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Brustkrebspatientinnen benachteiligt

Eine ältere Frau mit Ärztin und Röntgenbild erhält Brustkrebsdiagnose
Die Diagnose Brustkrebs kann alles verändern: auch Überlebende sind später nicht mehr so oft berufstätig wie andere Frauen.
Foto: © RFBSIP/Fotolia.de

Deutschland hat die Bevölkerung mit dem höchsten Durchschnittsalter in Europa – und die dritthöchste Brustkrebsrate der Welt. Trotz der hohen Überlebensrate und des deutschen Rehabilitationssystems haben Brustkrebspatientinnen einige Jahre nach der Therapie weniger Chancen, noch im Job zu sein als andere ältere Frauen, wie eine Studie zeigt.

Die “Intelligence Unit” der britischen Zeitschrift “The Economist” hat in einer von Pfizer unterstützten Studie untersucht, welche Hürden Brustkrebspatientinnen, die wieder in den Beruf zurückkehren wollen, überwinden müssen. Der Analyse liegen verschiedene Studien für Europa und speziell für Deutschland zugrunde. Deutschland nimmt in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein: Aufgrund der demografischen Entwicklung ist das Durchschnittsalter der Menschen höher als im europäischen Durchschnitt, in den letzten Jahren stieg die Erwerbstätigenquote älterer Frauen rasant an und außerdem hob der Gesetzgeber das Rentenalter stufenweise an.

Sechs Jahre nach der OP sind weniger Überlebende im Job als andere ältere Frauen

Aus der aktuellen Studie geht hervor, dass die Überlebensrate von Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, hierzulande nach fünf Jahren bei 88 Prozent liegt – ein Wert, der dem Durchschnitt reicher Industriestaaten entspricht. Allerdings ist die absolute Anzahl von Frauen, die Brustkrebs überleben, in Deutschland höher als etwa europaweit, zum einen wegen der hohen Bevölkerungszahl, aber auch wegen der demografischen Entwicklung. Trotzdem liegt die Wahrscheinlichkeit für Frauen, sechs Jahre nach einem chirurgischen Eingriff wegen Brustkrebs noch erwerbstätig zu sein, nur bei 62 Prozent der Wahrscheinlichkeit für Frauen aus einer vergleichbaren Kontrollgruppe. Die Entscheidung, wieder in den Job zurückzukehren, fällt dabei bei Brustkrebspatientinnen vor allem im ersten Jahr.

Reha-Maßnahmen greifen nicht

Nun verfügt Deutschland über ein anerkanntes Rehabilitationssystem, unter anderem die stufenweise Wiedereingliederung. Doch die Untersuchung fand heraus, dass die medizinischen Reha-Maßnahmen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) ausgerechnet bei Krebspatientinnen nicht zu greifen scheinen, sondern offenbar sogar eher schaden. Aus einer Erhebung von 2013 geht hervor, dass 69 Prozent der Brustkrebspatientinnen, die an einem solchen Programm teilnahmen, ein Jahr nach der OP wieder arbeiteten. Von jenen Frauen, die auf die Reha verzichteten, waren jedoch 93 Prozent wieder im Beruf.

Mehr Zeit für Vorbereitung auf die Rückkehr in den Job nötig

Die Studienautoren vermuten, dass ein Teil des Problems darin liegen könnte, dass in lediglich drei Wochen medizinischer Rehabilitation sowohl physische als auch soziale und psychologische Bereiche abgedeckt werden müssen. Außerdem spielten Maßnahmen, die auf Wiedereingliederung in den Beruf abzielten, nur eine geringe Rolle im Gesamtpaket. Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 erhielten nur 7,4 Prozent der Brustkrebspatientinnen in medizinischen Reha-Maßnahmen der DRV Unterstützung in diesem Bereich. Inzwischen ist die DRV dabei, ihre Programme zu überarbeiten, doch in Bezug auf Krebskranke befinden sich die Studien noch in den Anfängen. Eines fanden die Forscher dort jedenfalls schon heraus. So wird vermutet, dass Brustkrebsüberlebende, die wegen ihrer Erkrankung nicht mehr arbeiten können, oft in ihrer psychischen Gesundheit und hinsichtlich Zuversicht und Selbstvertrauen eingeschränkt sind und längere Unterstützung als nur drei Wochen benötigen. Die Infrastruktur für die Rehabilitation ist vorhanden, so die Studie, nun müssten bessere Möglichkeiten gefunden werden, um die Rückkehrquote in den Job bei Brustkrebspatientinnen zu erhöhen.

Wieder ins Berufsleben zurückzukehren kann für Patienten, die eine Krebserkrankung überstanden haben, ein sehr wichtiger Schritt sein,

sagt Prof. Dr. Anja Mehnert, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig und Autorin von Untersuchungen, die in der aktuellen Studie analysiert werden. Die Rückkehr in den Job sei nicht nur wichtig, weil Erwerbstätigkeit Grundlage einer guten Versorgungssituation sei, sondern auch die psychische Komponente sei nicht zu unterschätzten, so Mehnert. Wieder arbeiten zu können, werde oft damit gleichgesetzt, wieder gesund zu sein und den Alltag wieder bewältigen zu können und damit ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Doch auch Krebspatienten, deren Erkrankung bereits fortgeschritten und bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist, könne eine – gegebenenfalls reduzierte – Berufstätigkeit Halt geben.

Der Report zur deutschen Situation steht auf Englisch zum > Download zur Verfügung. Die gesamten Studienergebnisse gibt es > hier.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.