Trotz hohen Drucks aus Wirtschaft und Politik müssen Unternehmen – und damit auch Führung und HR – näher hin zur Belegschaft rücken. Dieser Grundtenor kristallisierte sich beim 16. Deutschen Human Resources Summit der Personalwirtschaft im RheinMain CongressCenter in Wiesbaden heraus.
„You are who you hire”
So betonte in vollem Saal Investor und Business-Experte Carsten Maschmeyer wiederholt, wie hoch er die Belegschaft im Unternehmen einordnet. Für sie gälte es ein gutes Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wertgeschätzt und psychologisch sicher fühlen, denn: „Der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Firma sind nur die Mitarbeiter.“ Daher bezeichnete Maschmeyer HR als das für ihn wichtigste Ressort.
Maschmeyer erklärte die Relevanz einer Unternehmenskultur, in der sich Mitarbeitende zutrauen, Entscheidungen ohne die Führungskraft zu treffen. „Je wohler sich die Mitarbeiter fühlen, desto besser sind die Geschäftsergebnisse“. Von alten Leadership-Sinnsprüchen wie „Nicht meckern ist gut genug gelobt“ hält der Investor nichts.

Carsten Maschmeyer gab viele persönliche Einblicke in seine Biografie und seinen Weg nach oben, bei dem er zugab, das Leistungsprinzip auch übertrieben zu haben. Für ihn zählen heute vor allem Resultate und nicht, wann und wo sie erbracht würden: „Leistung ist nicht die Menge der Stunden“.
Gute HR-Arbeit fasste Maschmeyer mit den Kriterien „Vertrauen, Fortbildung und transparente Aufstiegskriterien“ zusammen. Sein bisher bester erhaltener Rat gab er dem Publikum mit auf den Weg: Nicht zurück, sondern nach vorne schauen – und dabei positiv bleiben.
„Wer, wenn nicht HR?“
Wie kann HR nun seiner Rolle gerecht werden, für eine positive Unternehmenskultur für sorgen, gerade im Zeichen des Wandels? Vorwärts schauen statt an der eigenen Daseinsberechtigung zweifeln – so die Aufforderung an HR von Nicole Engenhardt-Gillé, ehemalige CHRO von Freenet. Sie stellte sich in ihrer Keynote gegen die These, HR sei heutzutage überflüssig. „Der Mensch ist ein Erfolgsfaktor und Unternehmen müssen Umgebungen schaffen, in denen der Mensch wachsen kann.“ Und wer, wenn nicht HR, sei dafür am besten geeignet?
In ihrer Keynote zeichnete sie ein Bild von HR als „Brücke zwischen Business und Realität der Menschen.“ Dies sei zwar keine neue Erkenntnis, HR dürfe aber nicht „in Worten stecken bleiben“. Sie verstehe die HR-Abteilung als Co-Architekten des Unternehmenserfolges, die Organisationskultur mitgestalten müssen. Es seien vor allem eingefahrene, alte Muster, die die Transformationsfähigkeit von Unternehmen hemmen würden.
Auch Engenhardt-Gillé plädierte für die Etablierung von psychologischer Sicherheit am Arbeitsplatz. Viele Mitarbeitende würden sich nicht handlungsfähig fühlen, nur wenige Führungskräfte an die Wandelbereitschaft ihrer Teams glauben – ein Alarmzeichen, aber auch eine Chance für HR. „Die Einsicht in den Unternehmen ist da, aber die Befähigung fehlt noch.“ Hier, so Engenhardt-Gillé, könne HR ansetzen und Haltung, Kultur sowie Struktur verbinden.
Die Mitarbeitenden im Unternehmen sollten als Träger der neuen Kultur gestärkt werden, die Führungskräfte Raum bekommen, risikofrei Neues auszuprobieren und die gehenden Mitarbeitenden wertschätzend verabschiedet werden. Denn: „Eine gute Trennungskultur schafft Mitarbeiterbindung für die Bleibenden.“ Fazit der Keynote: HR kann Zukunft gestalten.

Gemeinsam stark sein
Doch wie kann diese Zukunft aussehen bei der derzeitigen weltpolitischen Lage, in der Stimmen laut werden, die Empathie und Vielfalt als Zeichen von Schwäche ansehen? „Jetzt erst recht!“ hieß es bei der Gesprächsrunde zum Thema „Werte im Wandel“. Auf der Bühne saßen Dr. Saba Kascha, CHRO bei Canon, Lea Klauk, Head of Learning & Development bei Körber, Margit Lehwalder, CHRO bei Union Investment und Cawa Younosi, Geschäftsführer der Charta der Vielfalt.

Seit der Wiederwahl von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten wird vonseiten der US-Regierung auf Konzerne Druck ausgeübt, Maßnahmen für Diversity, Equity & Inclusion (DEI) zurückzurollen. Cawa Younosi berichtete, dass dies in Deutschland eher zu einer Gegenreaktion geführt habe: Viele Unternehmen, insbesondere KMUs, seien jetzt an der Charta der Vielfalt interessiert. Die NGO setzt sich für Chancengleichheit am Arbeitsplatz ein, zu der sich Arbeitgeber mit Unterzeichnung verpflichten.
Für Margit Lehwalder ist DEI weiterhin ein klarer Wettbewerbsvorteil, in allen Facetten: „Wir brauchen eine Vielfalt an Meinungen um den Tisch.“ Um das zu gewährleisten, brauche es sowohl die Verantwortung und das Engagement des Einzelnen – wie Saba Kascha betonte –, aber auch den Rückhalt und das Eröffnen von Räumen durch die Führungskräfte. Lea Klauk wies auf die Bedeutung von Führungskräfteentwicklung hin. Gut ausgebildete Führungskräfte könnten Ängsten begegnen und für psychologische Sicherheit sorgen.
Nah an der Belegschaft bleiben
Dennoch stellte Younosi im Zuge des Panels auch fest: „Wir haben eine Empathiekrise.“ Ein Statement, das für viel Resonanz im Publikum noch bis zum Schluss des Summits sorgte. Ein Tool, um sich besser in die eigene Belegschaft hineinzufühlen sind regelmäßige Mitarbeiterbefragungen. Doch diese werden in der Regel viel zu selten durchgeführt, meinte Nico Branitsch, Employee Engagement Specialist & Head of Sales DACH bei Effectory.
„Wer nur einmal im Jahr zuhört, verliert den Anschluss“, erklärte Branitsch in seiner Masterclass. Als Beispiel nahm er einen Fitnesstracker, dessen Ergebnis man auch nicht nur alle paar Monate auslesen und daraus sinnvolle Maßnahmen für die Gesundheit entwickeln könne. „Jährliche Befragungen in Unternehmen bilden kontinuierliche Transformationen und Trends nicht ab.“
Unternehmen riet Branitsch zu regelmäßigen, kurzen Pulsbefragungen, die inhaltlich und in der Ausspielung an die jeweiligen Unternehmensbereiche angepasst sind. So müssten beispielsweise auch Deskless Worker einen sicheren, anonymen Zugriff bekommen. Unternehmen müssten vermitteln, dass Befragungen nicht zur Kontrolle, sondern zur Früherkennung dienten.

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

