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Mehr Flexibilität, weniger Chancen für Frauen?

Frauen wünschen sich öfter flexible Arbeitsmodelle. Wie eine aktuelle Studie von Censuswide im Auftrag von Linkedin allerdings auch zeigt, könnten Mitarbeiterinnen einen Nachteil daraus ziehen, diese vielerorts angebotene Flexibilität zu nutzen. Die Befürchtung: Wenn Frauen mehr Arbeit von Zuhause aus erledigen, könnten sie gegenüber Mitarbeitern, die im Betrieb tätig sind, bei Beförderungen benachteiligt werden und sich gleichzeitig schwerer von Haushaltserledigungen trennen oder diese an Männer übergeben.

Die Studie, bei der Anfang 2022 mehr als 2.000 Beschäftigte und gut 500 Personalverantwortliche in Deutschland befragt wurden, macht auch deutlich, dass in den meisten Unternehmen flexibles Arbeiten Einzug erhalten hat. Gut drei Viertel der Personalverantwortlichen hierzulande (78 Prozent) geben an, dass flexibles Arbeiten in ihrem Unternehmen bereits offiziell geregelt ist. Das hat einen Grund: Fast ein Drittel der Arbeitgeber (31 Prozent) und Arbeitnehmer (32 Prozent) ist der Meinung, dass flexible Arbeitsmodelle die Produktivität erhöhen und die mentale Gesundheit verbessert (jeweils 25 Prozent).

Frauen wünschen sich öfter flexible Arbeitsmodelle als Männer.

Als wie wertvoll Flexibilität im Arbeitsleben angesehen wird, hängt oftmals auch vom Geschlecht ab. Frauen legen in verschiedener Hinsicht mehr Wert auf flexible Arbeitsmodelle als Männer. Während sich von den Arbeitnehmerinnen 62 Prozent Möglichkeiten zu Teilzeit wünschen, sind es bei den Arbeitnehmern nur 43 Prozent. Auf Gleitzeit legt fast die Hälfte der Frauen (48 Prozent) Wert gegenüber einem Drittel (33 Prozent) der Männer. Die Möglichkeit zu reduzierten Arbeitsstunden erwarten 61 Prozent der weiblichen und 49 Prozent der männlichen Beschäftigten. Und für eine Vier-Tage-Woche plädieren 68 Prozent der Frauen im Vergleich zu 58 Prozent der Männer. Die Ergebnisse erstaunen insofern nicht, als Frauen hierzulande ohnehin „traditionell“ häufiger in Teilzeit tätig sind, vor allem auch deshalb, da sie immer noch den größten Teil der Kinderbetreuung übernehmen, so die Studienverfasser.

Berufliche Nachteile für Mitarbeiterinnen im Homeoffice

Und genau hier könnte zukünftig ein Problem liegen. Denn die ursprünglich als hilfreich gesehene Flexibilität könnte dafür sorgen, dass Frauen in der Haushaltsfalle stecken bleiben. Mehr als die Hälfte der befragten Personalverantwortlichen (56 Prozent) geht davon aus, dass nach Corona wieder mehr Männer im Firmenbüro tätig sind und Frauen eher von zu Hause aus arbeiten. Davon abgesehen, dass dadurch Rollenklischees verstärkt würden, könnten Mitarbeiterinnen benachteiligt werden, wenn sie weniger vom Betrieb aus tätig sind. Rund ein Viertel (24 Prozent) befürchtet, Frauen könnten „gefühlt“ weniger berufliche Chancen haben. Fast ebenso viele (23 Prozent) denken, dass Mitarbeiterinnen sich weniger berechtigt fühlen, das einzufordern, was sie sich von ihrer Arbeit wünschen. Außerdem rechnet gut ein Fünftel (22 Prozent) damit, dass es für Mitarbeiterinnen schwieriger wird, Beziehungen zu Kollegen und Kolleginnen aufzubauen. Barbara Wittmann, Country Managerin bei Linkedin für Deutschland, Österreich und die Schweiz, ist angesichts der Erkenntnisse der Ansicht, dass eine Retraditionalisierung droht und plädiert deshalb für ein Umdenken.

„Nur, wenn auch Männer flexible Arbeitsmodelle in allen Facetten nutzen und dadurch die derzeit vorherrschende Doppelbelastung der Frauen reduzieren, entsteht das Fundament für eine Arbeitswelt, die auch für Frauen gut funktioniert“,

sagt Wittmann.

Flexibilität auch auf berufliche Auszeiten ausweiten

Gleichzeitig vertritt Wittmann die Ansicht, dass Flexibilität überhaupt breiter definiert werden sollte. Das gelte nicht nur für den Berufsalltag und die Elternzeit, sondern auch für Auszeiten hinsichtlich der Lebensarbeitszeit, etwa Sabbaticals, Umschulungen oder Weiterbildungen. Aus den Befragungsergebnissen gehe hervor, dass Unterbrechungen der beruflichen Laufbahn noch häufig mit einem Stigma behaftet seien, sich derzeit jedoch ein Umdenken abzeichne. Offenheit auch für Karrierepausen bei Unternehmen und Beschäftigten sei ein wichtiger Schritt zu mehr Chancengleichheit, so die These von Wittmann.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.