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Eine unvorhergesehene Chance

HR nach Corona-Krise
Foto: jirsak / stock.adobe.com

Im Erfolg macht man die größten Fehler, heißt es. Und dass HR die vergangenen Pandemie-Monate in den meisten Fällen hervorragend gemanagt hat, daran besteht bei den Teilnehmenden kein Zweifel. Der Blick auf die Funktion sollte allerdings differenzierter ausfallen. Während das Krisenmanagement gut lief, ist die HR-Transformation in vielen Unternehmen auf der Agenda nach hinten gerutscht. Strategische Themen und größere Projekte, die bereits vor dem Lockdown gestartet wurden, wurden zwar fortgeführt – neue aber erst einmal verschoben. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Unterstützung nach Change-Begleitung für das gesamte Unternehmen. Diese mussten sich im Angesicht von Corona schnell neu aufstellen. Nun stehen sie an einem Punkt, an dem sie entscheiden müssen, welche Maßnahmen temporärer Natur gewesen sein sollen und welche sie dauerhaft beibehalten wollen.

Der Griff nach den Sternen

Auch für HR bedeutet das, sich für die Zukunft positionieren zu müssen. Manche Teilnehmenden des Round Table sehen die aktuelle Situation als geradezu historische Chance, sich beispielsweise bei Themen wie der Flexibilisierung von Arbeitsplatz und -zeit zu etablieren. Die Medaille hat allerdings zwei Seiten: Mit mehr Aufgaben geht auch eine größere Verantwortung einher. Dafür müssen Ressourcen und Know-how vorhanden sein. Gleichzeitig ist sicherzustellen, dass das Kerngeschäft von HR nicht vernachlässigt wird.

Hilfreich könnte sein, umsichtig beides in die Wege zu leiten. In vielen Unternehmen gibt es nach wie vor viele redundante Prozesse und unklare Rollenverteilungen. Die Zeit ist günstig, um diese zu überdenken. Personalerinnen und Personaler sollten analysieren, wo sie stehen und wofür sie zukünftig stehen wollen – und diese Felder dann konsequent besetzen. Nicht immer ist das aber möglich. In Unternehmen, die besonders stark von der Krise betroffen sind, sind eher gegenläufige Entwicklungen zu beobachten: Sie lassen ab von agilen Arbeitsweisen und neu eingeführten agilen Instrumenten, das KPI-getriebene Performance Management feiert sein Comeback..

Veränderungen werden zur Regel

Unabhängig davon hat sich ein anderer Wandel längst vollzogen: der der Unternehmenskultur. Homeoffice beispielsweise ist in vielen Bereichen von der Ausnahme zur Regel geworden – mit allem, was dazugehört. Führungskräfte vom alten Schlag, die bisher dachten, mit Methoden von gestern auch das Morgen bestimmen zu können, haben Probleme bekommen. Vertrauen und selbstständiges Handeln sind nun notgedrungen nötig. Die meisten Vorgesetzten haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass das tatsächlich funktioniert. Von ihnen – und von HR – sind verstärkt andere Qualitäten gefordert. Wie etwa gehen sie mit Unsicherheit um, wie mit Mitarbeitenden in Kurzarbeit?

Grundsätzlich zeichnet sich eine Lösung ab, die mit dem Schlagwort “hybrid” gekennzeichnet ist. Nicht das Eine oder das Andere zählt, sondern das Eine und das Andere. Videokonferenzen beispielsweise haben unbestritten Vorteile, sie können unter anderem Zeit und Geld sparen. Sie können jedoch kein persönliches Teammeeting ersetzen. Die Körpersprache lässt sich kaum mehr deuten, dem Austausch wird einiges an Spontanität genommen – beispielsweise, weil auch informelle Treffen formell geplant werden müssen. Die Kunst wird sein, eine gute Balance auszusteuern, in der sich Präsenz und Virtuelles ideal ergänzen.

Zudem dürfen schnelle Erfolge wie die Einführung von Videokonferenzen nicht mit grundlegenden Fortschritten in der Digitalisierung verwechselt werden. Hier warten nach wie vor viele Aufgaben sowohl auf die HR-Funktion selbst als auch auf die Unternehmen in Gänze. Empfehlenswert erscheint manchen Teilnehmenden des Round Table etwa der Aufbau von Know-how in Sachen Data Science und Predictive Analytics. Das muss nicht aus HR kommen – und sollte erst recht nicht darauf beschränkt sein. Wichtiger ist, über den Tellerrand der einzelnen Unternehmensbereiche zu schauen. Auch hier gilt jedoch, dass einige Organisationen sich erst einmal um das eigene Überleben kümmern müssen und solche Überlegungen für sie derzeit in weiter Ferne liegen.

Behutsame Weiterentwicklung

Unter diesen Voraussetzungen fallen die Prognosen der HR-Management-Fachleute für das kommende Jahr 2021 vorsichtig aus. Kein Zweifel besteht zumindest daran, dass es eine gute Zeit für HR ist, um seine Prozesse und Produkte zu vereinfachen und effizienter zu gestalten. Nicht, um Personal einzusparen, sondern um Ressourcen freizulegen, die für andere Aufgaben genutzt werden können. Strategische Themen bieten sich an, zumal die Personalabteilung naturgemäß über eine Vielzahl an Daten verfügt. Auch das kann nämlich hybrid bedeuten: die Besinnung auf alte Tugenden der Personalkompetenz bei gleichzeitigem Aufbau neuer, digitaler Kenntnisse.

Bilderstrecke Round Table HR-Managementberatung 2020

HR konnte in den vergangenen Monaten erfolgreich unter Beweis stellen, was es kann. Sechs HR-Management-Experten und -Expertinnen sprachen darüber, wie die Chance genutzt werden kann.


Die Langfassung dieses Round Tables ist in unserem Heft 12/2020 erschienen. Das Heft können Sie › hier bestellen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.

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