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Immer mehr Fach- und Branchenexpertise gefragt

Die Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen sind zunehmendem Druck von Gesetzgeber, Behörden, Investoren, Medien und Konsumenten ausgesetzt. Gute Beratung und Überwachung erfordern die professionelle Besetzung der Aufsichtsgremien entsprechend der regulatorischen und strategischen Veränderungen, daher werden Fach- und Branchenkenntnisse immer wichtiger. Traditionelle Netzwerke reichen für die Neubesetzung nicht mehr aus. Dies sind Ergebnisse des “Board Index 2016” von > Spencer Stuart zu aktuellen Entwicklungen in Aufsichtsräten maßgebender, börsennotierter Gesellschaften in Deutschland. Für den aktuellen Index wurden die Daten von 67 Gesellschaften erfasst.

Die Zeit der traditionellen Altherrenclubs ist endgültig vorbei. Beschleunigt durch den Deutschen Corporate Governance Kodex, europäische Regulierung und die stärkere Beobachtung seitens der Stakeholder haben sich Aufsichtsräte in den vergangenen Jahren stark professionalisieren müssen,

sagt Dr. Willi Schoppen, Leiter der Board Practice von Spencer Stuart in Deutschland.

Digitalisierung und Frauenquote verändern das Bild

Die Analyse zeigt, dass der Erfahrungshintergrund der deutschen Aufsichtsräte der ökonomischen Entwicklung folgt: Unter den derzeitigen Anteilseignervertretern in den Gremien ist Erfahrung in der Leitung von Unternehmen mit einem 68-prozentigen Anteil nach wie vor die herausragende, allerdings leicht schwindende Voraussetzung für eine Mitgliedschaft. Die Kernkompetenz Finanzen in Aufsichtsräten ist mit knapp 48 Prozent nahezu stabil geblieben. Doch hat sich die Nachfrage nach Technik- und Digitalisierungskompetenz erneut erhöht – der Anteil von Aufsichtsratsmitgliedern mit dieser Expertise liegt nun bei fast 20 Prozent. Auch die Kenntnisse im Bereich Recht und Compliance sind jetzt mit neun Prozent stärker vertreten. Der Anteil von Mitgliedern mit Erfahrung in den Bereichen Medien und Beratung hat sich, wenn auch auf niedrigem Niveau, seit 2014 spürbar erhöht, bei weiblichen Aufsichtsräten sogar verdoppelt oder verfünffacht. Bei den vom Quotengesetz betroffenen Unternehmen beträgt der durchschnittliche Frauenanteil auf der Anteilseignerbank bereits 26,4 Prozent und liegt damit nahe an der Mindestmarke von jeweils 30 Prozent. Allerdings haben nur noch 54 Prozent der Vertreterinnen der Anteilseigner im Aufsichtsrat Erfahrung in der Unternehmensleitung, das sind fünf Prozent weniger als vor zwei Jahren – laut Spencer Stuart ein möglicher Indikator dafür, dass der Pool an Kandidatinnen hier momentan ausgeschöpft sein könnte.

Ein weiteres Indiz für die wachsende Bedeutung einer fachlich angemessenen Besetzung ist, dass immer mehr Aufsichtsräte (aktuell 88 Prozent) einen Nominierungsausschuss installiert haben. Und längst ist es gängige Praxis, dass Unternehmen regelmäßig die Effizienz ihrer Aufsichtsräte evaluieren (97 Prozent gegenüber zuvor 90 Prozent). Im aktuellen Untersuchungszeitraum haben 22 Prozent einen externen Berater hinzugezogen, sieben Prozent mehr als 2014.

Auf die richtige-Know-how-Mischung kommt es an

Bei allem Professionalisierungsdruck müssten jedoch Anspruch und Wirklichkeit realistisch gesehen werden, so Schoppen. Denn kein einzelner Aufsichtsrat könne alle erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen auf sich vereinen. Wichtig sei die richtige Mischung im Gremium insgesamt und da werde vor allem ausreichend Branchenexpertise immer bedeutender. Laut Board Index besitzen gut 39 Prozent der Anteilseignervertreter entweder spezifische Expertise in der Branche des Unternehmens oder in einem verwandten Segment. Die Reform des Abschlussprüfergesetzes im Sommer 2016 habe das Gewicht der Sektor-Expertise betont, während aber nach wie vor die “Cooling-Off”-Vorschrift von 2009 als Bremse wirke: Sie zwingt zu einer mindestens zweijährigen Pause zwischen einer Tätigkeit als Vorstand und einem Aufsichtsmandat im selben Unternehmen.

Vergütung: Trend zum Fixgehalt setzt sich fort

Auch bei der Vergütung der Aufsichtsratstätigkeit hat sich die Entwicklung der vergangenen Jahre verstetigt. Mittlerweile verzichten 70 Prozent der Aufsichtsgremien auf eine erfolgsorientierte Vergütung ihrer Mitglieder. Zudem sei die Arbeit in Aufsichtsräten deutlich anspruchsvoller und komplexer geworden, der Zeitaufwand und die Sitzungsintensität sei gestiegen und die Fixvergütung soll dies angemessen honorieren, sagt Schoppen.  So ist das Fixum seit der Voruntersuchung vor zwei Jahren erneut gestiegen: Im Schnitt erhält ein Aufsichtsratsmitglied nun mit 64 346 Euro 18 Prozent mehr und ein Vorsitzender mit 160 756 Euro 19 Prozent mehr als 2014. Die Mitarbeit in Ausschüssen honorieren 92,5 Prozent der Unternehmen zusätzlich und 72 Prozent zahlen ein separates Sitzungsgeld.