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Wenn Nähe die Wahrnehmung verzerrt

Neue Arbeitsformen sind für alle Beteiligten eine
Herausforderung – das gilt auch für hybride Teams, die von unterschiedlichen
Orten aus ihre Aufgaben erledigen. Die Arbeitspsychologin Nicole Kopp erklärt, was Vorgesetzte und Personaler
tun können, damit infolge des Proximity Bias Remote Worker nicht benachteiligt werden.

Portrait Nicole Kopp.
Nicole Kopp ist Arbeitspsychologin und New Work Expertin. Sie begleitet bei der Firma “Go Beyond” Menschen, Teams und Organisationen auf dem Weg in die neue Arbeitswelt. Sie ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie. Foto: privat

Personalwirtschaft: Frau Kopp, flexible Arbeitsmodelle können auch bedeuten, dass manche Mitarbeitende komplett, manche gelegentlich und andere gar nicht vor Ort im Büro auftauchen. Besteht die Gefahr, dass Vorgesetzte diejenigen auch unbewusst bevorzugen, die sie häufiger sehen?
Nicole Kopp: Ja genau, diese Gefahr besteht. Man nennt dieses Phänomen “Proximity Bias” – Verzerrung durch Nähe. Der Begriff Bias stammt aus der Kognitionspsychologie und bezeichnet eine kognitive Verzerrung. Das Gehirn verarbeitet etwa 11 Millionen Sinneseindrücke pro Sekunde. Davon nehmen wir jedoch nur etwa 40 bewusst wahr. In unserem Alltag entstehen deshalb beim Wahrnehmen, Denken oder Urteilen ganz oft mentale Abkürzungen und Fehler – die sogenannten Bias. Viele Bias sind unbewusst, und niemand ist davon befreit: Wer ein Hirn hat, hat Bias. Ein Beispiel ist der “Hindsight Bias”, der
Rückschaufehler: Nach einem Fußballspiel meinen viele Menschen, das Endresultat sei ja absehbar gewesen. Menschen neigen dazu, ihre eigene Fähigkeit,
Ereignisse

vorherzusagen, überzuwerten.

Können Sie erklären, wie sich ein Proximity Bias bemerkbar macht?
Dieses Phänomen impliziert, dass diejenigen
Mitarbeitenden im Büro als produktiver wahrgenommen und somit häufiger für wichtige Aufgaben und Rollen ausgewählt werden. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Diejenigen Mitarbeitenden, die mir physisch näher sind, sehe ich häufiger, sie bleiben mir also
auch präsenter in Erinnerung. Es gibt Studien, in denen die Mitarbeitenden, die ausschließlich im Homeoffice sind, 50 Prozent seltener befördert werden als diejenigen im Büro. Eine gewaltige Zahl! Wenn nur hauptsächlich junge Mütter im Homeoffice arbeiten, kann es in einem Unternehmen bald zu einem
Diversitätsproblem kommen.

Was können Vorgesetzte und Mitarbeitende tun, um nicht in diese Abwesenheitsfalle zu tappen?
Der erste Schritt besteht darin, sich des Phänomens bewusst zu sein. Das bedeutet auch, bei wichtigen Entscheidungen oder bei der Verteilung von Aufgaben und Projekten transparent zu handeln und zu reflektieren, ob der Proximity Bias hineinspielt. Mitarbeitende, die oft Remote Work machen, sollten ihre Vorgesetzten regelmäßig über erledigte Aufgaben und Erfolge informieren. Ich empfehle zudem, dass Vorgesetzte immer wieder selbst Remote Work machen. Sie erhalten dadurch ein besseres Gefühl für notwendige Tools, Technologie oder Weiterbildungen, um die Remote-Arbeit zu
unterstützen und den Proximity Bias zu bekämpfen.

+++ Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung in unserer September-Ausgabe erschienen, die Sie auch als E-Paper lesen können. Übrigens, wer gute HR-Arbeit liebt, kann die Personalwirtschaft jetzt auch als Team-Abo für die ganze Personalabteilung bestellen. +++

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkten sind die Themen Aus- und Weiterbildung, Hochschule und Studium sowie Employer Branding.

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