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Wie wird HR zum Mitgestalter der Net-Zero-Transformation?

Personalwirtschaft: Herr Schaar, CoachHub bietet Coachings für Mitarbeitende und Führungskräfte an, deren Unternehmen durch eine grüne Transformation gehen. Warum sollte sich auch HR mit dem Thema beschäftigen?
Thorsten Schaar: Der Weg zur CO2-Neutralität für Unternehmen stellt sich für uns als die größte Transformation dieser Tage dar: Es handelt sich um ein riesiges Change-Programm, bei dem insbesondere die Menschen in den Organisationen massiv an bestehenden Routinen und Verhaltensweisen arbeiten müssen, damit der Wandel tatsächlich gelingen kann. In vielen Organisationen sehen wir, dass der Faktor Mensch im ersten Schritt nur zum Teil mitgedacht wird und stattdessen nur Systeme an sich umgestellt werden sollen. Aus unserer Sicht wird der Faktor Mensch allerdings DER zentrale Erfolgsfaktor sein. Das ist vielen Unternehmen noch nicht klar. Daher glauben wir, dass HR frühzeitig mit ins Boot geholt werden muss. 

Können Sie konkrete Beispiele für solche Änderungsprozesse in Richtung CO2-Neutralität nennen, die einzelne Mitarbeitende stark betreffen?
Durch die größten Veränderungen gehen wohl derzeit Organisationen, deren Produkte oder deren Produkterzeugung einen hohen CO2-Ausstoß haben. So etwa Automobilkonzerne und Zulieferer, die ihre Fahrzeuge von fossilen Verbrennern auf Elektro-Motoren umstellen. Sie ändern ganze Produktionsverfahren und brauchen Mitarbeitende mit einem ganz anderen Know-how. Auch Unternehmen, die nicht ihre Produkte erneuern müssen, können einen Wandel durchlaufen, um CO2-neutral zu werden. Stichwort: Circularity.

Worum geht es bei diesem Stichwort?
Dabei gilt es für diese Arbeitgeber, sich unter anderem folgende Fragen zu stellen: Wie können Zyklen geschaffen werden, in denen wir Produkte erschaffen und sie am Ende wieder bei uns landen und wir sie neu verwerten? Wie können wir unsere Produkte CO2-neutral zum Kunden liefern? Bei all dem müssen Wertschöpfungsketten neu durchdacht und gewohnte Verhaltensweisen aufgegeben werden.

Was macht CoachHub, um klimafreundlicher zu wirtschaften?
Wir sind vor allem remote und digital unterwegs, schauen aber, dass wir für Geschäftsreisen unsere Verkäufer und Verkäuferinnen primär Bahn fahren lassen. Wenn unsere Kunden nach nachhaltigen Optionen verlangen, dann versuchen wir diese auf die eigene Wertschöpfungskette hinzuweisen: Wie können Produkte CO2-neutral zum Kunden geliefert werden oder wie können Rückläufer neu verwertet werden? Darüber hinaus können wir nun mit Stolz verkünden, dass wir ein klimaneutrales Unternehmen sind.

Das klingt erst einmal nach kleinen Schritten, die aber anscheinend je nach Unternehmen auch zum Erfolg führen können. Hatten ihre Mitarbeitenden trotzdem auf dem Weg das Gefühl, etwas bewegen zu können?
Natürlich fragen wir uns: Was kann ich als Einzelner überhaupt tun? Bewirkt es wirklich etwas, wenn ich das Licht ausmache, sobald ich das Büro verlasse? Ich sage ja. Denn wenn die restlichen 1.500 Mitarbeitenden im Unternehmen das auch machen, kann dadurch auf jeden Fall Energie gespart werden. Für HR gilt es, diesen Impact ins Bewusstsein der Beschäftigten zu rufen.

Was tut HR Ihres Wissens nach derzeit in den meisten Unternehmen, um ökologische Nachhaltigkeit zu fördern?
Vielerorts wird HR bei der Förderung von Nachhaltigkeit für die Umsetzung des Regulatorischen beteiligt. Das wären dann Zielvereinbarungen, die angepasst werden und die beinhalten, dass CO2-neutrales Verhalten berücksichtigt wird, oder Schulungsmaßnahmen für Top-Manager. Diese Dinge sind wichtig, schließen aber eine Einbeziehung von HR in die strategische Planung aus. Das ist schade.

Warum? Was könnte HR noch tun?
Wichtiger in meinen Augen ist es für HR, auch die Veränderung der Wertschöpfungskette aktiv mitzugestalten und darauf aufmerksam zu machen, was Mitarbeitende brauchen, um mit diesem Change bestmöglich umzugehen. Auch bei der kommunikativen Begleitung des Themas kommt HR eine große Rolle zu. Personalerinnen und Personaler können Kampagnen mit kreieren, um die Veränderungen zu kommunizieren.

Kann HR und sollte HR diese Dinge alleine stemmen oder braucht es Unterstützung?
Der Schulterschluss mit dem Geschäft – den Leuten in der Produktion, in der Lieferung, im Sales et cetera – ist essenziell. Wir empfehlen HR, gemeinsam mit anderen Bereichen eine Persona-Analyse zu machen und sich zu fragen: Was sind die zwei oder drei Kernpersonas, also Mitarbeiterprofile, in diesem Bereich und wie sind sie von der Net-Zero-Transformation beeinflusst? Dadurch kann HR die Mitarbeitenden nicht nur gut durch den Change begleiten, sondern bricht das Thema auch herunter. Es macht begreifbar, welche konkreten Auswirkungen, Chancen und Weiterentwicklungen sich für die jeweiligen Abteilungen und den einzelnen ergeben.

Sind die Personas auch von einem anderen Faktor beeinflusst als dem Arbeitsbereich?
Ja. Es bietet sich auch an, die Personas nach Lebensphasen zu unterteilen. Einen Ansatz dafür können – müssen aber nicht – die Generationen liefern. Neue Mitarbeitende haben sich vielleicht für das Unternehmen entschieden, weil sie denken, es hat den größten Hebel, um CO2-Neutralität in der Gesellschaft zu fördern. Andere Mitarbeitende denken sich: Was soll das Ganze? Ich habe noch drei Jahre hier zu arbeiten und möchte mich auf den letzten Metern nicht mehr verändern. Dazwischen gibt es alle Varianten – und die Einstellung ist auch nicht immer abhängig vom Alter.

Es gibt folglich auch viel Widerstand gegen einen Wandel hin zum klimafreundlichen Wirtschaften. Warum?
Kürzlich hat eine Studie von KPMG gezeigt, dass mehr als 50 Prozent der Belegschaft einen Widerstand gegenüber diesen Veränderungen haben. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Transformation von den Mitarbeitenden verlangt, sich sowohl neue Skills anzueignen, alte Verhaltensweisen abzulegen und gegebenenfalls auch eine neue Rolle anzunehmen. Damit werden Herausforderungen der digitalen und agilen Transformation kombiniert.

Inwiefern?
Bei der agilen Transformation mussten sich Mitarbeitende hauptsächlich organisational verändern und sich in eine neue Rolle einfinden. Bei der Digitalisierung wurden sie mit neuen technischen Endgeräten konfrontiert und mussten mit neuen Software-Tools zurechtkommen. Beim klimafreundlichen Wandel müssen Mitarbeitende mit neuen Produkten und Prozessen zurechtkommen, sich dafür neue Skills aneignen und sich neu organisieren.

Gibt es bei den Beschäftigten eine Change-Müdigkeit wegen all der Transformationen, die parallel stattfinden?
Ich sehe die Change-Müdigkeit als eine riesige Gefahr an. Wir befinden uns in einer Zeit der Stapelkrisen-Situation – Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation und Gasknappheit. Ohne die richtige Begleitung fällt es dem Einzelnen oft schwer, diesen Zustand des ständigen Wandels anzunehmen. Und natürlich fehlt es auch an Fokus.

Wie kann HR dieser Müdigkeit entgegenwirken und den Fokus wieder auf die Wende zum CO2-neutralen Wirtschaften lenken?
HR kann die Fakten klar kommunizieren – und das am besten auf das Unternehmen und jeden einzelnen Mitarbeiter und jede einzelne Mitarbeiterin heruntergebrochen. So wird der Ernst der Lage sichtbar. Gleichzeitig gilt es, Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen, um diese Wende zu meistern. Es hilft auch, Austauschplattformen zu kreieren, auf denen sich die Mitarbeitenden über ihre Probleme und Errungenschaften unterhalten können, aber auch Motivation finden. Wir plädieren natürlich dafür, den Mitarbeitenden den entsprechenden Support über ein individuelles Coaching zu geben. Dabei kann ein Wachstums-Mindset gefördert und den Beschäftigten geholfen werden, die Herausforderung als Chance anzusehen.

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Mehr zur Rolle von HR in der Nachhaltigkeitstransformation der Wirtschaft erfahren Sie in unserem Juni-Magazin. 

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.