Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Herausforderungen für Mitarbeiter

Für viele Mitarbeiter bedeuten soziale Firmennetzwerke eher Stress als positiven Austausch.
Bild: © Flavijus Piliponis/Fotolia.de
Für viele Mitarbeiter bedeuten soziale Firmennetzwerke eher Stress als positiven Austausch.
Bild: © Flavijus Piliponis/Fotolia.de

Mit sozialen Netzwerken im Unternehmen sollen Mitarbeiter über eine gemeinsame Plattform einfacher in Kontakt kommen, Projekte bearbeiten und Knowhow weitergeben – nicht nur mit Kollegen in Nachbarbüros, sondern weltweit. Auch über Privates oder das Kantinenessen darf kommuniziert werden. Manche deutsche Konzerne haben bereits solche firmeneigenen Netze eingerichtet, etwa die Siemens Blogosphere, das Telekom Social Network, Connect.BASF oder ConNext von Continental.

Doch was bedeutet die sogenannte “Social Collaboration” oder “Enterprise 2.0” für die Mitarbeiter, wie wirkt sich diese Kommunikationsform auf Arbeitsbedingungen und Anforderungen aus? Dr. Tanja Carstensen, Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat sich diesen Fragen im Rahmen einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie gewidmet. Für die Untersuchung “”Social Media in der Arbeitswelt. Herausforderungen für Beschäftigte und Mitbestimmung” wurden mehr als 500 Teilnehmer online befragt, außerdem wurden mit Mitarbeitern und Betriebsräten ausführlichere Interviews geführt.

Gefahr einer digitalen Spaltung der Belegschaft

Die Ergebnisse veranschaulichen, dass Social Media für manche Arbeitnehmer das passende Werkzeug ist, um sich mit Kollegen zu vernetzen. Viele empfinden diese Form der Kommunikation allerdings als Belastung, erkennen nicht unbedingt einen Mehrwert oder fühlen sich nicht gut genug vorbereitet. Auch könnte sich die Belegschaft in Nutzer und Nichtnutzer von Social Media spalten, so die Studie. Während die Nutzer der Netzwerke enger zusammenrücken, könnten andere abgehängt werden, was vor allem für ältere Mitarbeiter ein Problem darstellen würde.

Mehr Druck und Kontrolle als mögliche Konsequenzen

An den Befragungsergebnissen zeige sich, so die Forscherin, auch die Ambivalenz von Technik: einerseits Arbeit zu erleichtern, den Beschäftigten aber andererseits neue Tätigkeiten abzufordern. Die Studie hat gleich mehrere mögliche negative Folgen firmeneigener Netzwerke ausgemacht. So können sie für die Mitarbeiter Mehrarbeit bedeuten und den sowieso schon hohen Termin- und Leistungsdruck weiter erhöhen, denn anstatt andere Kanäle wie E-Mail zu ersetzen, komme Social Media meist noch hinzu. Die Kommunikation via Netzwerk könne ständige Unterbrechungen während der Arbeitszeit verursachen und die Anforderungen an Multitasking erhöhen. Außerdem könnten soziale Medien im Betrieb zu einer Entgrenzung der Arbeitszeiten führen, zum Beispiel aufgrund permanenter Erreichbarkeit. Da die Grenzen zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen verschwinden, seien Selbstausbeutung und psychische Belastungen möglich. Schließlich könne eine kleinteilige Zerlegung und Aufteilung von Tätigkeiten auf mehrere Personen ermöglicht werden und Aufgaben könnten dadurch leichter an eine anonyme Masse von Crowd Workern, sogenannten Klickarbeitern, im Internet ausgelagert werden, so die Studie. Darüber könnten die Unternehmen Daten über das Nutzerverhalten aufzeichnen und zur Leistungs- und Verhaltenskontrolle nutzen.

Komplexe Aufgabe für die Mitbestimmungsgremien

Die Untersuchung zeigt, so Tanja Carstensen, dass es bei firmeninternen sozialen Netzwerken um weit mehr als nur um ein Technikthema geht. Soziale Netzwerke seien “ein Baustein der grundlegenden Veränderungen von Erwerbsarbeit”, im Zuge deren von jedem Einzelnen mehr Selbstdisziplin, Flexibilität und Transparenz erwartet werden. Das bringe auch Herausforderungen für die betriebliche Mitbestimmung mit sich. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin müssten Betriebs- und Personalräte eingreifen. So müssten die Mitbestimmungsgremien diejenigen Mitarbeiter, die Social Media ablehnen – sei es aus Datenschutzgründen, aus Arbeitsüberlastung oder aus Scheu –, bis zu einem gewissen Grad schützen. Andererseits müsse den Mitarbeitern, die gern mit neuen Medien arbeiten möchten und für die diese Arbeitserleichterung, Wertschätzung und motivierende Arbeitsumgebung darstellen, diese Arbeitsweise ermöglicht werden.