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Experten rechnen nicht mit Personalabbau

Intelligente, vernetzte Roboter, so einfach bedienbar wie ein Smartphone: Die Debatte um den Einsatz von kollaborativen Maschinen in der Produktion ist klar beherrscht von technischen Aspekten. Das zeigte sich auch auf einer Podiumsdiskussion über den weltweiten Robotermarkt anlässlich der Messe Automatica in München.

Auch in der Industrie werden feinfühlige Roboter benötigt und eingesetzt. Dieser stählerne Kollege kann sogar kleine Würfel greifen.
Bild: Automatica
Auch in der Industrie werden feinfühlige Roboter benötigt und eingesetzt. Dieser stählerne Kollege kann sogar kleine Würfel greifen.
Bild: Automatica

In der Produktion drücken Roboter zunehmend aufs Tempo. In Höchstgeschwindigkeit ergreift der aus Stahl geborene Arbeitskollege den Karton und setzt ihn millimetergenau auf die Europalette. Selbst bröselige Fischstäbchen sind für ihn keine Hürde. Und bei der Verpackung von Stiften und Radiergummis schafft der Roboter 120 Vorgänge pro Minute.

In der Roboterindustrie behauptet Deutschland seine Spitzenposition. Laut der Roboter-Weltstatistik 2016, welche die International Federation of Robotics (IFR) am 22. Juni auf der Münchner Fachmesse Automatica vor der Presse präsentierte, wurden 2015 in Europa etwa 50.000 Industrieroboter verkauft, fast die Hälfte davon allein in Deutschland. Weltweit stieg der Absatz auf knapp 250.000 Einheiten, das ist ein Plus von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie der Verband erwartet, sollen in zwei Jahren weltweit bereits 2,3 Millionen Roboter in der Industrie ihren Dienst tun.

Größter Beschleuniger des Roboter-Booms ist laut IFR die Digitalisierung und speziell die unter dem Stichwort Industrie 4.0 bezeichnete Verknüpfung von Maschinen und IT-Systemen. Solche “Cyber Physical Systems”, wie IFR-Präsident Joe Gemma sie bei der Vorstellung der neuesten Statistiken nannte, “steigern die Flexibilität, senken die Kosten und erhöhen damit auch die Produktivität industrieller Fertigung”.

Schlau sollen sie sein und selbstständig

Die Roboter der Zukunft, die in der Industrie 4.0 ihren Platz haben, sind schlau, miteinander vernetzt und kollaborativ. So zumindest die Theorie.
Bild: Automatica
Die Roboter der Zukunft, die in der Industrie 4.0 ihren Platz haben, sind schlau, miteinander vernetzt und kollaborativ. So zumindest die Theorie.
Bild: Automatica

Hohe Erwartungen richten sich vor allem an die Intelligenz solcher Systeme. Im Vergleich zu etablierten automatischen Fertigungsverfahren, die etwa Autoteile zusammenschweißen oder als autonome Transportsysteme klar definierte Routen abfahren, ist die neue Generation von Robotern auf Interaktion mit anderen Maschinen und dem Menschen ausgelegt. Automatisch melden sie Störungen oder wickeln in der Gruppe komplexe Produktionsschritte ab. Zunehmend mobile Roboter sind auf Veränderungen in ihrer Umwelt überraschend gut vorbereitet.

Wenn es am produktiven Potenzial von Robotern keinerlei nennenswerte Zweifel gibt, wie steht es dann um ihren Einfluss auf Beschäftigung und Qualifikation von Mitarbeitern? Immer wieder legen Studien nahe, dass der Einsatz von Robotern viele Jobs bedrohen könnte. Zumindest beim Flugzeugbauer Boeing sieht man das gelassen. “Seitdem wir Roboter einsetzen, haben wir auch stets neue Mitarbeiter eingestellt”, betonte Phillip Crothers, für Forschung und Entwicklung in Europa verantwortlich, auf der von Ken Fouhy, Chefredakteur der VDI Nachrichten, moderierten Podiumsdiskussion. Die Kooperation zwischen Mitarbeitern und Maschinen solle vor allem von der menschlichen Intelligenz profitieren. Stefan Lampa, CEO des in Augsburg ansässigen Roboterherstellers Kuka, beschwichtigte ebenfalls. Auf absehbare Zeit beschränke sich der Roboter auf Routineaufgaben und verrichte “dreckige Arbeit”. Allein damit würde die Qualität von Industriearbeit deutlich verbessert.

Harte Umbrüche für Mitarbeiter oder nicht?

Dieses Argument griff Per Vegard Nerseth, Managing Director von ABB Robotics in der Schweiz, auf. Demzufolge suchen junge Leute vor allem intelligente, spannende Jobs. “Nicht mehr das, was die ältere Generation einmal gemacht hat.” Bei der Entwicklung von neuen Skills für die fortschreitende Zusammenarbeit mit Robotern wolle ABB aber nichts überstürzen. “Wir halten nichts von harten Umbrüchen”, betonte Nerseth. Erst wenn die heutige Generation der Beschäftigten in Rente gehe, sollten “Skilled Worker” an ihre Stelle treten. So lange will zumindest Esben Østergaard, Mitgründer des dänischen Anbieters Universal Robots, nicht warten. “Zwar wollen junge Leute nicht mehr in Fabriken arbeiten. Aber Knowledge Worker und Experten werden dort dringend gebraucht.”

Damit verweist Østergaard auf den Qualifikationsschub, der mit Industrie 4.0 einhergeht – so wird zumindest erwartet. Das Prinzip lautet: Roboter entlasten von Routine und eröffnen den Beschäftigten neue Entfaltungsräume. Kritiker wenden freilich ein, am Ende führe diese Entwicklung lediglich zur menschenleeren Fabrik. Womöglich steuert nur noch ein Techniker von seinem Tablet im Home Office die gesamte Produktion.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die technischen Visionen der Industrie bald Realität werden können. Und danach sieht es kaum aus: Dass Roboter miteinander kooperieren und so womöglich Arbeitsplätze auf breiter Front verdrängen, scheitert nicht zuletzt an der Roboterindustrie selbst. Ihr bisher überaus erfolgreiches Geschäftsmodell basiert auf proprietären Standards. Die Bereitschaft, sie durch einen gemeinsam verabschiedeten offenen Standard zu ersetzen, ist nicht zu erkennen.

Autor: Winfried Gertz, freier Journalist, München