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Sicher wie das Amen in der Kirche

Ein Finger zeigt auf eine animierte technische Schaltfläche
Prozesse wie von Zauberhand erledigen: Das wollen Personalabteilungen in Zukunft mit KI-Technologie. Bild: ©putilov_denis/AdobeStock

Wenn man dem Bitkom Glauben schenkt, hat der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Wirtschaft, wenn überhaupt, “einen eher vernachlässigbaren Anteil” an Prozessen aller Art. Konkret spricht der IT-Branchenverband von maximal rund 6 Prozent – über alle Unternehmensfunktionen hinweg. Doch was den einen noch praxisfern und überflüssig vorkommt, hat sich vor allem bei einigen internationalen Unternehmen schon Bahn gebrochen, auch im Personalwesen. Das zeigte Anfang Dezember die von We Conect, Berlin, veranstaltete Online-Konferenz › “Cognitive HR Europe”, auf der eine Vielzahl internationaler Referenten aus Firmen und Organisationen über Einsatzbeispiele von KI in HR referierten. Darunter waren die Banco Santander Spanien, Lego Dänemark, Kühne + Nagel USA oder auch die Deutsche Post AG.

Bei der für Teilnehmer kostenfreien Konferenz ging es unter anderem um Analytik, Mitarbeiterbindung, Lernen und  Talent Management – aber auch um die Grundsatzfragen. Sprich: um mögliche Gefahren und Vorteile des Einsatzes von KI. So referierte Raymond Martens, Gründer des niederländischen Digital Agentur Active Collective, über die Fallstricke von KI und smarter Technologien im Personalmanagement. Unterm Strich ist für ihn klar: “In fünf bis zehn Jahren werden 80 Prozent der operativen HR-Arbeit automatisiert sein.”

Portraitaufnahme von Anastatsia Trubnikova
Anastasia Trubnikova ist Global Lead der Employee Experience, HR and Strategic Intelligence Portfolio bei We Conect. Foto: © We Conect

Allerdings wird man abwarten müssen: Bis wirklich zu erkennen ist, welchen Einfluss die Pandemie auf die Implementierung von KI in HR nimmt – so auch das Thema einer › Panel Diskussion der Veranstaltung. Ivan Evdokimov etwa, Talent Acquisition Manager beim Energie-Lieferanten Uniper, glaubt an eine beschleunigende Wirkung auch in diesem Teilbereich von Digitalisierung. Aber man kann da auch Zweifel haben. So gestand Moderatorin Anastasia Trubnikova, Global Lead Employee Experience, HR and Strategic Intelligence Portfolio bei We Conect ein, dass die Herausforderungen beim Einsatz intelligenter Systeme “eine Vielzahl von Parametern” umfasse. Etwa den Mangel an sauberen Daten, aber auch “ein Defizit passender, die Organisationen unterstützender KI-Lösungen”. Nicht zu vergessen die DSGVO und die möglicherweise gebremste Investitionslust von Unternehmen in noch wenig erprobte HR-Technologien.

Mehr Wissen über die Technologie gefordert

Dennoch ist sie zuversichtlich: “Meiner Ansicht nach wird die Nutzung von KI im Personalumfeld zwar langsam wachsen, doch letzten Endes wird sie ein wichtiger Teil in der HR Technologie-Landschaft werden, sowohl als Bestandteil technologischer Lösungen als auch im Bereich von Lösungen kleiner, unabhängiger Startups.

Wo Entschlossenheit und Budget groß genug sind, zeichnet sich ab, wie die Personalarbeit der Zukunft in den jeweiligen Anwendungsbereichen aussehen kann: Von der Transformation der Candidate und Employee Experience mittels KI bei › Ernst & Young über die Skills, die die KI-gestützte Personalarbeit beim indischen Unternehmen › Larsen Toubro erfordert, bis zu Erkenntnissen bei › Purple Beach darüber, wo in HR KI und smarte Technologien den künftig größten Einfluss haben werden. Wobei sich laut Annemie Ress, Managing Directorin des Innogy Innovation Hub und von Purple Beach, diese Frage am Ende gar nicht stellt: “Der Einzug von KI in alle Bereiche der Personalarbeit ist unvermeidlich.” Weshalb sich Personalverantwortliche “mehr spezifisches Wissen” über die neuen Technologien aneignen müssten. Nur dann könnten sie ihre positiven Effekte auf die HR-Arbeit einschätzen und nutzen.

Etwa 150 Teilnehmende hatten sich für die Konferenz angemeldet. Gut vorstellbar, dass es offline mehr gewesen wären. Aber dem Thema gehört die nahe Zukunft, davon ist natürlich auch Anastasia Trubnikova überzeugt: “Wenn die Unternehmenskultur passt, die Stakeholder an Bord sind und das Team mutig genug ist, können die Hindernisse mit Leichtigkeit überwunden werden.” Möglicherweise wird sich schon bei der nächsten ScaleUp Cognitive HR Europe am 20. und 21. April 2021 abzeichnen, in welchen Branchen, in welcher Art Unternehmen diese Voraussetzungen am ehesten gegeben sind.

Ulli Pesch ist freier Journalist und schreibt regelmäßig über das Thema HR-Software in der Personalwirtschaft.