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Wie umgehen mit ständiger Erreichbarkeit?

Ein Paar im Urlaub in den Bergen sitzt in Liegestühlen vor einer Blockhütte und telefoniert oder hört Nachrichten ab
Schon wieder Nachrichten vom Chef oder von Kollegen auf der Mailbox – für immer mehr Menschen gibt es auch im Urlaub keine wirkliche Ruhe mehr.
Foto: © Peter Maszlen/Fotolia.de

Abschalten nach Feierabend und im Urlaub unmöglich – das berichten immer mehr Arbeitnehmer. Sie fühlen sich auch außerhalb der Arbeitszeit ständig erreichbar. Ein Projekt der Universität Freiburg hat am Beispiel von IT-Mitarbeitern Maßnahmen erarbeitet, wie Erreichbarkeit und die negativen Auswirkungen reduziert werden können.

Jeder dritte IT-Mitarbeiter ist nicht recht sicher, wie er reagieren muss, wenn abends der Vorgesetzte noch einmal anruft oder Kollegen eine E-Mail schreiben. Das ergab eine Umfrage der Universität Freiburg im Projekt “MASTER – Management ständiger Erreichbarkeit” bei IT-Beschäftigten. Die zunehmend arbeitsbezogene, auf andere Lebensbereiche erweiterte Erreichbarkeit ist vor allem bedingt durch den technischen Fortschritt – Mitarbeiter sind per Handy oder E-Mail auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeit greifbar – sowie auf wirtschaftliche Entwicklungen (erhöhte Ansprüche auf Kundenseite) und betriebliche Entwicklungen, hier vor allem im Zuge wachsender Flexibilisierung. In Deutschland ist ungefähr ein Drittel der abhängig Beschäftigten betroffen.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München hat ein Forschungsteam der Universität Freiburg 400 Teilnehmer aus fünf IT-Unternehmen online zum Thema Erreichbarkeit befragt. Untersucht wurde, wie Erreichbarkeit reduziert werden kann, wie Erwartungen geklärt und konkrete Maßnahmen zur Verringerung negativer Auswirkungen umgesetzt werden können. Zusätzlich fanden Interviews mit 43 Mitarbeitern statt.

Erreichbarkeit entsteht auch durch Überlastung

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass das Bearbeiten arbeitsbezogener Anfragen in der Freizeit das Befinden der Mitarbeiter verschlechtert und dass vermehrt Konflikte mit dem Privatleben auftreten. Besonders problematisch ist es, wenn die Bearbeitung jobbedingter Anfragen in der Freizeit viel Zeitaufwand verursacht und die Anfragen überraschend kommen und unmittelbar bearbeitet werden müssen. Haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, Arbeitszeit und -ort in gewissem Umfang selbst zu wählen, reduziert dies Konflikte mit dem Privatleben. Erreichbarkeit, so die Studie, entsteht aber keineswegs allein durch mehr technische Kommunikationsmöglichkeiten, sondern sie ist vor allem eine Folge von Überlastung. Häufig sind Arbeitnehmer solchem Zeitdruck ausgesetzt, dass sie die Arbeit in der Firma gar nicht schaffen.

Maßnahmen gegen negative Auswirkungen

Individuelle Begrenzungsstrategien können jedoch laut Studie helfen, den Zeitaufwand für die Bearbeitung von arbeitsbezogenen Anfragen in der Freizeit möglichst gering zu halten. Darüber hinaus könne ein Zeitausgleich die negativen Folgen eindämmen. Aus der Untersuchung wurden fünf Handlungsfelder zum gesunden Management von Erreichbarkeit abgeleitet. Die Umsetzung sollte, so die Studie, beteiligungsorientiert erfolgen und die Gestaltungsmaßnahmen sollten evaluativ begleitet werden. Die Studienteilnehmer, die sich an Maßnahmen beteiligten, die die negativen Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit verringerten, waren nach mehreren Monaten gefühlsmäßig weniger erschöpft als ihre Kollegen.

Handlungsempfehlungen für andere Branchen

In der zweiten Phase des Projekts sollen nun Handlungsempfehlungen, die in der ersten Projektphase entstanden sind, auf weitere Branchen übertragen werden. In den kommenden zwei Jahren finden Workshops zur Maßnahmenerarbeitung in zwei Unternehmen des Finanzdienstleistungssektors statt. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) gefördert von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fachlich begleitet.

Die erarbeiteten Maßnahmen des ersten Projektteils sind in einem > Erklär-Video zusammengefasst. Ausführlichere Informationen gibt die Broschüre “Ständige Erreichbarkeit – Ursachen, Auswirkungen, Gestaltungsansätze”, die > hier zum Download zur Verfügung steht.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.