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HR als Kundenversteher

Blick in die Themenbox: HR-Profis im Dialog; Bild: Competence Site
Blick in die Themenbox: HR-Profis im Dialog; Bild: Competence Site

“Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir verloren, weil wir den Anpfiff nicht mitbekommen haben”, sagt Tobias Kollmann und fügt nach einer dramatischen Pause hinzu: “Jetzt läuft die zweite Halbzeit und wir sitzen noch in der Kabine.” Deutschland hinkt im internationalen Vergleich digital hinterher. So weit, so schlecht. Doch was Kollmann, seines Zeichens Professor für E-Business, dem Staat und der Wirtschaft bescheinigt, sorgte beim Publikum weder für Resignation noch für Zukunftsängste. Dafür waren die Nextact-Teilnehmer mit zu vielen Ideen, wie der Wandel gelingen kann, nach Köln gekommen.

Von Industrie 4.0 bis Next HR

Ihr Wissen teilten sie in den Bereichen Industrie, Marketing, digitales Business, Gesellschaft und Innovation, New Work und HR miteinander. In sechs Themenboxen, in denen jeweils rund 20 Personen Platz fanden (siehe Bild), wurde lebhaft diskutiert, zum Beispiel über Plattform-Ökonomie, empathisches CRM, smarte Fabriken und immer wieder auch über die zukünftige Rolle von HR. Frontalbeschallung war bei keinem der vielen Programmpunkte angesagt, die Zuhörer wurden bewusst in die Vorträge, Expertenrunden und Praxisbeispiele eingebunden und beteiligten sich rege. Da fiel dann auch das Netzwerken nicht schwer. Genau so hatte es sich Organisator Dr. Winfried Felser von der > Competence Site vorgestellt. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer Vernetzungsinitiative rund um das Thema Transformation.

Aus HR-Sicht lag der Reiz des Events nicht nur darin, sich in der Themenbox “Next HR” mit Ideen befeuern zu lassen. Der Tag bot Gelegenheit, sich mit hochkarätigen Experten aus Management, Marketing, Industrie und IT auszutauschen, darunter etwa Kienbaum-Chef Dr. Walter Jochmann, Marketing-Professor Heribert Meffert oder Dr. Richard Straub, Präsident der Peter Drucker Society Europe. Den beiden Letztgenannten war zusammen mit Personalmanagement-Guru Thomas Sattelberger das Eröffnungspodium vorbehalten.

Zerstörungswille ist gefragt

In punkto Zukunftsfähigkeit prangerte Ex-Telekom-Vorstand Sattelberger die schwindende Innovationsbereitschaft des Mittelstands an. Straub sprach von der mangelnden Risikobereitschaft der deutschen Gesellschaft. Beide Aussagen wiesen auf etwas hin, das im weiteren Verlauf des Tages immer deutlicher wurde: Unternehmen, die überleben wollen, brauchen Mut, insbesondere die Courage, alte Strukturen zu zerstören und ihre eigenen Geschäftsmodelle infrage zu stellen. Wenn sie es nicht selbst tun, werden es andere machen.

Wie schmerzhaft Letzteres sein kann, wusste Heiko Büttner im Praxisbeispiel Deutsche Bahn zu berichten. Die Konkurrenz durch die Fernbusse sah man viel zu spät kommen. Büttner, Geschäftsführer Personal bei DB Vertrieb, erläuterte sodann, wie die Bahn nun reagiert und sich neu aufstellt. Das Personalmanagement treibt dabei eine agile Organisation und neue Arbeitswelten voran. Ganz zentral ist für ihn, dass HR vom Geschäft her kommen muss. An anderer Stelle hieß es dazu, HR müsse Kundenversteher sein, womit die Endkunden, nicht die internen Kunden gemeint waren.

Live-Schaltung zwischen Köln und Kalifornien

Dem pflichtete Gunther Olesch von Phoenix Contact bei. Personaler sollten sich Gedanken über Produkte und Märkte machen. Gerade für die Industrie 4.0 müssten sie viel generalistischer werden, sagte HR-Profi Olesch in einer von der “Personalwirtschaft” moderierten Diskussionsrunde. Walter Jochmann glaubt allerdings, dass es dahin noch ein weiter Weg ist. Der Geschäftsführer von Kienbaum sieht die neue HR-Generation vom agilen, interdisziplinären Schlag bisher klar in der Minderheit. Seines Erachtens tüftelten viele Personalabteilungen noch am Dave-Ulrich-Modell herum.

Am Nachmittag konnten die Besucher des Nextact dann noch einen Blick über den großen Teich werfen, dorthin, wo die Champions League der digitalen Player spielt. Per Live-Schaltung meldeten sich Stephan Grabmeier, Chief Innovation Evangelist bei Haufe-Umantis, und Franz Langecker, Chefredakteur von “HR Performance”, aus dem Silicon Valley. Schwer beeindruckt berichteten sie von der dort vorherrschenden Co-Arbeitskultur: Collaboration, Cooperation, Cocreation.

Vom Vertrieb lernen

Der Charme des Nextact-Events lag besonders in der ungezwungenen Art des Austauschs. So darf und soll es weitergehen. Die Nextact-Initiative der Competence Site wird die Transformation begleiten, weitere Veranstaltungen, aber auch Themenspecials und Blogparaden sollen folgen. Die Anregungen für HR waren bereits beim Auftakt zahlreich, beinahe zu zahlreich bei dem etwas überladenen Programm. Als Quintessenz bleibt: HR muss raus aus der Ecke des Verwaltungsexperten, ran an das Business und ran an die Kultur. Denn dort liegt die Chance, die Transformation des Unternehmens zu einer agilen Organisation mitzugestalten. Was es dafür braucht, können sich Personaler laut Gunther Olesch vom Vertrieb abschauen: Kämpfertyp sein, ohne Scheu vor dem Kunden.

Autor:
Christoph Bertram