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Looking for Freedom

Wer “New Work” sagt, hofft auf eine Arbeitswelt mit mehr Freiheit. Freiheit von Krawatten, von festen Arbeitszeiten und -orten, teils auch: von festen Arbeitgebern. Bei der New Work Experience in Berlin wurde über all das lebhaft diskutiert. Xing hat aus der Verleihung der New Work Awards eine gelungene Tages-Konferenz gemacht.
Thomas Sattelberger, Schirmherr des New Work Awards / Bild: XING
Thomas Sattelberger, Schirmherr des New Work Awards / Bild: XING

Auch die neue Arbeitswelt muss ihre Ordnung haben. Als der Moderator Michel Abdollahi die Konferenz “New Work Experience” im Berliner Westhafen eröffnete, kontrollierte er zunächst die Einhaltung des Dresscodes. Abdollahi musterte die Zuschauerreihen mit kritischem Blick und fand tatsächlich einen Schlipsträger, weit vorne, aber gut versteckt. Abdollahi forderte ihn auf, seine Krawatte abzunehmen. Der Ertappte kam der Aufforderung nach, und der ganze Saal johlte.

Mit den alten Regeln brechen, bewusst und gerne auch demonstrativ – darum sollte es bei dieser Konferenz gehen, die Xing zum ersten Mal in diesem Rahmen organisiert hat. 750 Menschen waren gekommen, um sich in Dutzenden Workshops auszutauschen und den Keynotes zu lauschen. Das große, überragende Thema fast aller Sessions waren die Themen Digitalisierung und Automatisierung. Wie verändern sie die Arbeit an sich? Was bedeutet das für die Arbeitenden? Und: Wie müssen sich Unternehmen und Personalverantwortliche wandeln, um in der neuen Welt zu bestehen?

Wandel braucht Bildung

Wie drängend diese Fragen sind, wurde in dem Vortrag von Carl Benedikt Frey deutlich. Der Wissenschaftler forscht in Oxford zu den Folgen der Automatisierung und legte 2013 eine Studie vor, die weltweit die Debatten über das Thema bestimmt. Jede neue Folie in seiner Präsentation wirkte wie ein Ausrufezeichen: Die drei größten Firmen des Silicon Valley sind dreimal so viel Wert wie die drei größten Firmen der Industriemetropole Detroit – doch sie beschäftigen nur einen Bruchteil an Mitarbeitern. Nur jeder 200. US-Amerikaner arbeitet in einer Industrie, die erst im 21. Jahrhundert entstand; eine Zahl, die im krassen Missverhältnis zur kulturellen und ökonomischen Bedeutung dieser Industrien steht. Auch wichtig: In Regionen, in denen die Gefahr am größten ist, dass die Automatisierung Jobs vernichtet, haben Menschen auch besonders häufig für den Brexit und für Donald Trump gestimmt. “Wirtschaftliche Polarisierung führt zu politischer Polarisierung”, sagte Frey und sah zwei Auswege: Erstens, Staat und Unternehmen müssten den Menschen helfen, sich weiterzubilden. Zweitens, Menschen müssten bereit sein, umzuziehen, aus den alten Industriezentren in die neuen. Damit das aber gelingen kann, brauche es eine vorausschauende Wohnungspolitik.

Transformation geht nicht ohne die Mitarbeiter

Die Leiterin der Führungskräfteentwicklung der Deutschen Bahn, Ursula Schütze-Kreilkamp, formulierte im Panel “Beyond HR” mit Matthias Schulz (IBM), York Scheunemann (Google) und Rosa Riera (Siemens) ähnliche Gedanken: “Was machen wir mit dem Buchhalter, dessen Arbeit automatisiert wird? Da beginnt HR-Arbeit: Welche Talente hat er? Wo kann er die nun am besten entfalten?” Ihrer Meinung nach versteckten sich Personaler noch zu sehr in ihren eigenen Betrieben. “HR fehlt an vielen Stellen in den Unternehmen, wo Transformation stattfindet. Genau deswegen wird unsere Arbeit auch so stark hinterfragt.” Im Gespräch schälte sich ein Konsens über die neue Rolle von Personalern in den Unternehmen heraus: Sie sollten diejenigen sein, die den Wandel vorantreiben, ja. Aber mehr noch diejenigen, die den Mitarbeitern dabei zur Seite stehen und ihnen im Zweifel auch die Angst nehmen. Eine Blitzumfrage im Saal zeigte Überraschendes: Der nötigen Transformation der Unternehmen stünden letztlich nicht die Vorstände im Wege, sondern das Mittelmanagement. Dort herrsche die Furcht, ersetzt zu werden und die pflanze sich fort nach unten. Damit bestätigten die Panel-Teilnehmer, was Thomas Sattelberger, der ehemalige Personalvorstand der Deutschen Telekom, in seiner Eröffnungsrede konstatiert hatte: “Das Thema der Transformation ist kein Technologiethema, sondern ein Thema der Führung und der Unternehmenskultur.”

An einem Beispiel in einer anderen Diskussion wurde das deutlich. Der Buchhändler Hugendubel fand sich vor ein paar Jahren in einer eigenartigen Situation wieder: Wenn ein Buch vergriffen war, empfahlen Mitarbeiter ihren Kunden, mal im Internet zu schauen. Bei Amazon. “Die Verkäufer wollten einfach den Wunsch der Kunden so schnell wie möglich erfüllen”, sagte Nina Hugendubel, die geschäftsführende Gesellschafterin des gleichnamigen Buchhandels. Es habe Zähigkeit, Geduld und sehr viele Schulungen gebraucht, um den Mitarbeitern zu zeigen, dass die eigene Website mindestens genauso gut wie die von Amazon sei und sich sehr gut ergänze mit dem stationären Buchgeschäft. Wer das genau erkläre und dabei offen sei, bekomme glücklichere Mitarbeiter. Denn: “Erfolg ist der größte Motivator.” Ohne die Mitarbeiter, pflichtete Maximilian Viessmann vom Heizungsbauer Viessmann, bei, gehe tatsächlich nichts: “Sie sind die Transformation.”

HR darf experimentieren lernen

Das gilt natürlich auch für die Mitarbeiter in der Personalabteilung selbst: Sie müssen beginnen, mit den Möglichkeiten zu spielen, die ihnen die Digitalisierung bietet. Das jedenfalls forderte der Wissenschaftler Ayad Al-Ani. “Versuchen Sie eine Umgebung zu schaffen, in der nicht gleich die ganze Organisation gefährdet ist, wenn die Experimente schief gehen”. Al-Ani war Teil eines von Personalwirtschaft-Herausgeber Jürgen Scholl moderierten Panels zur Plattformökonomie, griffiger zusammengefasst unter den Schlagwörtern “Gig Economy” oder “Crowdworking”.

Über zahlreiche Plattformen können Unternehmen inzwischen online Aufträge vergeben. Die Plattformen unterscheiden sich zum Teil stark voneinander, allen gemein ist aber, dass sie ein Werkzeug sind, das die Arbeit von HR grundlegend verändern kann. “Die HR-Abteilung wird sich um Öffnung bemühen müssen”, sagte Ayad Al-Ani. “Sie kann nicht mehr alles die eigenen Leute in der Firma machen lassen. Wenn die es aber nicht machen, wer macht es dann?” Es gehe darum, die verschiedenen Plattformen mit ihren Stärken und Schwächen zu analysieren und zu lernen, wie sie in den Alltag integriert werden können. Karl-Heinz Brandl, Leiter des Bereichs Innovation und Gute Arbeit bei der Dienstleistungsgesellschaft Verdi, ergänzte: “Die Auslagerung auf Plattformen schafft in der Realität auch neue HR-Jobs, weil die Qualitätssicherung enorm wichtig ist.” Die Gewerkschaften weisen insbesondere auf die faire Behandlung und Bezahlung von Crowdworkern hin – auch dies eine Verantwortung, die HR mittragen muss.

Gleichwohl: In Zeiten von New Work wissen es manche Mitarbeiter durchaus zu schätzen, regelmäßig mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Und für manche kann die Arbeit auf den Plattformen selbst sogar zum Befreiungsschlag werden, ein Weg Richtung Selbstbestimmung. Dies ist die Position, die Bastian Unterberg, Gründer und Geschäftsführer der Plattform Jovoto vertritt. Er plädiert für eine differenzierte Betrachtung der Plattformen. Jovoto etwa bringe kreative Köpfe zusammen und helfe Unternehmen, innovative Lösungen für komplexe Fragestellungen zu finden – es werde niemand ausgebeutet oder unter Leistungs- und Preisdruck gesetzt. Seine Schlussfolgerung: “Für Talente können Plattformen ein ganz neues Umfeld bieten”, weil sie Kreative erreichten, die unabhängig und projektorientiert arbeiten wollten.

Awards für Unternehmen und Individuen

Xing verlieh am Abend auch die “New Work Awards”, die neue Konzepte der Arbeit auszeichnen. Unter den Gewinnern in der Kategorie “Junge Unternehmer” war etwa die Agentur Leadership3, die Selbstbestimmung innerhalb von Teams verbessern will. Sie hilft dabei, “kollektive Führung” zu entwickeln und im Arbeitsalltag auch tatsächlich zu nutzen. Weitere Gewinner in dieser Kategorie waren die Social Selling Community “Pippa & Jean” sowie die Wirtschafts-Plattform für Frauen “Edition F”. Bei den etablierten Unternehmen gewannen die Tele Haase Steuergeräte GmbH, die sich in “einem intelligenten Organismus” selbst steuert (Platz 3), die Traum-Ferienwohnungen GmbH, bei der es keine Führungskräfte mehr gibt (Platz 2) und Cisco, das es seinen Mitarbeitern technisch und organisatorisch ermöglicht hat, von jedem Ort auf der Welt zu arbeiten (Platz 1).

Erstmals wurden auch sechs Individuen als “New Worker” ausgezeichnet, weil sie Werte der neuen Arbeitswelt bereits vorleben und anderen Menschen vermitteln. Lena Felixberger, Chefin der Online-Plattform “Descape”; Julia Kümper, die trotz schwerer Erkrankung ihr Studium in der Regelstudienzeit absolvierte und nebenbei die größte bundesweit aktive Praktikumsbörse für Studierende der Sozialwissenschaften initiierte; Sven Franke, Organisationsexperte und Mitinitiator des Projekts “Augenhöhe”; Ali Mahlodji, Gründer der Plattform “Whatchado” und EU-Jugendbotschafter; Hermann Arnold, Mitgründer von Haufe-Umantis und Autor des Buches “Wir sind Chef”; Christa Weidner, Initiatorin des Projekts “Freelance IT”.

Freiheit, die ich meine

Unter dem Strich ein lohnenswerter Event, bei dem es Xing gelang, zahlreiche Vorreiter einer neuen Arbeitswelt mit mehr Freiheit und weniger Hierarchie zusammenzubringen. Letztlich aber saßen die Menschen mit dem größten Grad an Selbstbestimmung nicht unbedingt auf den Bühnen und redeten. Denn ein wahrer Akt der Freiheit spielte sich etwas abseits ab: Die zwei Musiker, die das Programm begleiteten, machten sich das erste Bier des Tages auf. Da war es zwanzig nach vier.

Autor:
Rico Grimm, freier Journalist, Berlin