Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Viele Führungskräfte vertrauen ihren Homeworkern nicht

Homeoffice
Fast vier von zehn Führungskräften denken, dass ihre Angestellten im Homeoffice nicht arbeiten. Foto: © LeslieAnn-stock.adobe.com

Die meisten Vorgesetzten hierzulande denken, dass es ihnen auch aus der Ferne gelingt, ihre Beschäftigten zu führen. Dennoch bezweifelt ein nicht unerheblicher Teil, ob Remote Work der Firma wirklich zugutekommt. Das größte Problem: Mehr als jeder dritte Manager hat kein Vertrauen, dass die Telearbeiter ihrem Job von zu Hause aus mit dem nötigen Eifer nachgehen. Das geht aus einer aktuellen Führungskräftebefragung hervor.

Im Auftrag des Karrierenetzwerks Linkedin hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Yougov zwischen dem 4. August und 1. September dieses Jahres 2.050 Führungskräfte aus Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz ab 250 Millionen US-Dollar befragt. Die Teilnehmer kamen aus elf Ländern, davon 253 Manager aus Deutschland.

Druck zu mehr Flexibilität nimmt zu

Seit Corona überdenken die meisten Unternehmen ihre Arbeitsmodelle. In Deutschland verspüren fast drei Viertel der befragten Führungskräfte (74 Prozent) Druck, ihre Arbeitsplatzrichtlinien im Sinne von mehr Flexibilität anzupassen. 39 Prozent geben an, der Druck gehe von den Führungskräften selbst aus und 40 Prozent sagen, er komme von den Mitarbeitenden. Was die Fähigkeit betrifft, ihre räumlich verteilten Beschäftigten zu führen, geben sich rund sieben von zehn Managern (71 Prozent) zuversichtlich. Dennoch befürchten sie, dass die Zusammenarbeit innerhalb der Teams schwieriger wird. Gleichzeitig sind sie besorgt, dass sich Remote Worker in ihrer Karriereentwicklung benachteiligt fühlen könnten.

38 Prozent der Chefs misstrauen Arbeitsmoral der Telearbeiter

Die meisten Bedenken haben die Manager jedoch hinsichtlich der Leistungsbereitschaft ihrer Mitarbeitenden im Homeoffice. Fast vier von zehn Befragten (38 Prozent) vertrauen ihren Remote Workern nicht, dass sie zu Hause tatsächlich arbeiten. Das ist ein erschreckendes und erstaunliches Ergebnis, da verschiedene Studien ergeben haben, dass die Probleme eher woanders liegen und dass aufgrund der fehlenden persönlichen Kommunikation vor allem der Zusammenhalt gefährdet ist. In keinem anderen Land außer den Niederlanden misstrauen die Führungskräfte ihren Mitarbeitenden im Homeoffice so wenig. Vielleicht liegt es am mangelnden Vertrauen, dass ebenfalls fast vier von zehn deutschen Managern (37 Prozent) negative Folgen für Ihr Unternehmen befürchten, wenn sie ihrer Belegschaft flexibles Arbeiten ermöglichen. Auch hier sind die Sorgen im weltweiten Vergleich mit am größten: Lediglich in Irland ist der Anteil der Skeptiker mit 40 Prozent noch höher.

Schon vor der Pandemie scheiterten flexible und hybride Arbeitsmodelle weniger an technologischen oder organisatorischen Hindernissen, sondern eher an der Ablehnung durch die Vorgesetzten,

sagt Prof. Dr. Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomie und neue Technologien, zu den Befragungsergebnissen. Seiner Meinung nach werden Unternehmen, die zum alten Status quo zurückkehren, künftig mehr Schwierigkeiten haben, neues Personal zu finden.

Deutsche Betriebe wollen nicht gern auf Präsenztage verzichten

Die Mehrheit der Führungskräfte zieht offenbar hybride Arbeitsmodelle für die Zukunft vor. 70 Prozent der deutschen Befragten würden es bevorzugen, dass ihre Beschäftigten drei bis fünf Tage pro Woche vor Ort arbeiten. Das ist im Ländervergleich der zweithöchste Wert, der nur von den Niederlanden übertroffen wird (82 Prozent). Drei Viertel der deutschen Manager (75 Prozent) wollen neue Arbeitsweisen etablieren, um ihre Belegschaften bei der Umstellung auf hybrides Arbeiten zu unterstützen, etwa durch Trainings für eine bessere Zusammenarbeit trotz physischer Distanz. 86 Prozent halten solche Weiterbildungsmöglichkeiten für wichtig, haben sie deshalb eingeführt oder planen dies. Dabei wollen sich die Unternehmen schwerpunktmäßig besonders um die jüngeren Arbeitskräfte kümmern. 89 Prozent der befragten Führungskräfte denken, dass diese besonders benachteiligt sind, wenn sie nicht im Firmenbüro arbeiten, da ihnen wichtige Erfahrungen sowie Möglichkeiten zum Lernen und Netzwerken fehlten.

Wohin geht die Entwicklung?

Fast alle Studien der letzten Zeit propagieren für die Zukunft hybride Arbeitsmodelle, wobei meist potenzielle neue Krisen als Argument genannt werden. Dennoch entsteht häufig der Eindruck, dass das langfristige Ziel auch vor dem Hintergrund der forcierten Digitalisierung aller Bereiche eher darin besteht, die Arbeit vollständig ins Homeoffice zu verlagern und die Angestellten – die jüngste Generation von Anfang an – daran zu gewöhnen, zum Beispiel durch Schulungen. Dieselbe Tendenz zeigt sich auch in Forderungen, die Schulbildung stärker zu digitalisieren. Damit verbunden ist eine zunehmende Vereinzelung, deren Nachteile und Risiken für die Menschen, für Arbeitnehmende und Unternehmen sowie die Gesamtgesellschaft kaum erörtert werden.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.