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Untypischer, individueller, digitaler

Eine Frau steht mit einem Reisepass in der Hand vor einer Skyline.

 

+++ Alle Teilnehmer der Expertenrunde und ihre zentralen Thesen finden Sie in unserer › Bilderstrecke. +++ 

Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. In einer komplexer und unberechenbarer werdenden Welt müssen Arbeitgeber bei Auslandsentsendungen mehr denn je darauf achten, die richtige Lösung für ihre individuelle Situation zu finden. Zumindest beim Thema Brexit, lange Zeit ein Schreckgespenst, ist derzeit etwas Ruhe eingekehrt. Zwar gab es in der Bankenbranche ein wenig Bewegung, doch sind die Modalitäten des Austritts Großbritanniens aus der EU noch immer nicht geregelt. Auch bei Entsendungen in die USA herrscht eine Stabilität im Ungewissen. Beides bedeutet nicht, dass Unternehmen sich auf die Beobachterrolle zurückziehen können, im Gegenteil: Erhöhte Wachsamkeit ist gefordert, weil sich die Gesetzgebung schneller ändern kann als in früheren Zeiten. 

Herausforderungen: China, Iran, EU-Entsenderichtlinie 

Dass andere Regionen diesen beiden Handelspartnern den Rang ablaufen könnten, ist derzeit nicht zu festzustellen. Gleichwohl kommt es zu Veränderungen. Die Lockerung der internationalen Sanktionen führt zu einem wachsenden Interesse am Iran, und China hat ein neues Visaprogramm gestartet, um Hochqualifizierte ins Land zu holen. Praktika dort sind dagegen derzeit kaum noch oder nur sehr schwer möglich. Die Vermutung liegt nahe, dass dies auch aus eigenem Interesse forciert wird. Innerhalb Europas haben die Unternehmen ebenfalls alle Hände voll zu tun: Die EU-Entsenderichtlinie hat verschärfte Melde- und Registrierungspflichten mit sich gebracht, die manche Organisation vor nur schwer lösbare Aufgaben gestellt hat. 

Lump Sums: Beliebt, aber nicht risikolos 

Auch bei den Vergütungsansätzen ist Bewegung im Spiel. Die Teilnehmer berichteten unisono von einer Zunahme sogenannter Lump Sums. Das sind pauschale Abgeltungen für Mitarbeiter im Ausland, mit denen ihr erhöhter Aufwand abgegolten werden soll. Damit liegt viel Organisatorisches in ihrer eigenen Verantwortung, und die Administration für die Unternehmen wird einfacher. Das Modell birgt aber auch gewisse Risiken. Behalten Arbeitgeber compliancerelevante Themen wie die Arbeitsbewilligung oder die Sozialversicherung nicht in ihren Händen, könnten sie notfalls in die Pflicht genommen werden. Es gibt in diesem Bereich keine einfachen Lösungen, unterstrichen die Experten. 

Hinzu kommt, dass untypische Entsendungsformen weiter zunehmen. In gewissem Maße ist das Entgegenkommen gegenüber den Fachkräften nötig, um sie halten oder überhaupt verpflichten zu können. Trotzdem ist auch hier eine interdisziplinäre Betrachtung nötig, um nicht unwissentlich unliebsame Rechtsfolgen auszulösen. Das wirkt sich auch auf die nachgefragten Versicherungen aus. Die Krankenversicherung steht natürlich immer noch hoch im Kurs. Der Markt fächert sich aber weiter auf. So gehen mittlerweile auch verstärkt Anfragen zur Altersvorsorge bei Expatriates oder zu Risikoversicherungen ein, die etwa Absicherung gegen und Hilfe bei Entführungen bieten. Ebenfalls im Kommen ist die Rechtsschutzversicherung für Entsendete. Wurde diese früher eher als Privatangelegenheit eingestuft, wollen Unternehmen dadurch nun verstärkt den Mitarbeiter und sich selbst absichern.

Zögerliche Digitalisierung

Die Auslandsentsendung ist bei allem Ertrag nach wie vor auch ein Kostenfaktor. Kein Wunder also, dass hier, wie in vielen anderen Unternehmensbereichen auch, effizientere Prozesse mit Mitteln der Digitalisierung erprobt werden. Mittlerweile gibt es Lösungen, die Mitarbeiter mithilfe eines Online- Tools schon vor der Reise über zahlreiche Details der Entsendung informieren. Auch Apps, die den gesamten Zyklus der Entsendung abbilden und begleiten können, sind bereits im Einsatz.

Nicht alle Unternehmen haben sich jedoch bereits den Schritt hin zu modernen IT-Lösungen getraut. Möglicherweise, weil sie noch abwarten. Zwar gebe es viele gute Einzellösungen, berichteten die Teilnehmer der Expertenrunde. Doch sie sehen noch Defizite bei diesen Systemen, unter anderem bei der Integrierbarkeit sowie bei der Betreuung der Menschen an Ort und Stelle. Die Lösungsanbieter haben es jedoch auch nicht einfach: Global Mobility ist komplexer als die meisten anderen HR-Prozesse.

Entsprechend, so ein Fazit des Fachgesprächs, sind sowohl Unternehmen als auch die Global Mobility Manager beim Thema Auslandsentsendung momentan besonders gefragt. Teils unvorhersehbare Krisen oder völlig neue Situationen in den Zielländern erfordern eine stetige Überprüfung der eigenen Handlungsweise. Gleichzeitig darf die Digitalisierung nicht außer Acht gelassen werden. Was derzeit vielleicht noch einen Mehraufwand bedeutet, könnte künftig ein Schlüssel dazu sein, den ständig wechselnden Anforderungen gelassener begegnen zu können.

Hinweis: Die Langfassung dieses Beitrages finden Sie im Personalwirtschaft-Special „Auslandsentsendung“. Sie können das Heft › hier bestellen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.