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Erfahrungsbericht: So erstellten die HR Pioneers ihre erste Gemeinwohl-Bilanz

Die HR Pioneers, eine Kölner Beratung für agile Personal- und Organisationsentwicklung, haben in diesem Jahr erstmals festgehalten, wie ihre Aktivitäten auf das Gemeinwohl einzahlen. Dafür sind sie der Initiative „Bewegung für Gemeinwohl-Ökonomie“ beigetreten und erstellten einen ausführlichen Bericht, der von der Initiative verifiziert wurde und mit dem sie nun den Grad ihrer Nachhaltigkeit vorzeigen können. Der Weg dorthin war laut Wiebke Joester, Project Ownerin Gemeinwohl-Bilanz, ein Lernprozess.  

Und trotzdem habe sich der Aufwand gelohnt, denn dem Ziel – die Unternehmensstrategie mehr am Gemeinwohl zu orientieren – seien die HR Pioneers damit ein Stück weit nähergekommen. „Uns ging es vor allem darum, kein Green-Washing zu betreiben und einfach nur einen Stempel zu haben“, sagt Joester. Stattdessen wollten die Beraterinnen und Berater sich als Team mit der Thematik auseinandersetzen und sich einzelne Unternehmensprozesse unter Gemeinwohlaspekte anschauen.

Fragen im Arbeitsbuch dienen als Leitfaden

Wer über die Initiative Gemeinwohl-Ökonomie eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen möchte, erhält zunächst ein Arbeitsbuch mit zahlreichen Fragen von „Wie werden ökologische Risiken in der Zulieferkette evaluiert?” über „Wie werden Selbstorganisation und Eigenverantwortung gefördert?” und „Welche Maßnahmen folgen aus dem Feedback der Mitarbeitenden zu ihren Führungskräften?” bis zu „In welcher Form helfen die Produkte und Dienstleistungen, die Gemeinschaft im Privat- und Berufsleben zu stärken?”. Wie viele Fragen beantwortet werden müssen, hängt davon ab, ob ein Unternehmen eine Vollbilanz oder eine Kompaktbilanz erstellen möchte. Ersteres ist umfassender.

Generell orientiert sich die Bilanz an einer Matrix, die aus vier Themenschwerpunkten besteht: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Um herauszufinden, wie stark diese Werte der Gemeinwohl-Ökonomie in einem Unternehmen ausgeprägt sind, sollen sich Organisationen ihre Prozesse in Bezug auf einzelne sogenannte Berührungsgruppen anschauen. Das sind Lieferanten, Eigentümerinnen und Finanzpartner, Mitarbeitende, Kundinnen und Mitunternehmen sowie das gesellschaftliche Umfeld.

Die HR Pioneers entschieden sich für eine Vollbilanz und sind gleich auf das erste Problem gestoßen: Termine für die sieben geplanten Tagesworkshops zu finden, an denen alle Zeit haben. Waren diese gefunden, so fand der erste Tagesworkshop in Form eines Kick-offs statt, bei dem die Gemeinwohl-Beraterin das Vorhaben erst einmal allen Mitarbeitenden vorstellte. Dann habe sich die Belegschaft auf- und den fünf Berührungsgruppen zugeteilt und schließlich gab es einen Abschluss-Workshop mit einer Selbsteinschätzung. „Das haben wir mit Flexibilität hinbekommen“, sagt Joester. „Teilweise haben sich Kolleginnen und Kollegen einfach für eine kurze Zeit aus dem Workshop ausgeklinkt, um Kundencalls wahrzunehmen.“

Zahlen gefordert, aber nicht immer vorhanden

Für die HR Pioneers sei es zudem herausfordernd gewesen, auf die Fragen im Arbeitsbuch mit Zahlen zu antworten. „Wir sind ein kleines Unternehmen und haben bisher – abgesehen vom nötigsten – nicht so viele Zahlen festgehalten“, sagt Joester. Manche Zahlen, wie etwa Hotelübernachtungen oder ehrenamtliche Arbeitstage, konnte das Team von den einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sammeln und dann zusammenrechnen. Andere wie etwa die gereisten Kilometer konnten schlichtweg nicht mehr nachvollzogen und deshalb auch nicht angegeben werden. Anders, als die HR Pioneers anfangs befürchtet haben, habe dies der Bilanz allerdings nicht im Weg gestanden. „Überall, wo wir keine Zahlen nennen konnten, haben wir detailliert erläutert, wie wir zusammenarbeiten und mit den gefragten Situationen umgehen oder eben gesagt: Hierzu haben wir noch nichts.“

Um die Fragen zu beantworten, hielten alle Beteiligten die Ergebnisse der Tagesworkshops für ihre jeweilige Berührungsgruppe auf einem Trelloboard und in einer Worddatei fest. Joester habe im nächsten Schritt den Bericht geschrieben. Für eine Person sei die Kombination der organisatorischen Rolle der Project Ownerin und das Schreiben neben dem Alltagsgeschäft zu viel gewesen. Das würde sie so nicht nochmal machen.

Hilfe hatten sie dieses Mal zwar schon von einer Beraterin der Initiative. Sie hat aber nur den Prozess begleitet und dabei geholfen, ihn zu strukturieren, aber keinen Einfluss auf das Schreiben des Berichts gehabt. So hat die Beraterin die Workshops vorbereitet, umgesetzt und auch Geschichten von anderen Unternehmen zur Inspiration erzählt. Eine Auditorin der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie prüfte den Bericht schlussendlich. Sie habe noch einmal das Gespräch mit der Gruppe und mit Einzelnen gesucht, um bestimmte Punkte zu vertiefen. „Die Beiden haben nochmal verstärkt zum Bewusstwerdungsprozess beigetragen“, sagt Joester.

Langer Bericht zeigt teilweise Nachholbedarf auf

Das Ergebnis ist ein 121-seitiger Bericht, der von der Auditorin der Initiative untersucht und dann zertifiziert wurde. Die HR Pioneers sind zufrieden, sehen aber noch viel Verbesserungspotenzial. Haben sie in den Bereichen „Transparenz und Mitbestimmung“ sowie „Umgang mit Geldmitteln“ – sprich wie das Budget aus ethischer und sozial-ökologischer Sicht gehandhabt wird – gut abgeschnitten, so gebe es was die ökologische Nachhaltigkeit des Unternehmens angeht Nachholbedarf.

Das Feedback zum Bericht nehme das Beratungskollektiv zum Anlass, sich in den kommenden zwei Jahren bis zur nächsten Gemeinwohl-Bilanz weiterzuentwickeln. Denn: „Uns allen ist es wichtig, unsere Vision einer menschenwürdigen und zukunftsfähigen Arbeitswelt wirklich in die Tat umzusetzen“, sagt Joester. Damit sei das Thema Nachhaltigkeit für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens relevant. Der Bericht habe in ihrem Beratungskollektiv zusätzlich die Mitarbeiterbindung positiv beeinflusst. „Der Prozess war und ist identitäts- und sinnstiftend für uns“, so das Mitglied der HR Pioneers.

Ressourcenintensiv

Neben Zeit müssen Organisationen für die Gemeinwohl-Bilanz auch Geld investieren. Damit der Bericht überprüft und gewertet wird, muss das Unternehmen Mitglied der GWÖ sein. Damit ist auch ein Mitgliedsbeitrag verbunden, der je nach Größe des Unternehmens von 100 Euro pro Jahr bis 2.500 Euro kostet. Die Auditierung der Bilanz kostet nochmal 450 bis 6.960 Euro.

Die HR Pioneers planen laut Joester in zwei Jahren, die eigene Gemeinwohlorientierung mit einer erneuten Bilanz zu überprüfen. Das sei dann auch nicht mehr so viel Arbeit. Denn: „Der bestehende Bericht wird fortgeschrieben und wir wissen dann schon, wie der Erstellungsprozess abläuft“, sagt Joester.Denn das Beratungskollektiv wisse nun, welche Zahlen für die Evaluation gebraucht werden und dass sie diese nun tracken müssen.  

Info

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.