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„Auch die Nummer 23 kann plötzlich wichtig werden“

Frank Wormuth, Leiter der Hennes-Weisweiler-Akademie; Bild: DFB
Frank Wormuth, Leiter der Hennes-Weisweiler-Akademie; Bild: DFB

Welchen Führungsansatz lehrt der DFB? Und welcher Trainer ist eine große Führungskraft? Ein Gespräch mit Frank Wormuth, Leiter der DFB-Trainerakademie, über die Rolle der Personalführung in der Fußballlehrer-Ausbildung, angespannte Coaches bei der EM und Mittelständler, die nicht loslassen können.

Personalwirtschaft: Herr Wormuth, Sie sind oberster Trainerausbilder in Deutschland. Da ist ein EM-Besuch in Frankreich Pflicht, oder?
Frank Wormuth: Na klar. Der DFB schickt eine Beobachtergruppe, zu der ich auch gehöre. Wir schauen uns Spiele an und machen eine Trendanalyse. Im Grundsatz sind die Erkenntnisse für die Trainerausbildung in Deutschland, aber wenn Jogi anfragen sollte, dann helfen wir ihm mit Einschätzungen zu einzelnen Mannschaften. Da wir die großen Turniere schon seit 2008 analysieren, können wir Entwicklungen gut nachverfolgen. Sei es die Doppel-Sechs oder die reanimierte Dreierkette.

Achten Sie speziell auf die Trainer, auf deren Führung und Auftreten?
Welche Führungsstrategie ein Trainer verfolgt, ist von außen schwer zu beurteilen. Wir wissen nicht, was er im Vorfeld gemacht hat. Wenn einer beim Spiel wie wahnsinnig rumhampelt, dann hat er vielleicht nur einen schlechten Tag, steht unter besonderem Stress oder ist deshalb aggressiver, weil die Mannschaft nicht das umsetzt, was vorher besprochen worden war. Das sagt nicht so viel über ihn und seinen grundsätzlichen Führungsstil aus. Im Vordergrund unserer Analyse stehen eher Technik und Taktikaspekte.

Welche Rolle spielt Personalführung in der Trainerausbildung?
Eigentlich haben wir in der kompletten Ausbildung mit Führung in der Anwendung zu tun, da wir insbesondere im Fach “Fußballlehre” ständig auf dem Platz sind, um Inhalte und Verhalten des Trainers zu analysieren. Dies machen wir hauptsächlich mit realen Mannschaften, so dass Spieler-/Personalführung immer präsent ist. Im Fach “Sportpsychologie” arbeiten wir Führung auch in der Theorie durch, vor allen Dingen präsentieren wir die zwölf Prinzipien von Frey oder vergleichen zum Beispiel transaktionale und transformationale Führung.

Hätten Schweiger wie Ernst Happel oder Feldherren wie Rinus Michels heute eine Chance?

Es wird zwar weiterhin in kurzen Hosen und Trikots gespielt, aber die Spielertypen sind andere. Die haben eine Meinung und wollen durch Argumente überzeugt werden.

Zur Ausbildung gehört zwar der deduktive, vorgebende Unterrichtsstil, aber wir fördern auch die induktive Lehre. Früher haben wir den Kickern gesagt, was sie zu tun haben, heute sollen sie selbst die Lösung für eine Spielsituation finden. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich beim nächsten Zweikampf daran erinnern und rechts statt links herum laufen.

Sie haben ältere Ex-Profis als Lehrgangsteilnehmer. Lassen die sich überhaupt beeinflussen, oder führen sie so, wie sie es von ihren jeweiligen Trainern gelernt haben?
Sowohl als auch. Tendenziell werden es aber weniger Teilnehmer, die einfach ihren Stiefel durchziehen. Sie merken, dass bei den Ausbildern eine Menge Kompetenz vorhanden ist, von der sie profitieren können. Wir haben aber die Erfahrung gemacht – und eine in Zusammenarbeit mit der Kölner Sporthochschule entstandene Doktorarbeit hat es nachgewiesen -, dass viele Trainer unmittelbar nach der Ausbildung in alte Muster zurückfallen …

… und den Medizinball rausholen.
Das nicht, aber wir hatten einmal einen Ex-Bundesligaspieler, der hat sinngemäß gesagt: ‚Wenn es nicht läuft, mache ich es wie bei meinem Ex-Verein und bringe Spaß ins Training rein. Wenn ich die Zügel locker lasse, fangen die sich schon wieder.‘ Er hatte es in seinem Verein so erlebt und nahm deshalb an, dass es überall funktionieren würde. Mit dieser Vorstellung ist er im Übrigen kein Einzelfall. Sein Co-Trainer musste ihn daran erinnern, dass er viel schlechtere Spieler zur Verfügung hat und deshalb nicht für Spaß sorgen muss, sondern dafür, dass die Kicker technisch und taktisch besser werden.

Inzwischen haben sie auch viele Anwärter, die keine klassische Profikarriere mehr durchlaufen haben. Mehmet Scholl nannte sie verächtlich ‚die Laptop-Trainer‘.
Ja, ja, der Mehmet. Er hat ja selbst einen Laptop (lacht). Er wollte nur darauf hinweisen, dass man Spiele nicht in der Theorie gewinnen kann. Und wir haben in den letzten Jahren erkannt, dass wir nicht nur die Theoretiker nehmen dürfen. Den bis 35-Jährigen muss man manchmal den Laptop aus der Hand reißen, damit sie wieder die Realität erkennen können.

Moderne Führung bedeutet, seinen Mitarbeitern mehr Freiräume, mehr Selbstgestaltungsmöglichkeiten zu geben. Ist das im Fußball genauso?
Ich halte seit Jahren Vorträge in der Wirtschaft, vor allem beim Mittelstand. Die Zuhörer erschrecken sich oft und sagen: ‚Ihr seid ja weiter als wir‘. Wir dringen im Sport in Regionen vor, die man nicht kontrollieren kann: übersäuerte Muskeln, tobende Zuschauer, totaler Stress, da gehen wir ans Eingemachte. Der Fußball ist flexibler, komplexer geworden, ich habe keine Schablonen mehr, nur noch Grundordnungen, in denen die Spieler eigenständige Entscheidungen treffen müssen. Wir haben viele Abteilungsleiter auf dem Platz, denen wir Vertrauen und Einfühlungsvermögen entgegenbringen müssen.

Aber gerade im Mittelstand tun sich die Firmengründer oft schwer, in Sorge um ihr Lebenswerk, Verantwortung abzugeben.

Dabei gilt: Nur Kontrollreduktion führt zu Vertrauen. Eigentlich eine Binse.

Hat deshalb so ein junger Trainer wie Julian Nagelsmann in Hoffenheim Erfolg, weil er Kontrolle abgibt?
Er hat mir erzählt, dass er vor allem mit den Spielern gesprochen habe.

Das klingt auch nach einer Binse.
Und trotzdem scheint es bei seinen Vorgängern anders gewesen zu sein. Die hatten drei, vier Ansprechpartner, was prinzipiell okay ist. Aber erst als Julian Nagelsmann angefangen hat, mit allen in der Mannschaft zu sprechen, ist daraus ein Team erwachsen. Er hat jedem Spieler das Gefühl gegeben, dass er wichtig ist, hat seine jeweilige Position hoch bewertet und dadurch Vertrauen und Bedeutung verteilt.

Wie lange dauert es, bis sich die Führungsprinzipien eines Trainers abnutzen?
Das hängt nicht von seinem Führungsstil ab, sondern davon, ob er drei Punkte holt.

Aber hält der Führungsstil eines Julian Nagelsmann prinzipiell länger als der eines Felix Magath?
Sie haben in einer Mannschaft 24 unterschiedliche Charaktere, die müssen sie individuell ansprechen. Das ist die Kunst. Heutzutage kann jeder Spieler plötzlich wichtig werden, auch die Nummer 23 oder 24. Wenn ich nicht mit ihnen spreche oder sie runterputze, weil sie heute eine schlechte Partie geliefert haben, kann ich nicht erwarten, dass sie zwei Wochen später die Kohlen aus dem Feuer holen.
Ein gutes Beispiel ist der Schalker Leroy Sané. Letztes Jahr hatte ihn keiner ganz oben auf dem Zettel, dann hat er eine gute Bundesliga-Saison gespielt. Nun fährt er mit zur EM nach Frankreich. So schnell geht es: Kaum aus den Windeln raus und schon ist er Nationalspieler. Das ist der Unterschied zur Wirtschaft:

Im Fußball werden Leistungen viel schneller honoriert, aber führen, wenn sie ausbleiben, schnell zum Abstieg.

Welche Trainer sind für Sie Vorbilder?
Zum Beispiel Trainer wie Ottmar Hitzfeld, der seine Spieler auf der Sachebene angesprochen und seine eigenen Emotionen zurückgehalten hat. Oder Thomas Tuchel. Er hat in Mainz einmal eine Matrix aufgebaut, um sicherzustellen, dass er regelmäßig alle vier bis sechs Wochen Gespräche mit seinen Kickern führt. Arsène Wenger. Er beobachtet seine Mannschaft genau, achtet auf jede kleine Veränderung: Der Spieler kommt sonst lächelnd zum Training, heute nicht. Komisch. Den muss ich beobachten. Warum tuschelt Spieler A regelmäßig mit Spieler B, was ist da los? Wenger sagte einmal bei uns an der Akademie: ‚Ich schaue ständig, wo Konflikte entstehen könnten und versuche sie sofort in den Griff zu bekommen, um Unruhe zu vermeiden.‘ Man kann fast jeden Trainer irgendwie als Vorbild sehen.

Was zeichnet eine große Führungskraft aus?
Da muss ich das Buch rausholen, das ich gerade lese: “Quiet Leadership” von Carlo Ancelotti.

Ist der neue Bayern-Trainer Ancelotti eine?
Ich gehe davon aus. Drei Aspekte sind letztlich für eine Führungspersönlichkeit entscheidend: Menschenkenntnis, also die Fähigkeit, seinen Gegenüber zu erkennen. Dann die Fähigkeit, mit ihm kommunizieren zu können. Und das Wichtigste: Die Fähigkeit, sich selbst zu führen. Dafür muss man erkennen, wer man ist, und wie man in bestimmten Situationen reagiert. Das alles hat Ancelotti – was ich zumindest aus der Ferne sehe.

Zum Schluss: Ihr Tipp für die EM?
Ich weigere mich Tipps zu geben (lacht). Ich werde anschließend immer als Experte verrissen. Das Schöne am Fußball ist ja, dass wir im Vorfeld nicht wissen, wie es ausgeht. Das hat sich glücklicherweise nicht geändert, trotz der rasanten Spielentwicklungen.

Das Interview führte Marcus Meyer, freier Journalist.

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