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Jobabbau wegen Digitalisierung: Horror-Szenario nicht zu erwarten

Ingenieuren arbeitet an Entwurf mit einem Kollegen über Chat
Ein Bild, das in Zukunft zunimmt? Gemeinsam virtuell in einem voll digitalisierten Entwicklungsprozess arbeiten. Bild: Ludmilla Parsyak, Fraunhofer IAO

Das Wissenschaftsjahr “Arbeitswelten der Zukunft” neigt sich dem Ende zu, da dreht das Fraunhofer IAO nochmal richtig auf und hat hochrangige Forscher und Firmen auf seiner Arbeitsforschungstagung zusammengebracht. Die wichtigste Erkenntnis: Die meisten Jobs werden durch die Digitalisierung nicht verdrängt, sondern verändert. “Zu Anfang des Wissenschaftsjahres gab es ein Horrorszenario, man glaubte, dass durch die Digitalisierung Hunderttausende von Arbeitsplätzen verschwinden würden”, erinnert sich Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, und Experten sind sich einig, dass auch weniger qualifizierte Mitarbeiter ihre Daseinsberechtigung behalten werden.

Durchdringung digitalisierter Arbeitsprozesse noch gering

Problematisch ist, dass immer noch jedes vierte Unternehmen keine oder nur geringe Anstrengungen in Richtung Digitalisierung unternimmt. Wie sollen Mitarbeiter auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, wenn in der Firmentradition alle Informationen beim Chef zusammenlaufen müssen? Und wie sollen sich Handwerker auf neue Technologien einstellen, wenn es dort heißt: “Du bist hier zum Arbeiten, nicht zum Denken.” Solche Sprüche gibt es immer noch. Die Technologie wartet aber nicht auf Nachzügler, sondern konfrontiert Manager und Mitarbeiter mit ganz neuen Anforderungen. “Wir beobachten eine Deprofessionalisierung”, erklärt Dr. Stephan Kaiser, Professor an der Universität der Bundeswehr München, “denn was muss ein Mitarbeiter überhaupt noch können, wenn ihm die 3D-Brille alles zeigt?” Fakt ist, dass Algorithmen den Menschen immer mehr Entscheidungen abnehmen. Kaiser: “Dadurch werden Hierarchien flacher.”

Aktuell wird Digitalisierung noch als Überforderung wahrgenommen

Auch die sozialpolitischen Aspekte kamen nicht zu kurz. Vor allem die Widersprüchlichkeit zwischen der geplanten Arbeitsentlastung und der tatsächlichen Mehrbelastung durch die IT ist ein Dauerthema. Denn in der Theorie ermöglicht die Digitalisierung ein selbstbestimmtes, flexibles Arbeiten und eine ausgeglichene Work-Life-Balance, doch in der aktuellen Phase auf dem Weg zu einer veritablen Arbeitswelt 4.0 erleben die Mitarbeiter zunächst einen Information Overflow und einen undurchdringlichen Mail-Dschungel.

Last not least – wie üblich auf solchen Tagungen – kabbelten sich Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter, namentlich Annelie Buntenbach (DGB) und Steffen Kampeter (BDA), über Rechte, Pflichten und Verantwortung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Buntenbach fordert, Mitarbeiter stärker in die Gestaltung der neuen Arbeitsbedingungen einzubinden. “Bei einer größeren Mitbestimmung erleben wir nicht nur eine Akzeptanz, sondern ein persönliches Engagement seitens der Arbeitnehmer.” Kampeter will sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen und findet, dass die Gestaltung von Arbeitsplätzen ureigenste Aufgabe von Unternehmern sei und bleiben werde. Mit 33 Mrd. Euro sind die Unternehmen der größte Weiterbilder in Deutschland. Kampeters Credo: “Auch auf Leute, die durch die Technologie verdrängt werden, wollen wir nicht verzichten.”

Forschung und Erkenntnisgewinn gehen im neuen Wissenschaftsjahr weiter

In wenigen Wochen geht das Wissenschaftsjahr 2018 “Arbeitswelten der Zukunft” nahtlos in das Wissenschaftsjahr 2019 “Künstliche Intelligenz” über. Viele Projekte und Initiativen werden weiterleben, “und zwar auf einem höheren Aktivitätsniveau”, glaubt Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO. Dafür sorgen die zahlreichen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, mit denen das Fraunhofer IAO weltweit kooperiert. Live dabei auf der Tagung waren beispielsweise das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das Forschungsinstitut Rationalisierung (FIR) der RWTH Aachen, die TU Chemnitz und das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München. Sie werden ihre Kooperationen intensivieren und den Anwendern den Schritt in die tägliche Praxis erleichtern. Damit Deutschland, um es mit Kampeters Worten zu sagen, “die Digitalisierung nicht im Schlafwagen verbringt”.