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Arbeitsplatz: Warum diverses Design wichtig ist

Eins ist sicher: Von Diversität profitieren Arbeitnehmende und Arbeitgeber gleichermaßen. Laut Studie der Charta der Vielfalt ist auch die Mehrheit von Deutschlands Unternehmen vom beidseitigen Nutzen einer multiplen Belegschaft überzeugt. Zwei Drittel von ihnen sehen mit Diversity Management konkrete Vorteile verbunden, und 63 Prozent erwarten, dass das Thema künftig noch an Relevanz gewinnt. Leider werden Konzepte, die Vielfalt unterstützen sollen, oft nicht genug durchdacht und die Bekenntnisse dazu entpuppen sich als leeres Arbeitgebermarketing.

Ob Unternehmen nur an der Oberfläche kratzen oder ganzheitlich denken, spiegelt sich häufig im Arbeitsplatzdesign wider. Wird menschliche Diversität an dieser nicht ganz offensichtlichen, aber substanziellen Stelle mitgedacht oder nicht?

Gleichwertige Teilhabe statt Gleichberechtigung

Es gibt circa 15 Millionen Menschen in Deutschland, die Bürotätigkeiten nachgehen. Hinter dieser großen Zahl verbergen sich Individuen mit je eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Vorlieben. Ein Blick in die Büros zeigt, dass dieser Vielfalt räumlich nicht entsprochen wird: Schreibtische und Stühle in Reihe angeordnet, strahlen vor allem Konformität und Gleichheit aus und sollen Platz sparen. Dies ist leider eine noch immer weit verbreitete Arbeitssituation. Sie ist darauf ausgelegt, dass jeder auf die gleiche Weise, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort arbeitet und agiert. Ein Abbild des traditionellen, stromlinienförmigen Verständnisses von Bürotätigkeit, wie es viele Arbeitgeber in Deutschland an den Tag legen.

Auch wenn Unternehmen laut Geschäftsberichten zahlreiche DEI-Maßnahmen (Diversity, Equality and Inclusion) umsetzen: Das Engagement für mehr Vielfalt verfehlt sein Ziel, wenn es nicht auch am physischen Arbeitsplatz ankommt. Inklusion beziehungsweise Ausgrenzung werden durch und in der Arbeitsumgebung geschaffen und manifestiert.

Das heutige und zukünftige Arbeitsumfeld braucht im Sinne der Diversität einen integrativeren Ansatz. Einen Ansatz, der gleichberechtigte Teilhabe aller Mitarbeitenden fördert und nicht nach Gleichheit strebt. Statt die gleiche Art Arbeitsplatz für alle vorzusehen, müssen Organisationen ihren Beschäftigten eine Auswahl eröffnen, die den verschiedenen, zudem dynamischen Bedürfnissen möglichst weitgehend gerecht wird.

Inklusives Design ist mehr als Barrierefreiheit

Das Design von Arbeitsplätzen ist in sehr vielen Büros dieser Welt auf Durchschnittsangestellte ausgerichtet – und es sieht in vielen Ländern mehr oder weniger ähnlich aus. Auf diese Weise sollen im Großen und Ganzen die wichtigsten Bedürfnisse der meisten Beschäftigten erfüllt werden. Das mag vordergründig effizient sein, bedeutet aber auch, dass sich viele Mitarbeitende ausgeschlossen fühlen. Angestellte mit vom Durchschnitt abweichenden Bedürfnissen wollen und brauchen ihre entsprechenden Arbeitsplätze, um genauso gut und erfolgreich zu arbeiten wie ihre Kolleginnen und Kollegen. Raum prägt Verhalten und Verhalten prägt Kultur: die Kultur des Unternehmens, mit dem sich der Mitarbeitende identifizieren möchte und soll.

Inklusion beginnt mit der Anerkennung von Ausgrenzung durch physische, kognitive und kulturelle Barrieren. Das Raumdesign kann diese Barrieren verstärken oder abbauen. Dafür müssen Inklusion und Diversität zu Leitgedanken der Unternehmensentwicklung werden, die zum Beispiel in Workshops und Diversity-Schulungen eingeübt werden. Vor allem aber gilt es, vielfältige Stimmen und Sichtweisen von Anfang an in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. So empfiehlt es sich, divers besetzte Projektteams zu bilden und sie nach ihren Bedürfnissen für den Arbeitsalltag zu fragen – Mitarbeiter einzubeziehen, ist ratsam, auch und gerade, wenn es darum geht, Arbeitsumgebungen neu- oder umzugestalten. Denn eines ist auch klar: Inklusives Design ist – ebenso wie das grundsätzliche Verständnis von Inklusion und Diversität – ein nie abgeschlossenes Projekt. Es ist ein anhaltender Lernprozess für uns alle.

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse beachten

Viele neurodivergente Menschen, beispielsweise Menschen im Autismus-Spektrum, reagieren nachgewiesen stark auf Umweltreize. Für sie existiert inzwischen ein evidenzbasierter Leitfaden: Gemäß dem „Autism ASPECTSS Design Index“ arbeiten sie in einer lärmarmen Umgebung, mit klar abgeteilten Bereichen zur Erholung. Eine logische räumliche Anordnung und Wegführung sowie anpassbare Räume geben Halt und können das individuelle Stresserleben reduzieren.

Aber nicht nur neurodivergente Personen profitieren von Arbeitsbedingungen, in denen Reize aktiv kontrolliert und eingeschränkt werden können. Auch viele neurotypische Beschäftigte sehen sich durch laute, allzu offene Umgebungen herausgefordert, wenngleich nicht in derselben Intensität und Ausprägung. Aktuelle Ergebnisse unserer Forschung bei Steelcase untermauern diesen Aspekt und zeigen, dass sich viele Menschen grundsätzlich mehr Privatsphäre und Rückzugsorte im Arbeitsalltag wünschen.

Das Beispiel macht deutlich: Inklusives Design bedeutet individuelle Anpassbarkeit und Kontrolle. Es geht darum, das Potenzial jedes Einzelnen zu entfachen, unabhängig von Aspekten der persönlichen Identität wie Geschlecht, Kultur, Alter oder körperlichen Voraussetzungen und Einschränkungen.

Arbeitsplatzdesign als Faktor für Mitarbeitermotivation und Unternehmenskultur

Wie Studien zeigen, hat das Arbeitsplatzdesign einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Beschäftigten. Räume haben die Kraft, Menschen in ihrem Tun und Sein zu bestärken. Unterbewusst oder bewusst wirkt sich die Gestaltung hemmend oder fördernd auf die Motivation von Mitarbeitenden aus. Dies steht im direkten Zusammenhang mit einer gesteigerten Produktivität, aber auch dem Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Unternehmen. Letztlich bringt die Raumgestaltung die Kultur und das Selbstverständnis eines Unternehmens zum Ausdruck und ist niemals unabhängig davon zu betrachten.

Engagierte und progressive Arbeitgeber müssen Diversität in all ihren Prozessen, ihrem gesamten Tun mitdenken, inklusive des Arbeitsplatzdesigns. Die Vielfalt einer Belegschaft muss sich auch in der Raumgestaltung widerspiegeln. Hier zeigt sich, ob Diversität und Inklusion nur für das Image herhalten müssen oder ob das Unternehmen sie als Prinzipien betrachtet, die es ganzheitlich bis in den Arbeitsalltag hinein umzusetzen gilt.

Klar ist: Jeder Einzelne braucht Wahlfreiheit über seinen Arbeitsort und Kontrolle über die Gestaltung seines Arbeitsplatzes, um sich in seiner Tätigkeit und seiner Rolle innerhalb des Unternehmens wohlfühlen zu können. Wo diese Kontrolle nicht gewährleistet ist, sind zunächst HR und Management gefordert, ein Bewusstsein dafür sowie die Bereitschaft zu entwickeln, etwas zu verändern. Am Ende geht es um einen integrativen unternehmerischen Ansatz, der den Menschen in all ihrer Verschiedenheit eine Stimme gibt und Beteiligung ermöglicht.

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