Als Schlüssel für mehr Top-Managerinnen sehen
beide ein Umdenken und proaktives Vorgehen, auch in reinen Frauennetzwerken:
“Man muss bereit sein, auch selbst Input zu geben, erst das ist Netzwerken”,
sagte Kerstin Wagner. Auch in diesem Gespräch fiel das Stichwort Sichtbarkeit: “Ein
Netzwerk allein reicht nicht, es ist wichtig aus dem eigenen Unternehmen herauszugehen,
gesehen zu werden”, so Ulrike Haber-Schilling.

Ulrike Haber-Schilling, Kerstin Wagner und Petra Gessner.
Ulrike Haber-Schilling (rechts), Vorstand Personal bei DB Regio, und Kerstin Wagner (unten), Head of Talent Acquisition bei der Bahn, im Gespräch mit “Wir”-Chefredakteurin Petra Gessner. Foto: Screenshot der Veranstaltung

Zum
Schluss der Veranstaltung stellten Stefanie Brickwede, Leiterin des DB-Konzernprojekts
3D-Druck und Geschäftsführerin des Netzwerks “Mobility goes Additive”, und Tina
Schlingmann, Technologiescout und Materialexpertin das 3D-Druck-Projekt der
Deutschen Bahn, vor. Hier werden jährlich Tausende Ersatzteile mit
3D-Drucktechnologie produziert, von Tablettaufsätzen für den Bistrobetrieb bis
zu tonnenschweren Stahlbauteilen für den ICE. Auch hier sei Diversität
entscheidend, erklärte Stefanie Brickwede: “Die Hälfte der Bevölkerung und
somit die Hälfte unserer Kunden sind Frauen. Uns fehlt diese Kundensicht, wenn
keine Frauen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind.” Schlingmann wiederum hob,
wie so viele Speakerinnen an diesem Tag, hervor: “Man muss selbst etwas dafür
tun, dass man sichtbar wird und sichtbar bleibt.”