Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

„Die Pandemie hat gezeigt, wie resilient die Mitarbeitenden sind“

Hannes Zacher ist Professor für den Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Dort führt er seit Dezember 2019 eine repräsentative Langzeitstudie durch, in der er den Zusammenhang zwischen Arbeit und Gesundheit erforscht. Mehr als 1 000 Menschen werden monatlich unter anderem dazu befragt, wie sie das Homeoffice und die Arbeit unter Corona-Bedingungen empfinden. Mit uns spricht der Professor über erste Erkenntnisse aus der Studie.

Personalwirtschaft: Herr Zacher, hat das Homeoffice unsere mentale und körperliche Gesundheit negativ beeinflusst?
Hannes Zacher: Im Durchschnitt sehen wir überraschenderweise keinen langanhaltenden Einfluss der veränderten Arbeitssituation aufgrund der Pandemie auf die Gesundheit. Wenn wir uns beispielsweise die Arbeitszufriedenheit seit der Corona-Krise anschauen oder Themen wie Burnout, Erschöpfung und Zynismus, zeigt sich hier so gut wie kein Unterschied zur Zeit vor der Pandemie. Die Arbeitszufriedenheit hat sich in den Lockdown-Zeiten auf einer Skala von 1 bis 7 um einen halben Punkt verschlechtert. Teilweise haben sich Menschen sogar während der Pandemie erholt. Welche Faktoren hier genau eine Rolle spielen, können wir aber noch nicht erklären.

Das ist verwunderlich.
Ja und nein. Es zeigt schön, wie wir als Menschen kurz in ein Loch fallen und dann aber auch wieder aus diesem herauskommen. Die Pandemie hat gezeigt, wie resilient die Mitarbeitenden sind. Man muss sich hier vielleicht aber auch stärker bestimmte Gruppen anschauen, wie Alleinerziehende und Menschen mit schon vorher existierenden Depressionen. Da ist es sicher noch einmal anders.

Die Pandemie verlief ja in Wellen. Zeigen sich diese auch in Ihren Ergebnissen?
Ja, der erste Lockdown war das Ereignis, das am einschneidendsten für die Gesundheit war. Hier fühlten sich besonders viele gestresst. Alles war neu und musste erst einmal organisiert werden. Danach haben sich die meisten an die Situation angepasst. Auch zum Jahreswechsel, als die Situation eigentlich ernster wahr als zuvor, fühlten sich die Beschäftigten nicht mehr so gestresst, wie beim ersten Lockdown. Kumulierende, sich aufhäufende Effekte über die Zeit, konnten wir jedenfalls nicht feststellen. Vielmehr sieht es so aus, als hätten sich unsere Befragten ab Sommer vergangenen Jahres wieder erholt.

Die Pandemie hat nicht alles in der Arbeitswelt verschlechtert.

War es alleine die Anpassungsfähigkeit, die die Gesundheit der Beschäftigten gesichert hat?
Sie spielt eine große Rolle. Es gilt aber auch zu betonen, dass die Pandemie nicht alles in der Arbeitswelt verschlechtert, sondern einige Dinge auch verbessert hat.

Welche zum Beispiel?
Vor der Pandemie waren Stressoren häufig sozialer Natur. Ein Gespräch mit aufgebrachten Kunden oder ein Konflikt mit schwierigen Kollegen hat uns stark belastet – genauso wie der Zustand, sehr viel zu tun und für die Erledigung der Aufgaben nicht genug Zeit zu haben.  Die sozialen Stressoren sind im Homeoffice weniger geworden. Das gilt auch für die gefühlte Überwachung durch die Führungskraft. Einige Beschäftigte haben sich im Homeoffice freier gefühlt. Auch die Kurzarbeit hat bei Einzelnen dafür gesorgt, dass sie sich mehr entspannen als zu Vor-Corona-Zeiten.

Und was waren negative Punkte?
Das waren zum einen eine mögliche schwierige Arbeitssituation im Homeoffice – beispielsweise bei Alleinerziehenden, die sich während der Arbeit um ihre Kinder kümmern mussten oder Menschen, die Zuhause keine Tür hinter sich schließen konnten, um in Ruhe zu arbeiten. Dazu gekommen sind speziell Stressoren wie virtuelle Meetings und eine Angst vor Ansteckung, wenn Mitarbeitende weiterhin vor Ort arbeiten mussten. Der Stress durch zahlreiche E-Mails und Video-Konferenzen hat zudem deutlich zugenommen sowie die Schwierigkeiten in der Kommunikation. Generell gilt: Je natürlicher eine Kommunikation ist, desto besser ist sie für die psychische und körperliche Gesundheit. Das Spektrum beginnt bei Rundmails und endet beim persönlichen Kontakt. Die Arbeit auf Distanz hat diese natürliche Kommunikation erschwert. Und selbstverständlich hat vielen der direkte soziale Kontakt gefehlt.

Waren zuvor die Extrovertierten in der Arbeitswelt im Vorteil, sind es im Homeoffice und Lockdown die Introvertierten.

Hat die Persönlichkeit eine Rolle dabei gespielt, ob das Arbeiten im Homeoffice sich positiv oder negativ auf die Gesundheit des Betroffenen ausgewirkt hat?
Ja, auf jeden Fall. Sowohl Introvertierte als auch Extrovertierte haben die Pandemie zwar als stressig wahrgenommen, insbesondere die Lockdowns. Aber die Extrovertierten haben vor allem zu Beginn der Pandemie stärker unter dem reduzierten sozialen Kontakt gelitten als die Introvertierten. Letztere brauchen nicht so viele soziale Kontakte und genießen es, sich im Homeoffice zurückziehen zu können. Waren zuvor die Extrovertierten in der Arbeitswelt im Vorteil, sind es im Homeoffice und Lockdown die Introvertierten.

Gibt es weitere Persönlichkeitsmerkmale, die eine Rolle dafür gespielt haben, ob man gesundheitlich gut durch die Pandemie-Veränderungen kam oder nicht?
Generell waren die emotional stabilen Menschen während der Krisensituation klar im Vorteil. Sie sind das aber in der Arbeitswelt meist, weil sie gut mit Stress umgehen können. Auch bei Menschen, die Veränderungen offen gegenüberstehen, hat sich die Leistung während der Pandemie nicht verringert. Für diejenigen, die eher unsicher sind, waren die Veränderungen durch die Pandemie allerdings ein Schockerlebnis. Auch spielen Dinge wie Selbstwert und das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, eine Rolle. Wenn jemand sich als kompetent und selbstwirksam sieht, hat er oder sie sich weniger von den Lockdowns unterkriegen lassen und sich schneller von den Veränderungen erholt.

Sind all dies generell Faktoren der Arbeitswelt, die unsere Gesundheit auch im Normalzustand beeinflussen?
Ja, in einer Krisensituation spielen die Faktoren, die normalerweise die Gesundheit belasten, eine mindestens genauso wichtige Rolle, wenn nicht sogar eine wichtigere. Das sind Dinge wie organisationale Gerechtigkeit, gute Führung, Arbeitsplatzgestaltung, soziale Unterstützung und interessante Aufgaben.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.