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Digitale Transformation: ein ungelöster Fall

Blogger Sascha Lobo in Aktion beim
Blogger Sascha Lobo in Aktion beim “Modern HCM Experience” von Oracle; Bild: Oracle

In der Debatte, ob der zunehmende Einfluss digitaler Technik auf Wirtschaft und Gesellschaft im Endeffekt Ängste schürt, wohlwollend zur Kenntnis genommen wird oder gar zur Chefsache erklärt werden sollte, macht der amerikanische Konzern Oracle nicht viel Federlesens. Als Datenbankschmiede groß geworden, katapultierte sich das IT-Unternehmen jüngst nach einem strategischem Kurswechsel auf Platz eins im Cloud Business. Oracles Botschaft an Unternehmen ist unmissverständlich: Digitale Transformation – besser heute als morgen.

Die vorherrschende technikzentrierte Perspektive allein mit der Marketingpower der prosperierenden IT-Industrie zu erklären, wäre zu kurz gegriffen. Geschickt arbeitet sie mit Bildern, die illustrieren, wie schnell sich die Gewohnheiten von Menschen ändern. Wie auf zwei Fotos vom bevölkerten Petersplatz in Rom, zwischen denen nur zehn Jahre liegen: Auf dem ersten Bild recken die Menschen beim Anblick des Heiligen Vaters ihre Arme hoch, zehn Jahre später hält jeder Dritte ein Smartphone in der Hand, nur um den Schnappschuss gleich ins Netz zu twittern.

Vom iPhone zum Chip im Gehirn

Freilich sind die Konsequenzen dieser Entwicklung noch nicht im Geringsten erfasst. “Nehme ich einem Zehnjährigen das iPhone aus der Hand”, deutete Sascha Lobo bei der Abendveranstaltung am 19. April in München an, wie sehr die Technik unser Leben bereits durcheinander würfelt, “erzeuge ich bei dem Knaben Amputationsgefühle.” Übersetzt in den betrieblichen Alltag bedeutet der Hinweis des wohl bekanntesten deutschen Bloggers: Wollen Arbeitgeber den Nachwuchs gewinnen und möglichst lange ans Unternehmen binden, dürfen sie die Generation Y und Z nicht in ihrem digitalen Lifestyle einschränken. Schließlich sollen sie den Laden in die Zukunft lotsen.

Wohin die Reise geht, ist heute kaum abzusehen. Ray Kurzweil, Chefingenieur von Google, sagt voraus, dass wir uns bereits in 15 Jahren über Minicomputer ins Internet einloggen, die ins Gehirn eingepflanzt sind. Klingt utopisch. Doch fast 90 Prozent der Prognosen, die Kurzweil bisher nach Lobos Recherchen abgegeben hat, sind tatsächlich wahr geworden. Man will sich gar nicht ausmalen, welche Überraschungseier die Digitalisierung einem noch ins Nest legt.

Sascha Lobo (links) und Dr. Torsten Becker (Mitte) im Gespräch mit Moderator René Büst, Crisp Research; Bild: Oracle
Sascha Lobo (links) und Dr. Torsten Becker (Mitte) im Gespräch mit Moderator René Büst, Crisp Research; Bild: Oracle

Dabei haben Personaler bereits heute alle Hände voll zu tun, ängstliche Mitarbeiter angesichts der digitalen Transformation zu beruhigen und die überambitionierte Generation Y in die Schranken zu weisen. Anders beim ZDF, Deutschlands erfolgreichster TV-Anstalt. Wie Hans-Joachim Strauch, Geschäftsführer des ZDF Werbefernsehens, in München erläuterte, sind die Zeichner der Mainzelmännchen nur mit größter Mühe davon zu überzeugen, “statt Bleistift und Papier nun mit digitalem Pen und Grafiktablett vorlieb zu nehmen”. Wie man unsichere Kantonisten im Wissen bindet, dass der Disney-Konzern am liebsten alle Profizeichner auf einen Schlag anheuern würde, klingt nicht nach einer Allerweltsaufgabe.

Kulturschock bei Siemens

Ganz andere Probleme muss Dr. Torsten Becker beim Elektroriesen Siemens meistern. Die Aufgabe des Verantwortlichen für eBusiness, den Konzern mit seinen rund 350.000 Mitarbeitern und zigtausend Produkten in die digitale Welt zu bugsieren, kann nur in winzigen Schritten gelingen. Erst sechs von insgesamt 75 Milliarden Euro Umsatz würden digital abgewickelt, und Kundenumfragen bescheinigten Siemens ein im Vergleich zu Wettbewerbern “miserables Ergebnis”, räumte Becker ein.

Viel zu lange hat man sich in der Kultur des schwerfälligen Tankers eingeigelt. Attackiert von flinken Wettbewerbern sind plötzlich waghalsige Kursmanöver gefragt. War früher alles geregelt, sind auf einmal Fehler erlaubt. “Wenn die erste Idee nicht funktioniert”, beschreibt Becker die neue Maxime, “bloß nicht gleich alles fallen lassen”. Für viele Siemensianer ein Kulturschock.

Bleibt die Frage, was die deutsche Wirtschaft hemmt, sich für den digitalen Wandel zu rüsten. Lobo zufolge mangelt es an Investitionskultur. “Die Bereitschaft von großen Unternehmen zu investieren, sinkt dramatisch.” Zwar sei der Wille zu experimentieren vielerorts zu erkennen. Doch das scheitere an einer laut Lobo “auf Hardcore gebürsteten Unternehmenskultur”. Siemens-Mann Becker sagt etwas, bei dem jedem Personaler sich die Nackenhaare aufstellen: “Notfalls muss man auch bereit sein, sich zu kannibalisieren.”

Autor:
Winfried Gertz, freier Journalist, München