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Gefährdungsbeurteilung noch nicht etabliert

Unternehmen müssen ermitteln, inwieweit ihre Mitarbeiter durch psychische Belastungen gefährdet sind; Foto: © vitanovski/Fotolia.de
Unternehmen müssen ermitteln, inwieweit ihre Mitarbeiter durch psychische Belastungen gefährdet sind; Foto: © vitanovski/Fotolia.de

Stress und psychische Belastungen im Beruf sorgen für immer mehr krankheitsbedingte Fehltage und Frühverrentungen. Der Gesetzgeber hat darauf reagiert: Seit Ende 2013 gibt es das Arbeitsschutzgesetz. Es schreibt vor, die Gefährdung durch psychische Belastungen zu beurteilen. In der Praxis kommen jedoch viele Unternehmen dieser Pflicht nicht nach.

Vor zwei Jahren wurde die gesetzliche Verpflichtung zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz eingeführt. Jetzt hat sich das EO Institut aus Berlin in einer Untersuchung mit dem Stand der Umsetzung beschäftigt. An der Befragung zur “Gefährdungsbarometer-Studie 2016” haben zwischen Juli und September 103 Unternehmen teilgenommen, 60 Prozent davon aus der Privatwirtschaft. 

Ein Viertel kennt die Verpflichtung nicht

73 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, über die gesetzliche Verpflichtung zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen informiert zu sein. Bei mehr als einem Viertel ist das jedoch nicht der Fall. Und 36 Prozent der Firmen kennen zwar die Verpflichtung, setzen sie aber nicht um. Von den informierten Unternehmen beschäftigt sich jedes zweite (51 Prozent) bereits systematisch mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Acht Prozent wollen die Gefährdungsbeurteilung bald durchführen.

Nur knapp vier von zehn Arbeitgebern setzen die Vorgaben um

Gefragt nach der konkreten Umsetzung, sind bislang 38 Prozent der teilnehmenden Firmen ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen nachgekommen. Dabei halten sich mittlere und große Unternehmen die Waage, während Kleinstbetriebe wenigsten aktiv sind. Knapp ein Viertel (24 Prozent) aller Befragten hat die Umsetzung zum Befragungszeitpunkt weder durchgeführt noch geplant.

Gefährdungsbeurteilung erfolgt hauptsächlich intern

Die Studie zeigt, dass 28 Prozent der Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen vom Betriebsrat initiiert werden. Die Verantwortung für die Durchführung trägt allerdings mit jeweils 31 Prozent die Personalabteilung oder die Fachkraft für Arbeitssicherheit. Die Umsetzung selbst erfolgt dann zumeist intern. In 39 Prozent der Unternehmen ist die Fachkraft für Arbeitssicherheit interner Umsetzer. Bei 16 Prozent ist es die Personalabteilung und bei 13 Prozent die Firmenleitung. Als externe Umsetzer holen sich die Firmen vor allem Beratungsinstitute oder Betriebsärzte ins Haus.

48 Prozent der Unternehmen verstehen die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen als unabhängigen Prozess. Bei 41 Prozent ist sie in die allgemeine Gefährdungsbeurteilung integriert. Nur selten dagegen wird sie in die arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen oder allgemeine Mitarbeiterbefragungen integriert.

Mangelnde Sensibilisierung und fehlende Ressourcen

Die größten Hindernisse, sich mit dem Thema zu befassen, sind nach Ansicht der Studienautorinnen die geringe Bedeutung des Themas aus Sicht der Arbeitgeber, gepaart mit mangelnder Sensibilisierung und fehlenden Ressourcen. Auch fühlt sich mehr als jeder dritte Betrieb (36 Prozent) mit der Durchführung überfordert, nicht nur aufgrund begrenzter personeller und finanzieller Mittel, sondern auch wegen fehlender gesetzlicher Standards oder weil es an psychologischem Fachwissen fehlt. Darüber hinaus beschränkt sich ein Viertel (24 Prozent) der Unternehmen bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen allein auf eine Fragebogen-Erhebung im Betrieb.

Die Psychologinnen vom EO Institut empfehlen deshalb, der Gesetzgeber und die Sozialpartner sollten ihre Kommunikation zum Thema intensivieren. Außerdem sollten die Unternehmen künftig personelle und finanzielle Ressourcen für die Beschäftigung mit psychosozialen Risiken bereitstellen oder sich externe Unterstützung holen.

Die Studie mit Handlungsempfehlungen für Unternehmen steht > hier zum Download zur Verfügung.

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