Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Personalvorstände – nicht so wichtig?

Personalvorstand
Was den Einfluss von HR auf Vorstandsebene betrifft, gibt es noch Luft nach oben. Foto: © Sikov-stock.adobe.com

Fast ein Drittel der Großunternehmen hierzulande hat gar keinen Personalvorstand. Das zeigt eine aktuelle Studie. Bei gut einem weiteren Fünftel der Firmen ist die HR-Verantwortung als zusätzliche Aufgabe in anderen Ressorts verankert.

In der Untersuchung des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung geht es um die Frage, welchen Stellenwert die Personalverantwortung auf Vorstandsebene hat. Dafür wertete der I.M.U.-Personalexperte Jan-Paul Giertz für das Jahr 2019 Informationen aus Geschäftsberichten, Organigrammen und Wirtschaftsdatenbanken zu den 677 größten deutschen Unternehmen aus, die mindestens 2000 Menschen beschäftigen und deren Aufsichtsräte unter das Mitbestimmungsgesetz fallen.

Weniger als jedes zweite Unternehmen hat einen eigenständigen Personalvorstand

Das Ergebnis zeigt, dass nur bei knapp der Hälfte der Unternehmen (47,3 Prozent) ein eigenständiges Personalressort auf der obersten Führungsebene angesiedelt ist. 233 dieser Unternehmen und damit insgesamt rund ein Drittel haben einen Personalvorstand, der zugleich auch den  mitbestimmungsrechtlich geregelten Titel Arbeitsdirektor oder -direktorin trägt. Bei weiteren 87 Firmen, also einem Achtel der untersuchten Unternehmen, ist ebenfalls ein eigenständiges Personalressort vorhanden, der Vorstand trägt aber nicht den Titel Arbeitsdirektor. In 22 Prozent der untersuchten Unternehmen bearbeiten der CEO oder andere Vorstände das HR-Thema mit: 63 CEOs (9,3 Prozent) fungieren zusätzlich als Arbeitsdirektor/Personalvorstand. Bei 52 Unternehmen (7,7 Prozent) hat der Finanzvorstand (CFO) gleichzeitig die Funktion als Personalvorstand/Arbeitsdirektor inne und bei 34 Firmen (fünf Prozent) ist ein anderes Ressort für die Mitarbeiter zuständig. In ganzen 208 der untersuchten Unternehmen – das ist knapp jedes dritte (30,7 Prozent) gibt es überhaupt keinen Personalverantwortlichen auf Vorstandsebene.

Montanmitbestimmte Unternehmen sind in Sachen HR-Verantwortung besser aufgestellt

In deutschen Tochterunternehmen ausländischer Konzerne bildet sich das Thema HR sogar bei 43,2 Prozent nicht im obersten Führungsgremium ab. Hingegen schneiden Unternehmen, für die das Montanmitbestimmungsgesetz gilt und die einen Arbeitsdirektor haben müssen, besser ab: Alle 23 dieser Organisationen haben auch einen eigenständigen Personalvorstand.

Dass es insgesamt in mehr als jedem zweiten großen deutschen Unternehmen keinen eigenständigen Personalvorstand gibt und dort niemand ausschließlich für strategische Schlüsselthemen wie Führung und Zusammenarbeit, Qualifizierung oder Fachkräftesicherung zuständig ist, ist laut Giertz ein Zeichen dafür, dass die meisten Unternehmen HR nicht mit der notwendigen Verantwortlichkeit managen.

Die “Nicht-Benennung” (ist) ein klares Indiz für ein sehr operatives Verständnis der Personalarbeit,

so der Personalexperte.

Nachteile von Mischressorts: Abwertung von HR, niedriger Frauenanteil und Zielkonflikte

Zudem sieht er bei Vorständen, die HR-Themen “nebenher” mit erledigen, die Gefahr von Rollenkonflikten. Wenn beispielsweise ein CFO gleichzeitig für Personalaufgaben verantwortlich ist, könne es sein, dass HR-Aspekte unter die Räder kommen. Darüber hinaus kritisiert Giertz die Vorstellung “Personal kann jeder”, bei der die fachliche Professionalisierung zu kurz komme. Ein weiterer negativer Aspekt sei, dass bei gemischten Ressorts die Geschlechterdiversität leide. Wenn CEOs oder andere Vorstände auch für HR zuständig sind, beträgt der Frauenanteil unter den Personalverantwortlichen derzeit unbedeutende fünf Prozent, während er bei eigenständigem Personalressort bei einem Drittel (32 Prozent) liegt.

Insgesamt legen die Studienergebnisse nahe, dass es sich bei der Diskussion um die Stellung von HR oft lediglich um Lippenbekenntnisse handelt und sich der Personalbereich in der strategischen Führungsebene erst noch einen wichtigeren Platz erobern muss, um seinen Einfluss stärker geltend zu machen – gerade auch in Zeiten des tiefgreifenden Wandels der Arbeitswelt.

Weitere Ergebnisse der Studie gibt es > hier als Download.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.

Themen