Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

„Positive Emotionen machen uns resilienter und kreativer“

Christian van Nieuwerburgh lehrt und forscht als Professor of Coaching and Positive Psychology an der University of East London
Christian van Nieuwerburgh lehrt und forscht als Professor of Coaching and Positive Psychology an der University of East London. (Foto: privat)

Personalwirtschaft: Herr van Nieuwerburgh, Was sind eigentlich positive Emotionen?

Christian van Nieuwerburgh: Positive Emotionen sind ein eigentlich viel komplexeres Konzept, als wir zunächst denken würden. Emotionen sind erstmal Gefühle, die in uns entstehen. Positive Emotionen sind demnach vor allem angenehm und schaffen Wohlgefühl. Es gibt unterschiedliche Konzepte von unterschiedlichen Forschern, aber die wichtigste Wissenschaftlerin auf diesem Gebiet ist Barbara Fredrickson. Sie schlägt zehn unterschiedliche Kategorien von positiven Emotionen vor. 

Nämlich?

Freude. Dankbarkeit. Gelassenheit. Interesse. Hoffnung. Stolz. Heiterkeit. Erstaunen. Das sind alles positive Emotionen. Und nach dem Konzept von Frederiksen ist Liebe die zehnte und wichtigste dieser positiven Emotionen. 

Das meint aber damit nicht die romantische oder leidenschaftliche Liebe, oder?

Nein, Fredrickson spricht da von Liebe 2.0, also einer grundsätzlich wohlwollenden Haltung gegenüber anderen. Liebe als soziale Verbundenheit, die alle anderen positiven Emotionen umfasst.  Dieser Theorie zufolge sind positive Emotionen nicht nur angenehm, sie sind auch gut für uns in vielerlei Hinsicht, und zwar gerade auch in Zeiten von Negativität, in Zeiten dieser Pandemie. Denn positive Emotionen machen uns resilienter, kreativer, weiten unseren Denkraum, helfen uns, negative Ereignisse in unserem Leben abzupuffern. All das hat Fredrickson herausgefunden und untersucht.

Sie haben viel geforscht zu Lehrern und Schuldirektoren. Warum sollten sich Führungskräfte im Bildungswesen, in der Politik, im Wirtschaftsleben mit positiven Emotionen beschäftigen?

Ich glaube, diese Pandemie hat das Bewusstsein dafür gestärkt, warum es so wichtig ist, dass sich Führende, also Menschen in Verantwortung, um Positivität bemühen. Denn viele wissenschaftliche Studien habe gezeigt, dass Menschen, die mehr positive als negative Emotionen erleben, ein höheres Wohlbefinden haben. Führungskräfte müssen aus meiner Sicht ihr eigenes Wohlbefinden im Fokus haben, um das Wohlbefinden anderer Stärken zu können. Wer ein positives Mindset hat, wer auf Möglichkeiten fokussiert, auf Zuversicht, der führt auch durch das eigene Vorbild. Und wir wissen, dass Menschen in Zeiten von Krise oder Herausforderungen noch mal mehr auf ihre Vorgesetzten, Politiker, Lehrer und so weiter schauen. Dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass die Menschen Ihnen folgen, wenn Sie als Führungskraft einen konstruktiven Blick auf die Dinge haben. 

Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Menschen Ihnen folgen, wenn Sie als Führungskraft einen konstruktiven Blick auf die Dinge haben.

Das heißt was konkret? 

Na eben nicht nur auf Schwierigkeiten und Herausforderungen zu fokussieren, sondern auch auf Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sich ergeben. Das ist doch eine der zentralen Aufgaben von Führenden: Menschen in einer Organisation dazu zu inspirieren, sich auf eine wünschenswerte Zukunft zu freuen.

Es gibt ja den Begriff der positiven Ansteckung

Genau. Ich bin zwar kein Experte für die konkreten Mechanismen dieser positiven Ansteckungseffekte. Aber wir wissen zum Beispiel aus der Forschung über altruistische Taten, dass nicht nur derjenige, dem etwas positives widerfahren ist, vermehrt positive Emotionen erlebt. Auch die Person, die diese freundliche Handlung durchgeführt hat, erlebt einen Anstieg in den positiven Emotionen, und der dauert sogar länger als bei der Person, die Empfänger des Gefallens war. Interessanterweise geht es aber noch weiter: Wenn Menschen Zeuge dieser guten Tat geworden sind, steigen bei Ihnen ebenfalls die positiven Emotionen an. Das wäre ein Beispiel für diesen Ansteckungseffekte positiver Emotionen.

Hoffnung ist ja auch eine positive Emotion …

Ja. Und Hoffnung ist natürlich enorm wichtig, gerade jetzt. Für Charles Snyder, den führenden Experten auf diesem Gebiet, hat Hoffnung drei Teile: die Vorstellung von einem gewünschten künftigen Zustand, der angenehmer ist als der jetzige. Ich etwa möchte gerne, wenn die Pandemie vorbei ist, ein paar Wochen nach Mallorca. Ich mag diesen Ort sehr gerne, das wäre also mein Wunschzustand. 

Was sind die zwei anderen Komponenten von Hoffnung?

Das eine ist ein sogenanntes Pfaddenken, also das Wissen um mögliche Wege, die mich zu diesem Zielzustand bringen. Was genau würde mich diesem Ziel näher bringen? Was kann ich jetzt schon tun? Und drittens etwas, das wir im englischen “agency” nennen , also eine Form von Kontrollüberzeugung oder Wirksamkeitserwartung, sprich: den Glauben daran, dass ich Schritte hin zur Erreichung meines Zieles, so klein sie auch sein mögen, auch gehen kann. Darf ich noch mal mein banales Beispiel verwenden? 

Gerne! 

Ich liebe die Sonne, ich liebe gutes Wetter. Und ich hänge jetzt Pandemie-bedingt seit einiger Zeit in England fest.

… das ja berühmt ist für sein gutes Wetter …

Genau! Und ich freue mich eben jetzt schon drauf, nach dem Ende der Pandemie, einige Wochen nach Mallorca zu gehen. Der Gedanke daran verschafft mir positive Emotionen. Was wären verschiedene Wege zu diesem Ziel? Ich habe dafür schon in meinem Kalender unterschiedliche Zeiträume geblockt. Ich überlege auch schon, wo ich übernachten werde. Und das ist mit agency gemeint, dass ich also konkrete Schritte unternehme, um die Erreichung dieses Ziels möglich zu machen, indem ich mir etwa meinen Kalender so organisiere, dass ich meinen angestrebten Mallorcaaufenthalt Wirklichkeit werden lasse. Das stärkt bei mir die Hoffnung. 

Was heißt das für Eltern, Lehrer, Politiker, Führungskräfte?

Dass sie eben nicht nur ihren Fokus darauf legen, wie ihre Kinder, Bürger, Mitarbeiter und ihre Organisationen durch die jetzigen schwierigen Zeiten kommen. Sondern dass sie auch einen zukünftigen erwünschten Zustand definieren und kommunizieren. Und dass sie sich schon konkret überlegen, wer was wie tun könnte, um spätestens nach dem Ende der Krise dieses Ziel auch erreichen zu können.

Christian van Nieuwerburgh lehrt und forscht als Professor of Coaching and Positive Psychology an der University of East London. Er hat unter anderem zu Coaching bei Führungskräften und bei Menschen in schwierigen Lebenslagen publiziert.

Christian Thiele (Webseite) ist Coach, Trainer und Autor für Positive Leadership. Die aktuelle Folge seines Podcasts „Positiv Führen“ dreht sich um positive Emotionen bei Führungskräften. Sein Buch „Positiv Führen für Dummies“ erscheint demnächst bei Wiley.

Themen