Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Cultural Fit: Pflegeleichte Mitarbeiter gesucht

Cartoon: Zwei Männer sitzen sich gegenüber. In einer Gedankenblase sind Säcke mit Geld. Die Männer sind sich nicht einig.
Cartoon: Kai Felmy

Cultural Fit, natürlich nicht zu verwechseln mit “kulturell bewandert”, ist derzeit ein viel benutztes Schlagwort. Arbeitgebern wird dringend geraten, nur Persönlichkeiten einzustellen, die zu ihrer Unternehmenskultur passen. Kurz: Beim Cultural Fit kommt es darauf an, dass beide Seiten das Gleiche im Kulturbeutel haben. Die Pflegeutensilien und Hygieneartikel sind übereinstimmende Werte, Normen, Überzeugungen und ähnliche Vorlieben, was Arbeitsweisen, Führungsstil, den Umgang miteinander und die Kommunikation betrifft. Oft heißt es auch, Kandidaten müssten zur DNA des Unternehmens passen. Arbeitgeber und Mitarbeiter als rotierende Doppelhelix – hmmm, wenn schon Biologie: Was da propagiert wird, klingt eher nach Biotop.

Wie auch immer, Bewerber sollen unbedingt auf ihre kulturelle Passung abgecheckt werden, und beim Kulturbeutelcheck kann ja so Einiges ans Licht kommen. Gewarnt wird davor, das Bauchgefühl entscheiden zu lassen, etwa nach einem netten Gespräch à la “Lieben Sie auch Brahms?” (das hätte ja wirklich was mit Kultur zu tun) oder gar mittels eines “Beer Tests”, wie er in Kanada von einigen Recruitern praktiziert wurde: Sie stellten sich schlicht die Frage, ob sie Bock hätten, mit einem Bewerber einen trinken zu gehen. Nein, ob’s passt oder nicht, muss systematisch herausgefunden werden. Personaler können zum Beispiel im Interview fragen, wie sich der Bewerber sein Arbeitsumfeld vorstellt, was für Feedback er sich vom Vorgesetzen wünscht und wie oft und wie er es mit dem Engagement hält. Damit so ein “Test” strukturierter und “objektiver” ist, werden mittlerweile zuhauf spezielle Fragebögen und Online-Verfahren angeboten. Mit den Job-Matching-Tools werden die Kulturbeutelinhalte wie beim Flughafen-Check-in oder beim Online-Dating gescannt. Das Falsche im Beutel? Damit kommt man nicht durch. Oder – wie bei Tinder – wisch und weg. Bei gegenseitigem Gefallen aber ergibt sich vielleicht der Perfect Match mit der Aussicht auf eine glückliche, dauerhafte Beziehung. Ein solcher Mitarbeiter ist hübsch pflegeleicht, pardon, das “offizielle” Versprechen lautet, er sei garantiert motiviert und leistungsfähig und steigere die Produktivität des Unternehmens. Es wäre ja auch niemand so intelligent, die eine oder andere Frage durchschauen zu können und …

Doch wehe, Arbeitgeber verzichten auf den Test oder stellen Mitarbeiter trotz eines Mismatches ein! Dann werden beide Partner krank und unglücklich, bleiben nur noch aus Trägheit oder Sicherheitsgründen zusammen oder trennen sich. Und, so drohen die Ratgeber, das wird teuer fürs Unternehmen. Möglicherweise kommt es ja auch zu DNA-Schäden, vielleicht gar zu einer Mutation? Oder, ebenso fatal, man hat sich “toxic worker”, ins Haus geholt – Mitarbeiter, die die Atmosphäre vergiften. Sicher wird dann das ganze Unternehmen grün im Gesicht.

Kritiker des Cultural-Fit-Booms finden, dass damit nur “Gleiche” ins Unternehmen kommen, Angepasste, keine Querdenker. Die Folge: keine Veränderung. Alles bleibe so, wie es ist. Also doch eher wie in einem Biotop oder einem geschlossenen Ökosystem, was ja zunächst durchaus bequem sein kann. Egal, Hauptsache, im Kulturbeutel versteckt sich nicht das Parfum “Poison”.

Lesen Sie auch die HR Buzzword Bingos der letzten Monate:

› Schlagwort Out-of-the-box: Raus aus der Kiste – Über den Flachsinn, der Jenseits der Kiste lauern kann

› Achtsamkeit: Friede, Freude, Eierkuchen… – Darüber, wie „Mindfulness“ für eine zufriedene Belegschaft sorgen soll

› Alle Hände voll zu tun – Ambidextrie: klingt nach einer Psychokrankheit, ist aber Managementrealität

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.