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„Personaler sollten sich an Technik herantrauen“

Anna Ott; Foto: Unleash Group
Anna Ott war bis 2013 Geschäftsführerin der Personalberatung I-Potentials und hat zuletzt für Hub-Raum, den Inkubator der Deutschen Telekom, gearbeitet. Seit Februar 2018 ist sie als Head of Start-up-Ecosystem bei der Unleash Group beschäftigt.

Personalwirtschaft: Im vergangenen Oktober hat sich Ihr neuer Arbeitgeber von HR Tech World in Unleash umbenannt. Zu Deutsch bedeutet das: entfesseln. Wer oder was soll von der Leine gelassen werden?
Anna Ott:
Die Namensgebung rührt von unserem alten Claim her: Unleash your people – entfesselt eure Leute. Das war ein Aufruf an Entscheider, Manager und Personaler, neue Wege zu beschreiten, um das volle Potenzial der Belegschaft zu entfalten. Für mich ist es aber noch mehr: Entfesselt eure Leute, das klingt wie eine Top-down-Entscheidung. Aber jeder muss auch selbst sein eigenes Potenzial entfalten und sich aus seiner Komfortzone herauswagen, was nicht zuletzt durch den gesellschaftlichen und technologischen Wandel bedingt ist.

Beobachten Sie auch eine Entfesselung von HR?
Auf jeden Fall. Es ist eine Dezentralisierung der Verantwortung zu sehen, die HR früher hatte. An unseren Veranstaltungen nehmen zum Beispiel nicht mehr nur Personalverantwortliche teil. Auch viele CEOs und CFOs gehen dorthin, weil sie merken, dass sie HR nicht nur in ein Silo schütten können, sondern sich selbst damit beschäftigen müssen.

Nicht wenige Experten unken, HR werde bald abgeschafft oder durch Maschinen ersetzt.
Ich glaube das nicht.

Es braucht immer noch eine Funktion im Unternehmen, die im Blick hat, wie es den Mitarbeitern geht, wie sie sich entwickeln und welche Leute zum Unternehmen passen.

Klar, bestimmte Bereiche lassen sich durch Technik automatisieren und verschlanken. Auch die Mitarbeiter können viele Prozesse selbst übernehmen. Aber bestenfalls schaffen wir – auch indem Maschinen und Technik administrative Aufgaben übernehmen – eine Welt, in der Personaler das tun, was sie am besten können: mit Menschen arbeiten.

Unleash präsentiert sich als Forum für diese neue Welt, als Plattform für die Zukunft der Arbeit. Dann fragen wir doch einfach mal: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?
Die ultimative Antwort darauf haben auch wir nicht. Aber wir kennen viele Menschen, die kluge Fragen stellen und Ideen dazu haben. Und diese Menschen bringen wir zusammen. Ich persönlich denke, in Zukunft ist mehr Sinnhaftigkeit im Job gefragt. Außerdem ist Arbeit viel komplexer geworden, bis hin zur Frage: Was ist überhaupt Arbeit? Die Zukunft besteht darin, dass wir alle viel flexibler mit dem Begriff Arbeit umgehen und uns von alten Konzepten lösen.

Dr. Christian P. Illek, Deutsche Telekom; Foto: Unleash Group
Dr. Christian P. Illek sprach bei der Unleash-Konferenz in London über die digitale Transformation der Telekom; Foto: Unleash Group

Wo stehen wir in Deutschland, was dieses Umdenken und die Herausforderungen von New Work bis Digitalisierung angeht?
Ich glaube, wir sind schon sehr weit. Aus Tradition nehmen wir unsere Arbeitgeberverantwortung sehr ernst. Und HR ist ein seriöser Beruf, für den verschiedene akademische Ausbildungswege existieren. In anderen Ländern ist Personalarbeit teilweise nicht einmal eine richtige Unternehmensfunktion. Da haben wir also eine gute Grundlage. Zudem besteht eine weite Durchdringung beim Thema Digitalisierung. Wir sind zwar nicht immer die Schnellsten und traditionell keine Early Adopter, aber viele Unternehmen beschäftigen sich damit und sind weit vorn. Wir müssen uns auch nicht immer mit dem Silicon Valley vergleichen, da wird so manches gehypt, das nicht von Nachhaltigkeit geprägt ist.

Kommen wir einmal zu Ihrer Rolle. Warum sind Sie vom Hub-Raum, dem Inkubator der Telekom, zur Unleash-Gruppe gewechselt?
Start-ups sind mein Herzblut, von Berufs wegen bin ich HRler, und die Dynamik der Technologie und der digitalen Transformation ist sehr spannend. Mein neuer Job bringt das alles zusammen. Ich kuratiere den Start-up-Bereich, das heißt, ich schaue, welche Themen wir bedienen wollen, welche Unternehmen wir präsentieren und wie wir sie betreuen. Ein weiterer Teil sind die Investoren, das heißt, wir helfen den Start-ups zu wachsen.

Bei HR-Start-ups denkt man vor allem an Recruiting-Lösungen. In welchen Bereichen tut sich noch etwas?
Etwa 50 Prozent der Aussteller in unserer Start-up-Zone kommen aus dem Bereich Talent Acquisition. Ich beobachte allerdings eine Verschiebung in Richtung Employee Experience. Es geht mehr und mehr um die Gestaltung der HR-Prozesse, in denen die Mitarbeiter eingebunden sind, sowie um Performance Management und Feedback. Ein anderer großer Bereich ist das Skill Management: Wissen über die Fähigkeiten der Mitarbeiter gewinnt HR bislang vor allem bei der Einstellung und lässt die Informationen dann in der Personalakte verschwinden. Die spannende Frage lautet nun: Welche Mechanismen und Tools kann man Personalern an die Hand geben, damit sie stets in Echtzeit wissen, welche Skills im Unternehmen vorhanden sind?

Was sind im Moment die wichtigsten Trends für HR im technischen Bereich?

Viele stürzen sich gerade auf das Thema Blockchain. Aber ich habe noch keine wirklichen Anwendungsfälle entdeckt.

Da werden wir dieses Jahr bestimmt etwas sehen. Ich hoffe auch, es wird sich noch mehr im Bereich Hardware tun, etwa Virtual Reality und Sprachbots. Ich frage mich immer, wann es eine Art Alexa fürs Recruiting gibt.

Es hat den Anschein, dass Innovationen für HR fast nur noch technikgetrieben sind. Der Gewinner Ihres Startup-Preises auf der zurückliegenden Konferenz in London war zum Beispiel Robo Recruiter, ein Chatbot-Anbieter.
Sicher gehen schon viele HR-Innovationen aus der technischen Entwicklung hervor. Aber das Beispiel von Vault, ebenfalls Finalist unseres Awards, zeigt, dass die Treiber auch aus anderen Bereichen kommen. Vault ist aus der #MeToo-Debatte entstanden und hat mithilfe von Blockchain-Technologie einen digitalen Raum geschaffen, in dem Mitarbeiter sexuelle Belästigung und Diskriminierung melden können – an einem sicheren, verschlüsselten Ort. Die Technik ist in diesem Fall nur der Behelf, um ein Problem zu lösen. An sich fordert das Problem aber nicht zwingend eine technologische Lösung.

Einmal abgesehen von Produktinnovationen für HR: Warum sollten sich Personaler mit der Start-up-Szene beschäftigen?
Man lernt etwas von der Kultur, die dort herrscht. Das ist aber kein eindimensionaler Prozess, beide Seiten können voneinander lernen. Das bedingt natürlich, dass man sich gegenseitig ernstnimmt. Ironischerweise nehmen junge Unternehmen die Konzerne selten ernst und umgekehrt. Daneben bilden Start-ups inzwischen einen großen Arbeitgebermarkt, sie sind zur echten Konkurrenz im Kampf um Talente geworden.

Konzerne und Mittelständler stehen im Wettbewerb mit dem alternativen Arbeitgebermodell, das Start-ups bieten.

Was sagen Sie Personalern, die von Technik nichts wissen wollen?
HRler sollten sich an Technik herantrauen. Ich habe das Gefühl, dass viele Personaler sagen: “Ich habe von künstlicher Intelligenz keine Ahnung, ich lasse das lieber.” Aber mit dieser Pauschalentschuldigung macht man es sich zu einfach. Teil des Berufsbildes sollte es sein, sich mit Innovationen zu beschäftigen, und Innovationen sind eben oft Technologien. Es geht darum, Dinge ohne Scheu auszuprobieren und kritisch zu hinterfragen. Das Wichtigste ist, sich eine Meinung zu bilden.

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Über die Unleash Group:

Logo der Unleash Group

Unleash
(vormals HR Tech World)
ist eine Plattform für Innovationen rund um
Arbeit, HR und Technologien. Im Zentrum des Unternehmens mit Hauptsitz
in Budapest stehen die internationalen Konferenzen, an denen
C-Level-Entscheider, HR-(IT-)Verantwortliche und Experten aus
Wissenschaft und Praxis aus mehr als 120 Ländern teilnehmen. Zu den
bisherigen Rednern auf den Konferenzen in Amsterdam, Paris, London, San
Francisco und Las Vegas zählten unter anderem Sir Richard Branson, Arianna Huffington, Sir Ken Robinson und Gary Vaynerchuk. Die nächste Veranstaltung in Europa findet am 23. und 24. Oktober in Amsterdam statt.
Weitere Infos unter: www.unleashgroup.io