Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Rücktritt von Anne Spiegel: Verlogen sind auch manche Vorwürfe

Anne Spiegel ist in den Urlaub gefahren. Vier Wochen, Kraft tanken in Frankreich. Eigentlich kein Skandal, genauso wie Spitzenmanager dürfen auch Ministerinnen und Minister mal ausspannen, insbesondere wenn sie gleich zwei Ministerien führen und immer wieder Morddrohungen bekommen. Zumal, wenn sie dank moderner Technik ja jederzeit arbeitsfähig und erreichbar sind. Diskutabel war in diesem Fall allerdings der Zeitpunkt ihres Urlaubs, nämlich unmittelbar nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal.

Spiegel, die zum Zeitpunkt unter anderem das rheinland-pfälzische Umweltministerium führte, hätte präsent sein müssen und habe die Menschen „alleine gelassen“, so der Vorwurf aus Medien und Politik. Dass eine SMS den Eindruck erweckte, sie sorge sich mehr um ihr Image als um das Leid der Menschen, war nicht eben hilfreich. Es folgte ein medialer Shitstorm und Spiegels verzweifelter – letztlich gescheiterter – Versuch, ihre politische Karriere mit irritierenden Einblicken in ihr Privatleben zu retten. Doch der Druck, auch aus den eigenen Reihen, war am Ende zu groß.

Ausdruck eines weit verbreiteten Chauvinismus

Um Missverständnisse zu vermeiden: Spiegels Rücktritt, wohl eher dem Druck als der persönlichen Einsicht geschuldet, war richtig und unausweichlich. Ihre Lüge, sie habe in ihrer physischen Abwesenheit virtuell an den Kabinettssitzungen teilgenommen, wog zu schwer. Und ihre panischen Rechtfertigungen, sie habe den Urlaub wegen ihrer schwierigen familiären Situation gebraucht, sorgten eher für Verstörung als Verständnis.

Verlogen sind allerdings auch die moralinsauren Vorwürfe, die Ministerin habe zu wenig Mitgefühl und Präsenz gezeigt, zumal Spiegel sich durchaus vor Ort ein Bild über die katastrophale Situation im Ahrtal gemacht hat. Auch dass jetzt manche Kommentatoren darauf hinweisen, dass es anderen Frauen ja auch gelinge, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist eher Ausdruck eines weit verbreiteten Chauvinismus gegenüber weiblichen Führungskräften als fundierte Kritik. Zwar werden an eben jene Führungskräfte – und als Ministerin ist beziehungsweise war Anne Spiegel eine solche – zu Recht besondere Anforderungen gestellt. Sowohl in moralischer Hinsicht, als auch in Sachen Präsenz und Engagement. Gegen erstere hat die Grünen-Politikerin eklatant verstoßen. Gegen letztere nicht. Wäre sie von Vornherein ehrlicher mit ihrer Situation umgegangen, hätte sie den medialen Sturm womöglich politisch überlebt.

Und was wäre eigentlich gewesen, wenn die Familienministerin in der Lüneburger Heide anstatt in Frankreich Urlaub gemacht hätte?

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.