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Arbeiten in der Wolke

Auf Crowdworking basieren immer mehr Geschäftsideen, auch
das von Testbirds, einem 2011 gegründeten Start-up. In seiner Community
versammeln sich junge Leute, die Apps testen, ehe sie auf den Markt geworfen
werden. Die meisten begeistert die Flexibilität, mit der sie ihre online
akquirierten Aufträge erledigen können, fand Testbirds in einer Befragung
heraus. Auch der Spaß soll nicht zu kurz kommen.

Auf die vermeintlich hippe Arbeitswelt der Plattformökonomie
angesprochen, reagiert Martin Risak mit beißender Kritik. “Geschäftsmodelle,
die nur auf Preisdruck funktionieren”, sagte der Wiener Forscher auf einer
Veranstaltung des MCIR, “sind weder innovativ noch förderungswürdig.” In der
Tat beziehen die Tester von Testbirds umgerechnet gerade mal den gesetzlich
vereinbarten Mindestlohn, wie auch Mitgründer Markus Steinhauser einräumte.

Geschäftsmodelle,
die nur auf Preisdruck funktionieren sind weder innovativ noch förderungswürdig.

Zwar müssen die Tester laut Steinhauser eine Menge Zeit
investieren, um ihre jeweiligen Aufträge abzuarbeiten. “Davon leben kann aber
niemand”, gab der Head of Operations auf dem Forum in der Münchner Residenz zu.
Doch moralische Skrupel hat der Jungunternehmer deshalb nicht. Lediglich sieben
Prozent der Tester seien Freiberufler und daher mehr oder weniger von den überaus
dürftigen Honorar abhängig. “Die große Mehrheit ist festangestellt und verdient
sich bei uns etwas nebenbei.”

Dass Crowdworking zahlenmäßig so stark nachgefragt wird, ist
auch der IG Metall ein Dorn im Auge. Vanessa Barth, die für die Gewerkschaft
nach den Gründen der stark wachsenden Akzeptanz von Crowdworking sucht, macht
keinen Hehl daraus, dass die stark repräsentierte Gruppe von Akademikern nicht
nur die Flexibilität anspricht, sondern auch die “große Bandbreite an
attraktiven Aufgaben”, die oft neben der hauptberuflichen Tätigkeit erledigt
würden. Wie Arbeit auf den Plattformen organisiert sei, betonte sie in München,
davon könnten viele Unternehmen “sich eine Scheibe abschneiden”.

Doch damit genug des Lobes. Ähnlich wie Risak kritisiert sie
vor allem die Vergütungspraxis. Pikant: Gerade Akademiker, die in sicheren
Verhältnissen leben und sich per Crowdworking etwas hinzuverdienen, betonten,
die Vergütung sei “nicht fair”. Die Plattformen seien einseitig zu Gunsten der
Betreiber und Auftraggeber gestaltet. “Das Risiko wird auf den Auftragnehmer
verlagert”, so Barth.

Freilich kann niemand das Internet einfach ausknipsen. Also
kommt es darauf an, die Arbeitsbedingungen im Netz zu gestalten. Risak griff
den Gedanken auf: “Anders als vielfach behauptet”, so der Autor eines
Standardwerks über Arbeit in der sogenannten Gig Economy, “sind prekäre
Arbeitsverhältnisse nicht unmittelbar Folge von Technik, vielmehr auf
menschliche Entscheidungen zurückzuführen.” Risak arbeitet mit Hochdruck an
gesetzlichen Grundlagen, nach denen Plattformbetreiber wie bei der
Scheinselbstständigkeit als Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden sollen.
“Viele Crowdworker sind wie Angestellte zu behandeln. Sie sind nicht
selbstständig, sondern abhängig beschäftigt.”

Das geht einigen doch zu weit. Victoria Ringleb,
Geschäftsführerin der Allianz deutscher Designer  (AGD), erinnerte in München daran, dass
abhängige Beschäftigung “zugunsten flexibler Arbeitsmodelle wie Home Office und
Crowdworking” seit Jahren auf dem Rückzug sei. Besser als zusätzliche
Regulierung sei, mehr Kollaboration sowie die Bildung von Netzwerken zu
fördern. “Das verspricht doch ein hohes Innovationspotenzial.”

Risak hingegen lässt die Hoffnung nicht fallen, dass sich
die Beschäftigten in der Gig Ökonomie zusammenschließen und für eine bessere
arbeits- und sozialrechtliche Absicherung einsetzen. Doch vor der Realität
verschließt auch er die Augen nicht: Denn heute würden viele junge Menschen
lieber ihre individuellen Lebensentwürfe verfolgen. “Sie suchen weniger nach
Gemeinsamkeiten, sondern ihren eigenen Vorteil.” Fürs Kollektiv einzutreten
klingt ihnen schlicht zu verstaubt.

Autor: Winfried Gertz