Die Anforderungen an HR und Führung verändern sich schneller, denn je und mentale Gesundheitsfürsorge entwickelt sich zu einer der wichtigsten Führungsaufgaben. Der aktuelle Nilo HR-Forecast-Report zeigt: Nur ein Drittel der Mitarbeitenden fühlt sich derzeit mental stabil und leistungsfähig. Fast die Hälfte berichtet, durch negative Nachrichten psychisch belastet zu sein. Gleichzeitig stellt Künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt auf den Kopf und verändert die Art und Weise, wie wir in Teams zusammenarbeiten.
Um handlungsfähig zu bleiben, sind jetzt Skills gefragt, die dem Team Sicherheit geben, den Zusammenhalt stärken und mentale Gesundheit mitdenken. Gerade die oft übersehenen „stillen Kompetenzen“ von HR-Verantwortlichen und Führungskräften– von psychologischer Sicherheit über Change-Kompetenz bis hin zur Selbstfürsorge – werden in Zukunft mit über den Erfolg eines Unternehmens entscheiden.
Welche Kompetenzen genau werden 2026 unverzichtbar? Und wie lassen sich diese Top-Skills gezielt entwickeln?
Skill #1: Psychologische Sicherheit
Psychologische Sicherheit ist die Grundlage für gesunde Teams und nachhaltigen Unternehmenserfolg. In einem psychologisch sicheren Umfeld trauen sich Mitarbeitende, offen über Herausforderungen zu sprechen und Neues auszuprobieren. Sie erleben Rückschläge nicht als Bedrohung, sondern als Lernchance. Gleichzeitig fällt es ihnen leichter, Überforderung anzusprechen, bevor sie zur Dauerbelastung wird. Psychologische Sicherheit fördert so nicht nur die Innovationsbereitschaft, sondern reduziert Stress und stärkt das Verantwortungsgefühl im Team.
Wie HR psychologische Sicherheit im Arbeitsalltag fördern kann:
- Feedbackkultur stärken: Regelmäßiges und konstruktives Feedback auf Augenhöhe schafft Vertrauen und motiviert. Das Feedback sollte nicht nur top-down, sondern auch unter Kolleginnen und Kollegen gegeben werden, und auch Führungskräfte sollten ihre Mitarbeitenden aktiv nach Feedback fragen.
- Fehler als Chance zum Wachstum sehen: Ein lösungsorientierter Umgang mit Rückschlägen hilft, ein Klima der Offenheit zu etablieren. Formate wie „Lessons Learned“, in denen Mitarbeitende über Fehler und Rückschläge sprechen, sind hier sehr wirksam.
- Externe Unterstützung nutzen: Workshops, aber vor allem auch externe Beraterinnen oder Berater können blinde Flecken aufdecken und eine neue Gesprächskultur anstoßen. Das gilt sowohl für die HR-Verantwortlichen selbst als auch für die Teammitglieder.
- Führungskräfte mit ins Boot holen: Führungskräfte sind einer der wichtigsten Faktoren für psychologische Sicherheit im Team. Es macht deshalb Sinn, Schulungen zu psychologischen Grundlagen, Gesprächsführung und Gruppendynamiken anzubieten.
Skill #2: Coaching & psychologische Grundkenntnisse
Je mehr Belastungen und Veränderungen auf Mitarbeitende einwirken, desto wichtiger wird es für HR-Verantwortliche, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Dafür braucht es ein solides psychologisches Grundverständnis. Nur so lassen sich Warnsignale erkennen, Gespräche professionell führen und Mitarbeitende im Bedarfsfall gezielt an Fachpersonen weitervermitteln. Gefragt ist ein breites Know-how – vom Grundwissen rund um psychische Erkrankungen über Coping-Strategien bis hin zur Gesprächsführung in Krisensituationen.
So können HR-Verantwortliche psychologisches Wissen gezielt aufbauen:
- Erste-Hilfe-Kurse für mentale Gesundheit: Mental-Health-First-Aid-Kurse vermitteln die Grundlagen, um bei psychischen Gesundheitsproblemen und Krisen Erste Hilfe leisten zu können. Plattformen wie nilo bieten solche Kurse oft an.
- Praxistaugliche Weiterbildungen: Formate wie „Psychologie für Personalerinnen und Personaler“ oder „Coaching-Kompetenz im HR“ vermitteln praxisnahes Wissen zu Wahrnehmung, Motivation, Konfliktmanagement und Kommunikation – etwa über Anbieter wie die Haufe Akademie.
- Kommunikationskompetenz vertiefen: Aktives Zuhören, systemische Fragetechniken und der Umgang mit Emotionen sind zentrale Bausteine. Wertschätzende Gesprächsführung und eine offene Grundhaltung lassen sich trainieren.
- Zeit für Selbstreflexion einplanen: Eigene Muster, blinde Flecken und innere Antreiber zu erkennen, erhöht die Sensibilität im Umgang mit anderen. Hier kann auch der Austausch in Formaten wie HR Roundtables oder in einer Supervision unter Kolleginnen und Kollegen sehr hilfreich sein.
Skill #3: KI-Kompetenz mit zwischenmenschlichem Fokus
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Prozesse, sie beeinflusst auch zwischenmenschliche Beziehungen in unserer Arbeitswelt. Brainstormings, Feedbackrunden oder gemeinsame Problemlösungen werden zunehmend zwischen KI und Mensch stattfinden und nicht mehr zwischen Kollegen und Kolleginnen.
Was die Effizienz steigert, birgt auch Risiken: Laut einer Indeed-Umfrage arbeitete schon 2024 fast jede fünfte Person lieber mit einem KI-Assistenten als mit menschlichen Kolleginnen oder Kollegen. Besonders im Remote-Setting oder bei sozialer Unsicherheit kann das zu Rückzug, Entfremdung oder sogar zu emotionaler Bindung an KI-Systeme führen.
Die Integration von KI in den Arbeitsalltag ist jedoch unausweichlich und das ist auch gut. Entscheidend wird sein, wie diese Technologie genutzt wird: menschenzentriert, ethisch und als Ergänzung zur menschlichen Interaktion. HR spielt dabei eine Schlüsselrolle und sollte deshalb entsprechende Kompetenzen aufbauen.
Was HR tun kann, um KI-Kompetenzen aufzubauen und den Wandel bewusst zu gestalten:
- Grundlagen verstehen: Schulungen helfen, die Funktionsweise von KI-Systemen zu verstehen und zu erkennen, wo sie an ihre Grenzen stößt.
- Ethik und Beziehungsebene mitdenken: Inzwischen gibt es gezielte Weiterbildungen zu den sozialen und psychologischen Implikationen von KI – etwa zum Bias der KI, den möglichen Verzerrungen und den emotionalen Folgen für uns als Menschen.
- Strategisch steuern: Eine KI-Strategie mit klar definierten Einsatzfeldern und ethischen Richtlinien hilft dem Team, KI gezielt und mit der nötigen Awareness für ihre Risiken einzusetzen.
- Zwischenmenschliche Beziehungen pflegen: Technologie sollte entlasten, nicht ersetzen. Bewerbungen können beispielsweise KI-gestützt vorsortiert werden, doch das persönliche Gespräch bleibt unverzichtbar.
Skill #4: Change Management
HR-Teams kommt in Transformationsprozessen eine zentrale Rolle zu, denn sie stellen sicher, dass die Mitarbeitenden die Veränderung mittragen. Professionelles Change Management reduziert Widerstände, gibt Orientierung und stärkt die psychologische Sicherheit in Phasen des Umbruchs. Idealerweise verstehen Mitarbeitende nicht nur, was sich ändert – sondern auch, warum und wie.
Wie HR Change-Kompetenz aufbauen kann:
- Weiterbildungen und Zertifizierungen: Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Trainings zu Change Management – etwa zur Stakeholder-Analyse, Kommunikationsplanung oder zum Umgang mit Widerständen.
- Mentoring-Programme: Man lernt am besten in der Praxis. Deshalb empfiehlt es sich, erfahrene Change Manager im Unternehmen bei Transformationsprogrammen zu begleiten und von ihnen zu lernen.
- Feedback und Supervision einplanen: Die regelmäßige Auswertung eigener Change-Prozesse, der Austausch mit HR-Kolleginnen und -Kollegen sowie Supervisionen helfen, Change-Prozesse laufend zu optimieren und das eigene Skill-Set zu erweitern.
Dann schauen Sie doch einmal in unser Dossier zum Thema. Dort stellen wir für Sie kontinuierlich Studien, Deep-Dives und Best Cases zusammen. Erfahren Sie, wie Kommunikation, Training und Widerstandsmanagement wirksam Veränderungen unterstützen können.
Skill #5: Unter Unsicherheit entscheiden
Die Arbeitswelt bleibt volatil – auch 2026. Digitalisierung, neue Arbeitsmodelle, geopolitische Krisen und der anhaltende Fachkräftemangel fordern schnelle, aber zugleich überlegte Entscheidungen. Gerade HR muss viele dieser Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen treffen: Es fehlen Daten, Entwicklungen sind schwer prognostizierbar, Auswirkungen lassen sich oft erst im Nachhinein bewerten.
Doch Zögern oder das Warten auf vollständige Klarheit kann Organisationen lähmen und das gesamte Team verunsichern. HR-Verantwortliche und Führungskräfte sind deshalb gefordert, ihre Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit zu kultivieren.
Wie HR auch bei Unsicherheit Entscheidungen treffen kann:
- Zeit zum Denken zulassen: Nicht jede Entscheidung muss sofort getroffen werden. Sätze wie „Ich nehme mir einen Moment, um das einzuordnen“ wirken oft souveräner als vorschnelle Antworten.
- Mit Szenarien arbeiten: Die Betrachtung optimistischer, realistischer und pessimistischer Entwicklungen hilft, mögliche Auswirkungen besser einzuschätzen.
- Unsicherheiten transparent ansprechen: Unsicherheiten offen anzusprechen, schafft Vertrauen und ermöglicht HR-Verantwortlichen, gemeinsam mit dem Team die beste Lösung zu finden. Das stärkt außerdem die psychologische Sicherheit im Team.
- Feedbackschleifen einführen: Entscheidungen müssen nicht endgültig sein. Die Ergebnisse sollten in agilen Prozessen überprüft werden – so kann der Prozess laufend angepasst und optimiert werden.
Skill #6: Selfcare und Resilienz als Kompetenz
HR-Verantwortlichen bleibt oft wenig Zeit für die eigene Stressbewältigung. Doch genau das macht Selfcare zur strategischen Schlüsselkompetenz – insbesondere für HR. Denn laut dem Personio HR Insights Report von 2024 haben 38 Prozent der HR-Fachkräfte in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren ein Burn-out erlebt.
Das hat klare Gründe: HR sitzt oft in einer Sandwich-Position zwischen den Interessen des Managements und denen der Mitarbeitenden. Strategische und operative Aufgaben verschwimmen, emotionale Herausforderungen wie Kündigungen oder Krisengespräche gehören zum Alltag und zugleich wird erwartet, dass Personalverantwortliche für das mentale Wohl des gesamten Teams sorgen.
Was hilft, um Selfcare im HR-Alltag zu verankern:
- Klare Grenzen ziehen: Feste Arbeitszeiten, Routinen und bewusst „Nein“ zu sagen helfen, Überlastung vorzubeugen. Eine kurze Wochenreflexion kann dabei unterstützen: Wann wurde eine Grenze gesetzt – und wo wäre es wichtig gewesen?
- Pausen und Reflexion einplanen: Regenerationszeiten sollten bewusst eingeplant und eingehalten werden, genauso wie Momente zur „Bestandsaufnahme“: Wie hoch ist die Belastung aktuell? Was hilft, um gegenzusteuern?
- Externe Unterstützung nutzen: Digitale Plattformen für mentale Gesundheit, Coaching-Angebote oder Supervision schaffen Entlastung und helfen, etwas Abstand zur eigenen Rolle zu gewinnen.
- Netzwerke pflegen: Der Austausch mit anderen HR-Profis kann entlasten und zeigt auch, dass man mit den Herausforderungen nicht alleine ist. Gemeinsames Reflektieren öffnet Raum für neue Lösungsstrategien.
- Resilienz gezielt stärken: Ein resilienter Umgang mit Stress lässt sich trainieren. Zentral ist dabei ein Fokus auf das Beeinflussbare: Welche Herausforderungen lassen sich aktiv gestalten? Was kann – im Sinne des „Circle of Influence“ – konkret verändert werden? Statt in der Frage zu verharren, „Warum passiert das immer mir?“, rückt der nächste machbare Schritt in den Fokus. Ebenso wichtig ist es, in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Das stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit – also die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewegen zu können.
Fazit
2026 wird nicht nur fachliche Expertise über den Erfolg von HR entscheiden, sondern vor allem, wie gut es gelingt, Sicherheit, Verbindung und Stabilität in einer unsicheren Arbeitswelt zu schaffen. Die sechs Skills – von psychologischer Sicherheit bis Selfcare – sind dafür zentrale Hebel. HR-Verantwortliche müssen dabei nicht alles auf einmal umsetzen, sondern gezielt erste Schritte gehen, um Teams und gesamte Organisationen auf die zukünftige Arbeitswelt vorzubereiten. Nur so können wir den Wandel gemeinsam gestalten – mit viel Empathie, mental gesund und ohne unseren Zugang zueinander zu verlieren.
