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„Die Erfahrung hat mich enorm geerdet“

Piet Smits im Interview mit Personalwirtschaft
Foto: privat

Personalwirtschaft: Was war Ihre Motivation, am Programm “Seitenwechsel” teilzunehmen?
Piet Smits: Mich professionell weiterzuentwickeln, stand im Vordergrund und nicht die soziale Tat. Führungskräfte werden häufig mit Situationen konfrontiert, die sie sich nicht aussuchen können und die sehr herausfordernd sind. Sei es der Umgang mit einem Mitarbeiter, der einen Angehörigen verloren hat, oder einem suchtgefährdeten Mitarbeiter beispielsweise. Vor diesen Problemen dürfen wir nicht die Augen verschließen, denn wir sind ein Spiegel der Gesellschaft.

Den Umgang mit Sucht könnte man doch auch in einem “Gesund führen”-Seminar lernen?
Theoretisch ja, praktisch nein. Der Vorteil von Seitenwechsel ist, dass Führungskräfte mitten ins Leben “geworfen” werden. Das Ziel ist, sie in schwierigen Situationen handlungsfähiger zu machen. Führen hat viel mit Erfahrung zu tun, und im realen Kontext wird man um viele Erfahrungen reicher, die einem ein theoretisches Seminar oder ein konstruiertes Planspiel nicht bieten könnten.

Kritiker behaupten, diese Art der Weiterbildung sei eine Art Reality-Coaching an den Schwachen der Gesellschaft, um die Starken noch erfolgreicher zu machen.
Das sehe ich nicht so. Aus meiner Sicht ist das Programm für alle Seiten bereichernd: Für die Führungskraft, weil sie in der Rolle des “Praktikanten” gerade nicht anderen überlegen ist, sondern sich die Zeit nimmt, zu beobachten, geduldig zuzuhören und nicht alles lösen zu wollen. Auch die sozialen Einrichtungen können vom Erfahrungsaustausch mit dem Unternehmen profitieren und zum Beispiel etwas über betriebliche Arbeitsprozesse und Methoden erfahren. Als Gesellschaft profitieren wir, weil wir zum Beispiel Vorurteile gegenüber Obdachlosen, die wir stärker ins Blickfeld holen, abbauen können.

Sie haben sich für eine Drogenklinik entschieden – warum?
Zunächst hatte ich die Möglichkeit, bei der von der Patriotischen Gesellschaft organisierten Marktbörse mit möglichst vielen Institutionen in Kontakt zu kommen. Programmleiterin Doris Tito riet den Teilnehmern, in der Einrichtung zu hospitieren, bei der man die größten Bauch- schmerzen und Hemmungen hat. Durch das Heraustreten aus der Komfortzone könnten wir am meisten lernen. In den Niederlanden habe ich Grundschullehramt studiert und war dadurch mit Kinderheimen und mit den Problemen von Flüchtlingskindern in Kontakt. Mehrfach abhängige Suchtkranke kamen dagegen bis dato nicht in meiner Tagesrealität vor, und ich hatte durchaus Berührungsängste, in eine geschlossene Abteilung zu gehen. So habe ich mich für die Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll (Drogenentzugsstation) entschieden und dort im Dezember 2006 meinen Seitenwechsel absolviert.

Mit welchen Erwartungen haben Sie das Sozialpraktikum begonnen?
Ich wollte einen Einblick in die Lebensrealität drogenabhängiger Menschen bekommen und für mich herausfinden, welche Vorurteile ich habe und in welchen Situationen ich an meine Grenzen stoße. Eines meiner Vorurteile war, dass mehrfach Suchtabhängige unmündig in Bezug auf ihre eigene Lebensführung sind. Überraschenderweise wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Zur Lebenswirklichkeit dieser Menschen gehört zwar, dass sie teilweise mehrfach zum Entzug in die Klinik kommen und oftmals gar nicht das Ziel haben, “clean” zu werden, aber sie sind trotz- dem in der Lage, klare Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Das kann für den einen das Ausprobieren eines neuen Medikaments und für den anderen das kurzfristige Aufpäppeln in der Klinik sein, bevor man sich erneut in die Lebenswirklichkeit von Drogen und Prostitution begibt.

Suchtkranke handeln also selbstverantwortlicher als Sie dachten?

Überraschenderweise ja, denn sie wollen nicht, dass Therapien oder die Verabreichung von Medikamenten über ihren Kopf hinweg entschieden werden. Sie wollen ernst genommen werden und mitreden können. Das ist im Unter- nehmen nicht anders, denn auch hier wollen Mitarbeiter keine Entscheidungen übergestülpt bekommen. Anders als im Unternehmen richten sich die Ziele in einer sozialen Institution nicht nach der Aufgabe, sondern nach dem Menschen, der sie erreichen soll. Das bedeutet für die Sozialpädagogen und Ärzte, dass sie ihre eigenen Erwartungen herunterschrauben müssen. Für sie ist ein realistisches Ziel, dass ein Patient physisch und psychisch besser aus der Klinik herausgeht als er hineingekommen ist. An der Realität des Einzelnen können sie nur bedingt etwas ändern.

Welche zwischenmenschlichen Erfahrungen haben Sie darüber hinaus gesammelt?
Es war sehr interessant und lehrreich für mich, Sozialpädagogen bei ihren täglichen Arbeitsabläufen zu begleiten und zu sehen, wie sie sich für die Patienten einsetzen – sei es bei Ämtern, bei der Betreuung von sportlichen oder anderen gruppendynamischen Angeboten oder bei Einzelgesprächen. Positiv erlebt habe ich dabei, wie Ärzte und Sozialpädagogen durch gute Fragen herauszufinden versuchen, wie zum Beispiel der Reifegrad einer Abhängigkeitserkrankung eines Patienten ist. “Welches Medikament hat bei Ihnen gut gewirkt, und wie wollen Sie Ihre nächsten zwei Wochen in dieser Klinik gestalten?” Solche Fragen haben die Patienten in die Lage versetzt, Einfluss auf ihre Situation auszuüben. Eine wichtige Erkenntnis für mich war, dass sie die Experten ihrer Krankheit sind und keine willenlosen Marionetten.

Wie lassen sich die Erfahrungen aus der sozialen Welt auf den Unternehmenskontext übertragen?
Um im Unternehmensalltag Situationen im Sinne des Mitarbeiters zu lösen, ist es wichtig, sich in dessen Lebenswelt zu begeben. Das kann mir gelingen, wenn ich durch gute Fragen seine Perspektive in Erfahrung bringe, ihm genug Raum lasse, um diese zu beantworten, und ihm mit Empathie und aufrichtigem Interesse begegne. Im Führungsalltag nehmen wir uns allerdings oftmals zu wenig Zeit, Fragen zu stellen. Und viele Führungskräfte denken, dass ihre Lösungen die besten sind. Als Seitenwechsel-Praktikant hatte ich den Luxus, zuhören zu dürfen und meine Antennen für die Sorgen und Bedürfnisse sozial benachteiligter Menschen auszufahren. 

Heute habe ich eine größere Sensibilität und mehr Verständnis für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Persönlichkeitsentwicklung durch Grenzerfahrungen ist ein Ziel von Seitenwechsel. In welchen Momenten sind Sie an Ihre Grenzen gekommen?
Ein Schlüsselmoment war für mich ein längeres Gespräch mit einem Drogenabhängigen, der mir sagte: “Manchmal stelle ich mir vor, dass ich im Weltall fliege, auf die Erde schaue und dann frage ich mich, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich einen Zentimeter mehr nach links oder rechts geboren wäre. Dann hätte ich vielleicht einen Schulabschluss gemacht und eine Ausbildung angefangen”. Dieser für mich wertvolle Moment hat mich zum Nachdenken gebracht, war ich doch immer eher der Meinung, dass es vor allem an einem selbst liegt, seine Ziele zu erreichen. Doch das ist zu einfach gedacht. Die individuelle Ausgangslage eines Menschen ist enorm wichtig und prägt den jeweiligen Lebensweg. Die Perspektive suchterkrankter Menschen einzunehmen, hat meinen Horizont erweitert und mich enorm geerdet.

Wie haben Sie sich im Rückblick verändert? 
Bleiben wir beim Perspektivwechsel. Früher war mir meine eigene Perspektive sehr wichtig. Heute weiß ich, dass die- se nur eine von vielen ist und dass es darauf ankommt, sich die der anderen genau anzuhören und sich zu fragen, welche am plausibelsten klingt. Ich bin heute gelassener bei der Entscheidungsfindung, weil ich andere Argumente besser zulassen kann und Entscheidungen dann gemeinsam treffe. Meiner persönlichen Veränderung durch den Seitenwechsel ging voraus, dass ich meine eigenen Werte und Maßstäbe überdacht und angepasst habe. Ich bin heute um viele Erfahrungen reicher, was mich in meinem Job handlungssicherer gemacht hat und mir enorm hilft, auch in schwierigen Situationen professionell und empathisch zu reagieren.

Mittlerweile ist Seitenwechsel ein Pflichtprogramm für alle leitenden Funktionen bei Bonprix. Inwiefern hat es die Unternehmenskultur geprägt? 
Nachdem auch die Geschäftsführer von ihrer Woche als Seitenwechsler begeistert zurückkamen, wollten wir diese besondere Erfahrung am Leben halten. Unsere Unternehmenskultur ist von jeher durch ein faires, respektvolles und menschliches Miteinander geprägt. Der kontinuierliche Austausch zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern über dieses Programm hat aber zu einer noch intensiveren und offeneren Beziehung untereinander beigetragen. Heute kommt es eher vor, dass sich Mitarbeiter mit Sorgen an ihren Chef wenden und sich Rat holen. Die Mitarbeiter haben gemerkt, dass wir auf eine professionelle Führung Wert legen. Seitenwechsel, an dem bis dato rund 45 Führungskräfte teilgenommen haben, ist ein lohnendes Invest mit enormer Wirkung für den einzelnen Teilnehmer und für die gesamte Organisation. Unsere Unternehmenskultur kann davon nur profitieren.

Interview: Annette Neumann

Zur Person: Piet Smits ist Personalleiter bei der Bonprix Handelsgesellschaft mbH in Hamburg. Bonprix ist ein Unternehmen der Otto Group und in 29 Ländern vertreten. Die Modemarke beschäftigt weltweit circa 3000 Mitarbeiter.

Für seine rund 1000 Mitarbeiter bietet die zur Otto-Grupppe gehörende Bonprix Handelsgesellschaft eine Sozialberatung an. Wer Unterstützung bei Problemen wie Sucht, Mobbing oder psychischen Erkranken braucht, kann über die Plattform aktiv.net eine Einzel- und Gruppenberatung oder telefonische Beratung in Anspruch nehmen.

+++ Das Interview stammt aus der Personalwirtschaft 06/2017. Sie wollen mehr aus unserer Rubrik HR & Ich lesen? Dann bestellen Sie die Ausgabe gerne direkt › hier. +++

Lernen durch Engagement: drei Anbieter im Überblick

Fast 2000 Manager haben seit dem Jahr 2000 an dem Programm “Seitenwechsel”
teilgenommen, das von dem gemeinnützigen Hamburger Verein “Patriotische
Gesellschaft von 1765” angeboten wird. Führungskräfte arbeiten für eine
Woche in einer von ihnen gewählten sozialen Einrichtung, zum Beispiel
der Sucht- und Drogenhilfe, Werkstätten für Behinderte,
Justizvollzugsanstalten, Hospize oder psychiatrische Kliniken. In der
Rolle des “Praktikanten” sollen Manager unter realen Bedingungen in
einem für sie herausfordern- den Umfeld neue Führungsqualitäten
entwickeln. Kosten des Programms: circa 2300 Euro pro Person. Darin
enthalten sind die Kosten für Vor- und Nachbereitung sowie ein Beitrag
an die soziale Institution.
› www.seitenwechsel.com
Die Initiative “Personalentwicklung durch Engagement” des 3Win
Instituts für Bürgergesellschaft verbindet ehrenamtliches Engagement mit
der Entwicklung von Schlüsselkompetenzen und wird gemeinsam mit KMUs in
Praxisprojekten erprobt. In Zusammenarbeit mit Menschen anderer Milieus
und Kulturen sollen Mitarbeiter aller Ebenen, unter anderem
Auszubildende und Teams, ihre interkulturelle Kompetenz und
Kooperationskompetenz fördern. Ein Beispiel ist das Entwicklungsprojekt:
Fach- und Führungskräfte erhalten die Aufgabe, ein konkretes Problem,
etwa die Erstellung eines Marketingkonzepts, bei einer gemeinnützigen
Organisation in einem definierten Zeitraum zu lösen. Kosten pro Projekt:
circa 1600 Euro.
› www.pe-d-e.de
Das Programm “Lift it!” der Stuttgarter Mehrwert gGmbH wendet
sich an Trainees und High Potentials. In Kooperation mit einer sozialen
Einrichtung und den dort betreuten Menschen entwickeln die Teilnehmer
ein Projekt: Sie organisieren beispielsweise Freizeitaktivitäten für
behinderte Menschen oder realisieren Bauprojekte, wie zum Beispiel einen
therapeutischen Barfußpfad. Durch den Einblick in fremde Lebenswelten
sollen Nachwuchsführungskräfte ihre Persönlichkeit weiterentwickeln und
ihre sozialen Kompetenzen stärken. Kosten des Projekts: ab 1900 Euro. 
› www.agentur-mehrwert.de/unternehmen