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Die neuen Heinzelmännchen

Da brennt das iPad: Digitalmagier Simon Pierro auf dem Sage Summit 2017; Bild: Sage
Da brennt das iPad: Digitalmagier Simon Pierro auf dem Sage Summit 2017; Bild: Sage

Wie sehen zukünftige Bürolandschaften und Fabrikhallen aus, werden sie von superschlauen Robotern statt von Menschen bevölkert? Der “Sage Summit” im Gasometer Berlin bot Anlass, sich die Arbeitswelten von morgen auszumalen.

Schon die nähere Umgebung der Veranstaltung am 8. März, der EUREF-Campus der TU Berlin, ließ erahnen, wie die Zukunft unserer Gesellschaft aussieht, zumindest im Bereich Mobilität: an E-Tankstellen angedockte Mini-Flotten von Carsharing Anbietern wie Car2Go, Ubitricity, Flinkster und Co stehen zum Ausleihen bereit. Ein würfelförmiger, autonom fahrender Bus der Deutschen Bahn kutschiert Studenten und Personal übers Gelände.

Drinnen im Gasometer wartete der Softwarehersteller Sage mit neuen IT-Lösungen und einem üppigen Vortragsprogramm auf. Über allem schwebte die Frage, wie die von der Technik gestalteten Arbeitswelten von morgen aussehen. Der Zukunftsforscher Pero Micic und der Buchautor Christoph Keese (“Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen”) begleiteten das Programm mit großen Entwürfen einer digitalisierten Welt.

Schon vor einer halben Ewigkeit …

Zukunftsforscher Dr. Pero Micic; Bild: Sage
Zukunftsforscher Dr. Pero Micic; Bild: Sage

Mit Blick auf den größeren Kontext der behandelten Themen zeigt sich allerdings: Die Veränderung der Arbeitswelt durch die (digitale) Technik ist ein Dauerbrenner. In Heft 22 vom Mai 1965 berichtete der “Spiegel” in seiner Titelgeschichte von “Elektronen-Robotern in Deutschland” und beschrieb anhand einiger Beispiele, wie Unternehmen mithilfe monströs großer und teurer “Röhren-Roboter” allerlei betriebliche Prozesse optimierten. Und wie viel Arbeit die elektronischen Rechenmaschinen den Mitarbeitern abnehmen können. Anfang der 2000er Jahre bekam diese Diskussion um die Innovationskraft der IT mit dem Aufkommen von Employee Self Services, Workflows, ERP-Systemen und E-Business neuen Schub. Heute heißen die Schlagworte Big Data, Cloud, künstliche Intelligenz (KI) und Co. Gefühlt hat die Debatte allerdings erheblich an Kontroversität und Schärfe zugenommen.

Auch die mittlerweile zahlreich vorhandenen Studien spiegeln diese Ambivalenz. Die aktuell jüngste von Tata Consulting (TCS) relativiert das Arbeitsplatzverlust-Szenario der meisten anderen Untersuchungen. Sie prognostiziert zwar in allen Bereichen Jobwegfall. Aber die Verluste sollen durch viele neue Jobs ersetzt werden. Der Netto-Arbeitsplatzverlust beläuft sich laut TCS auf lediglich fünf Prozent.

Ich denke nicht, dass in den Arbeitswelten von morgen die Fabrikhallen menschenleer sein werden,

kommentiert zum Beispiel Stephan Schmid, Partner bei der Unternehmensberatung HKP, die Diskussion um den Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion. Er zeigt sich überzeugt: “Gerade vor dem Hintergrund hoher Investitionen in bestimmte Anlagen muss man über die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre noch das Optimale aus ihnen rausholen. Das nimmt einem kein Roboter ab.” Fakt ist: Allen Unkenrufen zum Trotz leben wir in Deutschland zurzeit mit einer historisch hohen Erwerbsquote.

Maschinen liefern – wir setzen um

Bots, KI, Virtual Reality, Crowdworking, Blockchain, Fintechs und andere Entwicklungen werden dafür sorgen, dass sich das Bild nahezu aller bisherigen Berufe grundlegend verändert. Auch wenn der Wandel eher im Hintergrund stattfindet. Dessen ist sich auch Stefan Olschewski, beim ECM-Anbieter Dvelop für die Unternehmenskommunikation verantwortlich, sicher: “Mitarbeiter, auch Personaler, die an einer bestimmten Aufgabe wie einer Bewerbung oder der Entgeltabrechnung arbeiten, wollen nicht immer zwischen verschiedenen Programmen hin und her wechseln. Künftig werden sie nur die Funktionalitäten über eine einheitliche Benutzeroberfläche zu sehen bekommen, die sie auch für die Erledigung genau dieser Aufgabe benötigen.”

Paul Dietrich, Regional Vice Präsident bei Salesforce, erinnerte in diesem Zusammenhang auf dem Summit an einen weiteren Aspekt des digitalen Wandels:

Aufgrund des ständig zunehmenden Informationsflusses auf allen Ebenen findet eine starke Verdichtung der Arbeit statt. Wir sind auf die vielen kleinen Helfer, die uns künftig von täglichen Routinen entlasten und uns unterstützen, angewiesen.

Deshalb werde sich die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine künftig eher intensivieren. Dietrich: “Das, was die Algorithmen und Tools uns an Erkenntnissen bringen, müssen wir dann in interdisziplinären Teams miteinander verknüpfen und mit Kreativität in neue Strategien und zukunftsweisende Szenarien einfließen lassen.”

Die Maschine vor den Augen

Der Technologie-Siegeszug hängt von dessen Nutzen ab – und wie sich unser Verhalten daran anpasst oder anpassen will. “Ob ein Auto mich von alleine zum Flughafen fährt oder ob das der Taxifahrer macht, spielt nur dann eine Rolle”, sinnierte Leon Jacob, Manager beim Unternehmensberater HKP, “wenn ich einen Wert darin sehe, dass ich mich mit dem Taxifahrer unterhalten kann. In diesem Fall wird sich dort die Automatisierung erst einmal nicht durchsetzen.” Für Klaus-Michael Vogelberg, CTO von Sage, steht die technologische Entwicklung indessen erst am Anfang: “Bislang nutzten die Menschen eine Tastatur oder Maus für die Arbeit mit ihrem PC. Mehr und mehr werden sie beginnen, mit ihren Systemen zu reden oder durch Gesten mit Händen, Kopf oder Augen die Computer zu bedienen.” Das Benutzererlebnis werde damit nicht nur deutlich angenehmer, sondern auch komfortabler, denn diese Systeme würden autonom arbeiten und hinzulernen.

Neue Jobs designen

Vogelberg sieht in Zukunft beispielsweise den “Citizen Developer” agieren, den Mitarbeiter, der auch ohne große technische Kenntnisse eine gerade benötigte App so leicht bauen kann wie er bisher ein Excel-Tabellenblatt füllt. Von künstlicher Intelligenz gesteuerte, natürlich-sprachliche Schnittstellen würden den Browser und Mobile Apps als wichtigstes Schnittstellenparadigma ablösen. Manuelle Dateneingaben seien dann Vergangenheit. Die Entwicklung gehe hin zur minimalen Interaktion mit Endnutzern, der nahtlosen Integration in jeden Geschäftsprozess und zu Geschäftseinblicken und Compliance in Echtzeit, so der CTO.

Das Gasometer Berlin war gut gefüllt; Bild: Sage
Das Gasometer Berlin war gut gefüllt; Bild: Sage

Es wird auch neue Jobprofile in der Personalabteilung geben, etwa den “Facilitator”, der den Informationsaustausch zwischen Arbeitgeber, Mitarbeiter und Personalabteilung steuert. Oder den “Human Resources Designer”, der im Zuge sich ständig verändernder Anforderungen Teams neu ausrichtet, Barrieren abbaut oder gemeinsam mit den Mitarbeitern an der Personalstrategie tüftelt. Oder wie wäre es mit einem “Educator”, der neue Ideen zur Kreativitätsförderung der Mitarbeiter einbringt und viel stärker als bisher als Kommunikator im Unternehmen auftritt? Und dann gibt es noch den “Talent Assembler”: Wenn immer mehr externe Auftragnehmer zur Erledigung interner Aufgaben benötigt werden, steuert er deren Beschaffung und stellt mit ihnen Projektteams zusammen, die er auch interpersonal harmonisiert.

Wandel adaptieren

Eine weitere Frage lautet, wie man eigentlich die richtigen Qualifikationen in einem Umfeld ausbildet, in dem morgen die Qualifikationen von gestern nicht mehr aktuell sind. Eine wichtige Aufgabe der Personalentwicklung wird sein, dem Mitarbeiter die Anpassung des Denkens und Handelns an eine ultra-beschleunigte Welt zu verinnerlichen: Adaptionsfähigkeit wird die zentrale Kompetenz. “Die betrifft nicht nur die einzelne Person”, fordert Stephan Schmid von HKP. “Die Personalabteilung hat auch die Aufgabe, die Adaptionsfähigkeit der Organisation voranzutreiben! Wir sehen, dass der etwas aus der Mode gekommene Begriff der Organisationsentwicklung wieder deutlich im Aufschwung ist.”

Ganz gleich also, wie Arbeit sich entwickelt: Die digitalen Heinzelmännchen von morgen werden nicht dafür sorgen, dass wir den ganzen Tag in Hängematten verbringen können. Es bleibt für uns Menschen noch genügend zu tun übrig.

Autor:
Ulli Pesch, freier Journalist, Wallersheim