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Mobilitätskonzepte der Zukunft: Autobauer an der Wegscheide

Digitalisierung, Elektromobilität, Klimawandel:
Mit diesen Herausforderungen tut sich die deutsche Autobranche schwer. Doch sie
hat eine Chance aufzuholen. Wohin führt der Weg für den mit 840.000
Beschäftigten größten deutschen Industriezweig?

Vernetzte Fortbewegungsmöglichkeiten.
Das Auto ist voraussichtlich nicht das wesentliche Fortbewegungsmittel der Zukunft. Software wird immer wichtiger, die Menschen, je nach Bedürfnis, aufzeigt, welche Möglichkeiten es gibt, um beispielsweise möglichst ressourcenschonend von A nach B zu kommen. Grafik: Elnur/AdobeStock

Viel heiße Luft, bloß technische Gimmicks: Zuerst
wurde Tesla belächelt, doch dann ließen die Vorstände der deutschen
Autoindustrie, wie der Soziologe Andreas Boes in einem Forschungsbericht
schreibt, “kein Auto häufiger auseinanderschrauben als die Fahrzeuge von
Tesla”. Inzwischen gilt die Marke von Elon Musk mit ihrer Symbiose aus
digitaler und mechanischer Technik als “Game Changer” der Branche. Anlass genug
für Boes, Leiter des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF), um gemeinsam
mit Experten auf einer Abendveranstaltung in München nach vorn zu schauen:
Wohin führt der Weg für den mit 840.000 Beschäftigten größten deutschen
Industriezweig; welche Barrieren muss er überwinden? 450 Interessierte nahmen
online oder in Präsenz an der Veranstaltung teil. Hauptteil des Programms war
eine Diskussionsrunde, der eine einleitende Keynote von Oliver Blume,
Vorstandsvorsitzender von Porsche, vorausging.

Wer kann sich am schnellsten anpassen?

Die aktuelle wirtschaftliche Lage, anderthalb
Jahre nach Beginn der Pandemie, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Konnte
Porsche den Absatz im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 31
Prozent steigern, fällt Daimler mit einem Minus von 11 Prozent deutlich zurück.
Um die Ursachen des Erfolgs zu erklären, berief sich Porsche-Chef Oliver Blume auf
Charles Darwin. Danach behalte derjenige Hersteller die Oberhand, der sich am
besten und schnellsten anpassen könne – ein Seitenhieb für die Konkurrenz.

In der Tat setzte Porsche frühzeitig die
Weichen, um das Unternehmen elektromobil, klimafreundlich und digital umzusteuern.
Über einen elektrischen Antrieb verfügen bereits 40 Prozent der in Europa
verkauften Fahrzeuge. 2025 sollen es 50 Prozent sein, fünf Jahre später 80 Prozent,
und zwar weltweit. Bis dahin will man auch klimaneutral sein, über die gesamte
Prozesskette. Hinzu kommt die digitale Aufrüstung: An neun Standorten, von
Peking über Israel bis Berlin, tüfteln Softwareentwickler an der digitalen
Mobilität. “Mit dieser Arbeitsumgebung wollen wir internationaler Magnet für
Talente werden”, gab sich Blume zuversichtlich. Trotzdem weiß auch dieser
Autobauer nicht genau, wie die Zukunft der Mobilität aussehen wird.

Jedem zweiten Unternehmen eine zukunftsfähige
Strategie

Doch selbst der erfolgreichste Autobauer wird im
Strukturwandel nicht ohne einschneidende Korrekturen auskommen. Was wehtut: Denn
zu lange sträubte sich die erfolgsverwöhnte Branche gegen überfällige Anpassungen.
Noch heute prägen verkrustete Strukturen und eine zufrieden-satte Führungselite
eine Kultur, die sich wie ein Bollwerk gegen jeglichen Veränderungsimpuls zur
Wehr setzt. Obwohl der primär von “Fridays for Future” angetriebene
klimapolitische Druck laut IG Metall-Bezirkssekretärin Birgit Dietze “enorm
zunimmt”, fehle jedem zweiten Unternehmen eine zukunftsfähige Strategie, wie eine
Studie der Gewerkschaft ergab.

Hinzu kommt eine unglaubliche Faszination,
welche die digitale Welt auf die junge Generation ausübt. “Für sie ist das
Smartphone wichtiger als das Auto”, erklärte Manfred Broy, emeritierter Informatikprofessor
der TU München. Die Nutzungsgewohnheiten der Menschen und die Anforderungen an
Software, die in Zukunft beispielsweise verschiedene Mobilitätskonzepte, wie Bus,
Bahn und Fahrrad verbinden, verändern sich. Denn das Auto ist zunehmend nicht
mehr das einzige und wichtigste Fortbewegungsmittel. Software wird immer
wichtiger, die beispielsweise verschiedene Fortbewegungsmöglichkeiten überblickt und integriert.
Welche Optionen habe ich an einem Zielort, um mich fortzubewegen? Und wie
gelange ich beispielsweise möglichst ressourcenschonend dorthin? Auch ist die Frage ungeklärt, ob sich beispielsweise Carsharing-Modelle durchsetzen werden.

Für ihn folgt daraus: Um die Transformation zu
meistern, müsse die Autobranche unbedingt ihre Maschinenbau-DNA abschütteln. Wollte
die Industrie bisher die physischen Kräfte des Menschen stärken, müsse sie in
der Wissensökonomie nunmehr die kognitiven Kräfte verstärken. Gnadenlos deckte Broy
die Irrtümer der Branche auf. Es ginge nicht darum, lediglich Software im
Automobil einzusetzen, “vielmehr der speziellen Software-Kultur, die anders
tickt, zu folgen.” Konkret: Wer hat das Softwaresystem, das sich langfristig
durchsetzt? Dafür brauche es Frauen und Männer, die sich für solche Aufgaben verwenden.
“Schaue ich mir jedoch die Führungskräfte an, sieht es düster aus.” 

Pioniergeist und Erfolgshunger sollen gegen
Wettbewerber helfen

Sollten Autoproduzenten nun Softwareanbieter
ausstechen und ihre gewachsene Identität aufgeben? Porsche-Chef Blume verwarf
diesen Gedanken rasch: “Wir wollen und können nicht besser als Google sein.
Unsere Stärken liegen im Fahrzeug, und darin sind wir Softwareherstellern voraus.”
Um sich gegen neue Wettbewerber wie Tesla zu wappnen, vertraut Blume lieber auf
wiederbelebten Pioniergeist, Erfolgshunger und investiert kräftig ins Re- und
Upskilling seiner Mitarbeitenden. Man wolle Autoproduzent bleiben und nicht
Mobilitätsdienstleister werden, der sich beispielsweise auf das Anbieten von
Schnellladestationen für E-Autos fokussiert.

Zudem forderte Blume massiv ein, “intelligenter
zu arbeiten”. Gewerkschaften, so seine Kritik, sollten in der Transformation
stärker mitziehen statt Unternehmen mit Vorbehalten auszubremsen. Tatsächlich
gehen die Sozialpartner, wie die Beispiele von VW und Daimler zeigen, mit
speziellen Tarifverträgen für Softwareentwickler voran. Ziel ist, den
IT-Fachkräften mehr Flexibilität und Selbstbestimmung als in der Branche üblich
einzuräumen. Doch dabei dürfe es kaum bleiben, wie Anja Hendel,
Geschäftsführerin von Diconium, einem
Dienstleister für Digitale Transformation, betonte. Die Autoindustrie benötige
unbedingt mehr Vielfalt in ihren Reihen, “um neue Einsichten zu gewinnen und
voneinander zu lernen”. 

Bislang galt das Auto als Fixstern, um den sich
beim Thema persönliche Mobilität alles drehte. Im Zeitalter postfossiler
Mobilität hingegen wird es seinen Platz unter vernetzten Angeboten erst noch finden
müssen. “Nicht mehr das Blech, sondern Software und Services geben künftig wohl
den Takt vor”, wie Moderator Boes die Diskussion zusammenfasste. Autos müssten
dann auch beispielsweise Software beinhalten, die andere Mobilitätsangebote,
wie auch immer diese aussehen werden, in Reisepläne miteinbezieht. Sollte
eintreten, was der Informatiker Broy auf die Automobilbranche zukommen sieht,
bleibt den Herstellern nichts anderes übrig, als ihre Strategien noch einmal zu
überprüfen. “Dienstleister für Mobilität werden dominieren, und Autohersteller
werden Zulieferer.” So oder so, Deutschlands wichtigster Industrie dürfte noch
manche schmerzhafte Anpassung bevorstehen.