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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – mehr Meldungen seit #MeToo

Büromitarbeiterin, Chef legt ihr von hinten die Hand auf die Schulter
Jede zweite Frau gibt an, im Job schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.
Foto: © anyaberkut-stock.adobe.com

Der Ethics & Compliance Hotline Benchmark Report 2019 von Navex Global hat über eine Million Mitarbeiterberichte in Europa analysiert. Danach hat mehr als jede zweite Frau im Unternehmen schon sexuelle Belästigung erlebt: 80 Prozent von ihnen wechseln innerhalb von zwei Jahren den Arbeitgeber. Die Folgen von Belästigung am Arbeitsplatz betreffen sowohl die einzelnen Mitarbeiter und deren Karriere als auch das Unternehmen, da Stress und Depressionen zu geringerer Produktivität und Misstrauen gegenüber den Kollegen führen. Solche Taten schaffen laut Studie eine toxische Umgebung. Kollegen neigten dazu, den Vorfall zu ignorieren, Betroffenen Überreagieren vorzuwerfen oder Opfer  sogar der Lüge zu bezichtigen.

18 Prozent mehr Meldungen in den letzten zwei Jahren

Laut dem Report hat die Zahl der Berichte über sexuelle Belästigung in den Jahren 2017 und 2018 um 18 Prozent zugenommen; 41 Prozent dieser Fälle seien nachgewiesen. Es sei jedoch davon auszugehen, dass solche Belästigungen noch häufiger vorkommen, aber nicht angezeigt werden, sagt Carrie Penman, Chief Compliance Officer and Senior Vice President, Advisory Services von Navex Global. Viele Mitarbeiter hätten immer noch Angst davor, solche Vorfälle zu melden. Gründe seien unter anderem fehlende Unterstützung von Führungskräften, Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen, ineffektive interne Prozesse und eine nicht förderliche Unternehmenskultur.

Anonyme Berichte kaum weniger glaubhaft als andere

Die Anzahl der anonymen Meldungen ist von 32 Prozent im Jahr 2017 auf 20 Prozent im Jahr 2018 zurückgegangen. Dabei lag die Glaubhaftigkeit und Beweiskraft für anonyme Berichte mit 38 Prozent nur geringfügig unter der Gesamtquote. Von den Meldungen, die über Hotlines eingingen, wurde mehr als die Hälfte anonym eingereicht. Der Bericht zeigt, dass Unternehmen, die mehrere Wege zur Einreichung von Belästigungsbeschwerden anbieten – etwa Hotline, Internet, Telefon, Open Door – eine höhere Melderate aufweisen als jene, die nur Telefon und Web anbieten.

Führungskräfte müssen mit gutem Beispiel vorangehen

Frauen sind öfter von sexueller Belästigung betroffen als Männer. Dabei scheinen die Übergriffe vor allem von Vorgesetzten auszugehen; Kollegen stehen an zweiter, Kunden an dritter Stelle. Daher müsse Prävention auf Führungsebene beginnen, rät die Studie. Wenn die Unternehmensleitung solche Vorfälle strikt und offen ablehne, werde auch der Rest der Belegschaft dem guten Beispiel folgen.

Begriff der sexuellen Belästigung wurde ausgeweitet

Die #MeToo-Debatte hat bewirkt, dass mittlerweile auch Verhaltensweisen als sexuelle Belästigung eingestuft werden, die bislang eher als Grauzone galten, etwa sexuelle Kommentare, anzügliche Witze oder Anspielungen auf das Sexualleben von Kollegen, zweideutige Einladungen zu Kollegen nach Hause oder aufdringliche Fragen zu privaten Angelegenheiten. Es wird geschätzt, so die Studie, dass nur ein Viertel der Frauen solche Vorfälle meldet. Werden solche Verhaltensweisen jedoch von der Geschäftsleitung öffentlich verurteilt, steigt die Anzahl der Frauen, die sie melden, auf 60 Prozent, da sie dann weniger Angst haben, einer Überreaktion oder Lüge beschuldigt zu werden, ausgegrenzt zu werden und ihrer Karriere zu schaden. Unternehmen sollten daher, so die Empfehlung, ihre Mitarbeiter ermutigen, jeden Vorfall an Compliance-Beauftragte zu melden.

Die englischsprachige Studie steht zum > Download zur Verfügung.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.