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Wie Arbeitgeber Mitarbeitende während des Ramadan unterstützen können

An einer Fassade in 35 Metern Höhe nur mit einem Seil abgesichert zu sein und Glasscheiben zu reinigen: Das ist schon eine Leistung, wenn man in körperlicher Höchstverfassung ist. Bei dieser Arbeit Kreislaufprobleme zu haben oder sich schwach zu fühlen, kann gefährlich sein. Ein Glasreiniger muss deshalb jegliche Besonderheiten, die ihn körperlich beeinflussen können, ernst nehmen und an seinen Arbeitgeber kommunizieren. Dazu kann auch der islamische Fastenmonat Ramadan gehören.

Markus Wasserle, Geschäftsführer des Gebäudereinigungsunternehmens Wasserle, wurde auf diese Problematik erstmals aufmerksam, als er einen Angestellten dabei beobachtete, wie sich dieser draußen in der prallen Sonne den Mund mit einem Wasserschlauch ausspülte. Wasserle ging als Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nach und wollte wissen, wie es zu dieser Aktion kam. Als Antwort erfuhr er, dass sich der Mitarbeitende in den ersten Tagen des Ramadan befand und sich dessen Körper zunächst an das Fasten gewöhnen musste.

Ist Fasten ungesund?

Laut der Initiative Gesundheit und Arbeit, die eine Broschüre zum Thema herausgegeben hat, ist das Fasten an sich zwar nicht ungesund. Ein langer Verzicht auf Flüssigkeit kann aber insbesondere zu Beginn der Fastenzeit zu Kreislaufproblemen, Erschöpfungszuständen und Konzentrationsschwierigkeiten führen. Um zu vermeiden, dass dadurch die Arbeit des Gebäudereinigungsunternehmens behindert wird, sei Wasserle schnell in den Dialog mit seinen Mitarbeitenden gegangen. „Einige Fastende waren verwundert, dass man so offen über die Auslebung der eigenen Religion auf der Arbeit sprechen kann“, sagt der Geschäftsführer. 

Für die überraschende Reaktion glaubt Diversity-Beraterin und Islam-Expertin Dr. Beyhan Şentürk einen Grund zu wissen: „Wegen unserer säkularisierten Gesellschaft denken einige, dass wir uns schwer damit tun, Religion in der Arbeitswelt Raum zu geben“, sagt Şentürk. „Dabei gibt es doch auch den Plätzchenteller in der Weihnachtszeit im Büro.“ Über Religion und damit auch die muslimischen Praktiken würde allerdings zu wenig gesprochen werden – auch im Rahmen der Diversity-Bewegungen in der Arbeitswelt.

Individuelle Auslebungen

Deshalb sei nicht jedem Arbeitgeber und nicht-muslimischem Beschäftigten klar, dass der Fastenmonat die dritte Säule im Islam darstellt und die Muslime dazu motiviert, vier Wochen lang enthaltsam zu leben. Der Begriff „enthaltsam“ wird von den praktizierenden Gläubigen meist so ausgelegt, dass sie im Fastenmonat von Sonnenaufgang bis -untergang nichts essen. Manche verzichten zusätzlich auf das Rauchen, Geschlechtsverkehr oder das schlechte Reden über andere – was nach theologischem Verständnis eigentlich alle zu Ramadan machen müssten, Muslime in der Praxis aber unterschiedlich ausleben. „Es geht darum, einzukehren und sich zu fragen, wer man als Muslima oder Muslim ist“, sagt Şentürk.

Diese Einkehr darf der Arbeitgeber nicht unterbinden. „Fasten und Religion sind Privatsache, auf die der Arbeitgeber keinen Einfluss hat“, sagt Benjamin Onnis, Associate Partner bei FPS Partnerschaft von Rechtsanwälten. Allerdings dürfe der Ramadan nicht verhindern, dass der Betriebsablauf gestört wird, weil der Arbeitnehmer nicht seine Arbeitspflichten erfüllt. Doch auch der Arbeitgeber hat Pflichten: „Er muss bei seinen Arbeitsanweisungen die Interessen des Beschäftigten beachten“, sagt Onnis. Dazu zähle auch, ihm körperlich leichtere Aufgaben zuzuweisen, wenn dies möglich ist.

Arbeitsverteilung wird angepasst

Beim Gebäudereinigungsunternehmen Wasserle heißt dies, dass praktizierende Muslime, in den ersten Wochen des Ramadan weniger Stunden arbeiten und temporär in Teilzeit gehen. Manche nehmen sich für den Fastenmonat auch einen Großteil ihres Jahresurlaubs. Das alles werde laut Geschäftsführer Wasserle individuell mit den Fastenden abgestimmt – dabei wird auch ausgemacht, wann sie wieder in Vollzeit ihrer Arbeit nachkommen.

Was für den praktizierenden Muslim von Vorteil ist, kann dafür sorgen, dass sich die Nicht-Muslima benachteiligt fühlt. „Wir sind 350 Mitarbeitende, rund 120 davon sind Muslime, von denen wiederum etwa zwei Drittel fasten“, sagt Wasserle. „Damit keine Spannungen entstehen, ist es wichtig, einen Ausgleich für Nicht-Muslime zu schaffen, die während des Ramadan mehr Arbeit übernehmen.“ Die Lösung: Nicht-Muslime bekommen an Weihnachten, zwischen den Jahren und an Brückentagen frei. „Wir kommunizieren hier transparent, was wir füreinander tun, und dass wir aufeinander Rücksicht nehmen. Dann akzeptieren das auch alle Mitarbeitenden.“

Das Vorgehen ist gut für die Stimmung im Team, rechtlich aber nicht unbedingt nötig, um eine Gleichstellung der Mitarbeitenden zu gewährleisten. „Eine Ungleichbehandlung ergibt sich durch die Umverteilung wegen des Fastens nicht per se, da die Religionsfreiheit auch von den Arbeitgebern berücksichtigt werden muss“, sagt Arbeitsrechtler Onnis. „Die Umverteilung setzt aber voraus, dass die übrigen Arbeitnehmer, die eventuell dann die Aufgaben der fastenden Arbeitnehmer übernehmen, keine vergleichbaren Interessen haben und auch nicht durch die Übernahme körperlich überlastet werden.“

Das individuelle Gespräch suchen

Die rechtlichen Regelungen garantieren allerdings noch keine Akzeptanz für die Fastenden. Diversity-Beraterin Şentürk hat in ihrem Bekannten- und Klientenkreis von einer fastenden Friseurin – die heute Unternehmerin ist – gehört, der vom Vorgesetzten zur Mittagszeit Pommes in den Mund gestopft wurden. Auch erzählte ihr eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von jährlichen Betriebsausflügen, die in der ersten Wochen des Ramadan stattfinden sowie Meetings während des Fastenbrechens. Abgesehen vom Pommes-Vorfall würden diese Dinge meist nicht aus Boshaftigkeit geschehen, sondern aus Unwissen. „Jeder Arbeitgeber sollte sich fragen: Gibt es Menschen in meinem Unternehmen, die Muslime sind?“, sagt Şentürk. „Falls ja, sollte zunächst ein bilaterales Gespräch mit den entsprechenden Mitarbeitenden gesucht werden. Sie können einem genau sagen, wie sie ihren Glauben ausleben und haben wahrscheinlich die besten Ideen, wie mit ihrem Fasten im Team umgegangen werden kann.“

Die gefundenen Lösungen müssten dann von den Führungskräften ins Team getragen werden. „Dabei ist es wichtig, anerkennend und wertschätzend über den Ramadan zu kommunizieren“, sagt Şentürk. Und schlägt vor: Warum nicht das Fastenbrechen neben der Weihnachtsfeier als Teambuilding-Maßnahme etablieren?

Gemeinsames Fastenbrechen

Genau das hat der Flughafenbetreiber Fraport gemacht – bevor die Corona-Pandemie dazwischen kam. Bis inklusive 2019 haben sich abends meist rund 100 Mitarbeitende und Passagiere zum Fastenbrechen am Frankfurter Flughafen getroffen. Während der Pandemie musste mit der Tradition gebrochen werden. Stattdessen haben laut einer Fraport-Sprecherin Vertreterinnen und Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaften Grußbotschaften an gläubige Beschäftigte versandt. Dieses Jahr organisiert Fraport, dessen Belegschaft eigenen Angaben nach zu rund einem Drittel aus Menschen mit Wurzeln in einem muslimisch geprägten Land besteht, zudem zum Beginn des Zuckerfestes am 2. Mai eine Zusammenkunft von Fastenden im Gebetsraum des Terminal 1.

Damit wird nicht nur den Mitarbeitenden ermöglicht, ihre Religion auszuleben, sondern auch Nicht-Muslimen geholfen, sich Wissen anzueignen. „Wir legen besonderen Wert auf die interkulturelle Kompetenz unserer Mitarbeitenden, die für das internationale Geschäft von Vorteil ist“, sagt die Fraport-Sprecherin. Dass sich der Dialog über den Ramadan in der Arbeitswelt positiv auf das eigene Wirtschaften auswirken kann, hat auch Geschäftsführer Wasserle bemerkt. „Wir sind als Arbeitgeber interessanter für Muslime geworden.“

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.

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