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Lohnnachzahlung bei verschleiertem Arbeitsvertrag

Als moderne Sklaverei bezeichneten Anwälte die Anstellung einer Praktikantin, die fünf Jahre lang in Vollzeit quasi für ein Taschengeld arbeitete. Bild: © Creativa Images/Fotolia.de
Als moderne Sklaverei bezeichneten Anwälte die Anstellung einer Praktikantin, die fünf Jahre lang in Vollzeit quasi für ein Taschengeld arbeitete. Bild: © Creativa Images/Fotolia.de

Eine 16-jährige junge Frau wollte nach dem Realschulabschluss bei einem Finanzdienstleister Berufserfahrung als Bürokraft sammeln, um anschließend bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) die Prüfung zur Fachberaterin für Finanzdienstleistungen abzulegen. Der Arbeitgeber bot ihr keine Festanstellung, sondern lediglich einen Praktikumsvertrag an. Mehr als fünf Jahre lang arbeitete die junge Frau 43 Stunden die Woche und bekam dafür nur 300 Euro brutto im Monat. Überstunden wurden nicht vergütet.

Fall von “moderner Sklaverei”

Die Praktikantin war im Unternehmen unter anderem für den Internetauftritt der Firma und die Kundenakquise verantwortlich. Außerdem musste sie sich gemeinsam mit anderen Praktikanten regelmäßig um den Garten des Firmenchefs kümmern, in dessen Haus Fortbildungen stattfanden.

Bei der IHK-Prüfung fiel die Praktikantin schließlich durch. Später kam es wegen eines Urlaubsantrags zum Streit, die Frau kündigte und holte sich rechtlichen Beistand. Die Rechtsanwälte, die den Fall als “moderne Sklaverei” und die Anstellung als sittenwidrig bezeichneten, reichten beim Arbeitsgericht München Klage ein.

Arbeitgeber muss 50.000 Euro Lohn nachzahlen

Das Arbeitsgericht entschied, dass die Vollzeitanstellung nicht rechtens war. In Wahrheit habe es sich um ein verschleiertes Arbeitsverhältnis gehandelt. Die vermeintliche Praktikantin hatte die Arbeit einer normalen Vollzeitkraft gemacht. Das Gericht ermittelte das fehlende Gehalt und sprach der Frau die Differenz zum gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro zu. Der Arbeitgeber wurde zu einer Lohnnachzahlung von knapp 50.000 Euro verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Nach drei Monaten Praktikum Aufgabe des Jobs oder Festanstellung

Das Mindestlohngesetz sehe vor, so das Arbeitsgericht, dass ein Praktikum, das nicht von einer Hochschule vergeben werde, höchstens drei Monate dauern dürfe. Nach drei Monaten hätte die Praktikantin entweder die Tätigkeit aufgeben müssen oder der Arbeitgeber hätte sie mit einem angemessenen Gehalt fest anstellen müssen.