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Steuern auf Sicht

Global Mobility in der Corona-Krise
Foto: © jozsitoeroe / stock.adobe.com

Auch wenn das Ausmaß der Krise für viele überraschend ist, reagierten viele Unternehmen frühzeitig und besonnen: Sie schoben längerfristige Entsendungen auf, statt sie abzusagen, und verzichteten auf kurzzeitige Auslandseinsätze. Mitarbeiter, die bereits im Gastland waren, wurden zurückgeholt oder gingen dort ins Homeoffice. Planungsunsicherheit ist allerdings Gift für die geschäftliche Entwicklung. So ist derzeit kaum abzusehen, wann sich die Prozesse wieder normalisieren. Das gilt im Besonderen für Auslandsentsendungen. Momentan sind die meisten Unternehmen erst einmal damit beschäftigt, die steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Konsequenzen der aktuellen Situation zu managen. Insbesondere HR wird dabei ein überwiegend guter Job attestiert. Nicht zuletzt, weil es die Lehren aus vorherigen Krisensituationen wie SARS gezogen hat und die Katastrophenschutzpläne in den Betrieben verbessert wurden.

Was Corona aber für die Zukunft von Geschäftsreisen bedeutet, darin sind sich die Experten uneins. Zwar rechnen viele damit, dass die Reiseaktivitäten nicht mehr den Stand vor der Krise erreichen. Ein Grund dafür sind Nachhaltigkeitsprogramme und Green Mobility-Initiativen, die ohnehin schon umgesetzt wurden. Ein weiterer, dass digitale Kommunikationsmittel wie Videokonferenzen einen enormen Schub erhalten haben und manch ein Unternehmen die neue Erfahrung macht, dass auch virtuelle Zusammenkünfte gute Ergebnisse erzielen können. Trotzdem bleibt eine gewisse Skepsis, ob Geschäftsreisen ins Ausland tatsächlich zurückgefahren bleiben: Aus der Vergangenheit weiß man, dass Menschen schnell vergessen können, wenn eine Krise erst einmal überstanden ist.

Meldepflichten rauben Nerven

In außergewöhnlichen Zeiten ist ein Stück Normalität besonders wichtig – auch und gerade, wenn es um Administratives geht. Hier zeichnen die Round-Table-Teilnehmer ein durchwachsenes Bild. Die Pflicht einer A1-Bescheinigung bei EU-Auslandsreisen scheint in den Unternehmen mittlerweile weithin bekannt zu sein. Dagegen stellen die verschärften Meldepflichten viele vor kaum zu bewältigenden Herausforderungen. Die nötigen Mehrarbeiten sind beträchtlich und die Kontrollen und Sanktionen mitunter hart. Hinzu kommt, dass die Vorgaben von Land zu Land variieren.

HR ist hier in der Pflicht, zu informieren und auf die Konsequenzen bei Nichtbeachtung hinzuweisen. Ein weiterer Blick gilt der neuen EU-Entsenderichtlinie zum Equal Pay, die viele Veränderungen bei der Vergütung von grenzüberschreitend tätigen Mitarbeitern mit sich bringt und bis Ende Juli 2020 umgesetzt sein muss. Viele Unternehmen haben hier nach wie vor Handlungsbedarf – und die Zeit drängt.

Ansprüche an Auslandseinsätze steigen

Was die Entsandten betrifft, sind zwar keine grundlegenden, aber doch bedeutende Entwicklungen zu beobachten. So achten Mitarbeiter auch bei möglichen Auslandseinsätzen mittlerweile stärker auf Themen wie Nachhaltigkeit und Work-Life-Balance. Statt einer von vorne bis hinten durchorganisierten Entsendung spielen Services wie Unterstützung bei der Wohnungssuche, der Karriereplanung oder für die Familie eine größere Rolle. Die Ansprüche von Fachkräften sind gestiegen, keine Frage. Daher kommen ihnen die Arbeitgeber in diesen Punkten auch meist entgegen.

Im Gastland könnte trotzdem die eine oder andere Überraschung warten. Wer als junges Talent in Deutschland sozialisiert wurde und mit dem Gedanken an New Work ins Ausland geht, könnte in hierarchisch strukturierten Gesellschaften Probleme bekommen. Umso besser, wenn man früh damit anfängt, andere (Arbeits-)Kulturen kennenzulernen. Manche Ausbildungsbetriebe haben aus der Not, nur noch schwer Azubis finden zu können, eine Tugend gemacht, indem sie auch ihnen Entsendungen anbieten – wenn auch nur für kurze Zeiträume von maximal wenigen Wochen.

Rückholung wirft viele Fragen auf

Und wenn es doch mal schiefgeht? Auch wenn Corona derzeit der Hauptgrund für Rückholungen ist: Viele der aktuellen Fragen stellen sich ebenso, wenn eine Auslandsentsendung aus anderen Anlässen unter- oder abgebrochen werden muss. Zu bedenken sind unter anderem vertragliche Verpflichtungen gegenüber Geschäftspartnern im Ausland und rechtliche Folgen einer dauerhaften Rückkehr nach Deutschland. Darüber hinaus können bei einer Rückholung steuerliche Mehrkosten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer entstehen. Auch der Krankenversicherungsschutz und die Leistungen während der Entsendung sollten einer kritischen Prüfung unterzogen werden, da sich ihre Voraussetzungen geändert haben könnten, empfehlen die Global Mobility-Experten. Nur auf eines wollten sie sich nicht verbindlich festlegen lassen: Wann bei Auslandsentsendungen wieder Normalität einkehren wird.

Bilderstrecke: Round Table Auslandsentsendung

Gerade in der Corona-Krise sind Global Mobility-Experten besonders gefragt. In der Bilderstrecke zu unserem Round Table geben sie Tipps zum Umgang mit der aktuellen Situation und zeigen mögliche Perspektiven für die Zeit nach den Beschränkungen auf.


Die Langfassung dieses Round Tables ist im Sonderheft „Auslandsentsendung“ der Personalwirtschaft 05/2020 erschienen. Das Special können Sie auf › dieser Seite kostenlos herunterladen. Einen weiteren interessanten Beitrag zum Thema können Sie › hier nachlesen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.