Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Rhetorische Winter-Highlights!

Wer sich die dunklen Tage des Jahres mit Besuchen von Vorträgen auf Workshops, Seminaren, Kongressen und Fachtagungen versüßt, erlebt Horden von Rednern, die mit Inhalten und Bildern kämpfen. Man muss HR-Altmeister Thomas Sattelberger widersprechen: Er meinte, dass Human-Resource-Menschen immer nur “schlecht präsentieren”. Nein! Nicht nur die – alle anderen auch. Das ist die gute Nachricht: Endlich sind wir als HR-Business-Partner auf Augenhöhe!

Das Drama deutet sich schon vor Beginn an: Die Powerpoint-Präsentation in den “Präsentationsmodus” zu bringen, ist eine unlösbare Aufgabe (“Hey, versuch’s mal mit F5!”). Seine profunden Technikkenntnisse zeigt der Starredner, indem er mit dem Wireless-Presenter immer Richtung Leinwand klickt – obwohl der Computer ganz woanders steht.

Jenseits dieser Technikhürden eröffnet sich unaufhaltbar das Drama von Bild und Sprache. Alle Vortragenden nutzen offensichtlich die Betaversion einer Rhetorik-App. Denn selbst Vortragende mit der irritierenden Berufsbezeichnung “KeynoteSpeaker” zeigen sich überwältigt von der Schönheit der eigenen Präsentation (die sie offensichtlich nie zuvor gesehen haben) und überrascht vom Redetext (den der Assistent zusammengenagelt hat). Wir hören jede Trennung zwischen Manuskriptzeilen, genießen Zitate in einem Englisch, das Engländer um ihren Humor bringt, und freuen uns über die 124 “Ähs”, “Öhs” und “Ehems” in einer 20-minütigen Rede. Zudem erfahren wir hautnah, dass es bei Vorträgen – anders als in der Gastronomie – nicht nur in Monaten mit “r” Nuscheln gibt.

Es ist ein Megaparadoxon, dass das Volk der Dichter und Denker gute Redner im niedrigen ppm-Bereich (“parts per million”) hat. Eine wundersame Fehlerkette von der Schule über die Hochschule in die Unternehmen lehrt: Nie Zähne oder Lippen beim Sprechen bewegen. Man könnte verstanden werden. Dämpfen Sie die Stimme und packen Sie möglichst viel Text auf die PPT-Folien. Wer mitten im Vortrag von der Sorge geplagt wird, doch Interesse beim Zuhörer geweckt zu haben, der nimmt schnell die Hand vor den Mund – das deckt den Schall ab und scheucht Zuhörer zurück ins Koma. Wer gerne Mundart redet, sollte schnell sprechen – das erfüllt den Zuhörer mit Sehnsucht (nach Untertiteln) …

Superredner wenden sich zudem exklusiv der Leinwand zu – die guckt freundlicher als die Leute in den ersten Reihen. Statt Gestik und Mimik hampeln Fälle fleischgewordener rhetorischer Inkompetenz beim Sprechen auch mal rum. Das bleibt dem Zuschauer in Erinnerung. Bitte vollste Konzentration: Keine Bewegung darf einen Bezug zum Inhalt haben!

Eines ist zudem deutschlandweit Konsens: Zeit ist für Vortragende nur eine nachrangige Größe. Es gilt die Relativitätstheorie: Je langweiliger, desto länger fühlt sich das Gelaber subjektiv an – und das Paradoxe: umso länger ist es sogar bei exakter Messung! Denn die Wirrnis des Denkens und Sprechens bildet beim Vortrag oft eine symbiotische Verbindung von bestechender Eindringlichkeit.

Welche Standards setzen Sie bei Ihren Vorträgen? Schreiben Sie uns!

Autor: Jobst R. Hagedorn