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Ziel vor Augen, trainieren und treffen

Er brachte Dirk Nowitzki zum Erfolg: Holger Geschwindner hat einfache Methoden, aber ehrgeizige Ziele.
Er brachte Dirk Nowitzki zum Erfolg: Holger Geschwindner hat einfache Methoden, aber ehrgeizige Ziele.

Holger Geschwindner wurde 1945 in Bad Nauheim geboren. Er spielte bis zum Alter von 47 Jahren aktiv Basketball und wurde mit dem MTV Gießen mehrfach Deutscher Meister. Er spielte über 600 Spiele in der ersten und zweiten Bundesliga. Holger Geschwindner absolvierte 150 Länderspiele mit der deutschen Nationalmannschaft. Bei den olympischen Spielen in München 1972 war er deren Kapitän. Neben der sportlichen Karriere studierte er Mathematik, Physik und Philosophie und arbeitete unter anderem am Max-Planck Institut für Psychiatrie.
Geschwindner war als Berater und Trainer für den Bundesligisten Würzburg tätig. Er gilt als der Entdecker von NBA-Superstar Dirk Nowitzki und ist seit 1995 sein Berater und persönlicher Trainer.

Über mehrere Ecken gelang es mir, eine Zusage für das Gespräch mit Holger Geschwindner zu bekommen. Er kam zu Fuß mit einem Rucksack über der Schulter in die Uni und machte im Gespräch einen sehr bescheidenen, fast zurückhaltenden Eindruck.

Das erscheint mir charakteristisch für Geschwindner. Er ist stets aktiv und dabei sehr pragmatisch. Mit Dirk Nowitzki trainierte er auf sehr undogmatische Art und dabei war stets das große Ziel, es in die NBA zu schaffen. Diesem Ziel wurde alles andere untergeordnet, aber dabei durften Spaß und Motivation nicht zu kurz kommen. Mit mathematischen Modellen berechnete er optimale Wurfwinkel, die Nowitzki dann Stunde um Stunde erfolgreich übte. Ein “Geht nicht” scheint es für Holger Geschwindner nicht zu geben.

So antwortete er auch auf meine erste Frage, wie er sich selbst sehen würde: “Ach, darüber habe ich mir eigentlich keine großen Gedanken gemacht, sondern das müssen andere beurteilen. Ich hatte nie eine Ausbildung als Trainer oder Pädagoge. Ich wusste selber überhaupt nicht, ob ich eine Chance habe, irgendetwas, was man weiß über den Sport, den ich mit großer Liebe gespielt habe, zu vermitteln. Und dann haben wir [er und Nowitzki] das einfach probiert. Wenn Fragen kamen und ich die Antwort nicht wusste, waren wir gefordert und mussten beide Neues lernen. Ich habe mindestens so viel von ihm gelernt, wie er von mir. Und so haben wir uns gegenseitig hochgeschaukelt. Das war eigentlich der Anfang des Ganzen.

Aber was die Außenwelt da zu bemängeln oder zu meckern hatte, konnte uns nicht viel interessieren, denn im Sport gibt es ein Kriterium, das überzeugend ist: der Erfolg.

Und er hatte relativ schnell Erfolg durch die Methoden, die wir angewandt haben.”

Probleme erkennen und für den Geführten aus dem Weg räumen

Auf die Frage, was gute Führung ausmacht, sagte er: Führungskräfte sollen Hindernisse aus dem Weg räumen und dabei den Geführten vor allem das Gefühl geben, selbst etwas zu schaffen. Dabei sollen Führungskräfte selbst aber in den Hintergrund treten. Auf den Sport bezogen sagt er: “Man kann vielleicht kein Rezept daraus machen, aber ich denke schon, dass es gut ist, wenn man die Probleme zumindest ahnt, charakterisiert und versucht, sie aus dem Weg zu räumen für die Jugendlichen. Wenn die Jugendlichen selber etwas durchsetzen wollen und man ahnt, in welche Probleme sie hereinrennen können und man rennt voraus und räumt die Probleme weg, dann haben die Jugendlichen natürlich ein unglaubliches Erfolgserlebnis. In unserer individuell-ausgerichteten Gesellschaft ist das für die Kids natürlich ein ungeheurer Bonus. Dass es dabei Menschen “im Hintergrund” gegeben hat, ist ja nicht so wichtig. Da muss man sich nicht in den Vordergrund drängen.”

Basketball ist eine Mannschaftssportart und Geschwindner zieht einen interessanten Vergleich zur Jazzmusik: “Basketball ist zufällig gleichzeitig entstanden, als der Jazz sich entwickelt hat. Was mir immer gut gefallen hat, war, dass besonders in Mannschaftssportarten mehrere zusammen ein Ziel verfolgen müssen und trotzdem jeder hochgradig seine individuellen Fähigkeiten einzubringen hat. Und im Jazz ist es ja im Prinzip so: Jeder ist Solist, jeder ist extrem gut, doch am Ende müssen sie, wenn sie zusammen Musik machen wollen, zusammen etwas hinbringen, selbst wenn es kontrovers oder wie auch immer läuft.” Es kommt also darauf an, dass jeder für sich im Team seine Stärken einbringen kann, dabei aber der Spaß nicht verloren geht.

Hilfe, das eigene Talent auszureizen – mit Spaß und Eigenmotivation

Dies bekräftigt er auch auf meine Frage, wie er aktuell Jugendliche trainiert: “Ich biete ein freiwilliges Training an, da kann jeder kommen. Alter, Geschlecht oder Hautfarbe spielen keine Rolle. Wir bieten denjenigen, die Basketball spielen wollen, die technischen Grundwerkzeuge an. Und wenn sie die ordentlich können, werden sie natürlich automatisch besser. Wir legen dabei großen Wert auf die Schule, dass dort alle ordentlich arbeiten. Damit erreichen sie, was praktisch alle Jugendlichen wollen: irgendetwas besser zu können als die Anderen. So versuchen wir ihnen zu helfen, ihr Talent auszureizen. Ob das dann für Weltniveau reicht, ist eine andere Frage, aber ich glaube schon, dass wir hinkriegen können, jedem an die Stelle zu verhelfen, die sein Talent hergibt, wenn er das möchte.”

Aufgabe von Führung ist es also, Angebote zu machen, dabei nicht zu diskriminieren und jedem Mitarbeiter zu helfen, sein Talent zu entdecken und sich gemäß seiner Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei muss die Motivation, etwas erreichen zu wollen, aus dem Mitarbeiter selber kommen. Das veranschaulicht er auch noch einmal an seiner Arbeit mit Nowitzki: “Die Idee beim Dirk war ja von vornherein, dass er in die NBA soll. Man hat sofort gemerkt, der meint das ernst. Deswegen hatten wir auch nie Trainingstermine nach dem Motto “Du musst kommen”, sondern ich habe gefragt: “Wollen wir trainieren?” Meistens hat sogar er gefragt “Können wir nicht trainieren?”. Das heißt, das war immer auf freiwilliger Basis und er sagt ja in vielen seiner Interviews, er hat sein Hobby oder seine Leidenschaft zum Beruf machen können.”

Aber noch einmal: Das Ziel stand bei Nowitzki stets im Vordergrund. Dazu passt auch die Anekdote, dass Geschwindner ihn bei seiner ersten Einladung zur Nationalmannschaft gleich wieder aus dem Trainingslager abholte, als er hörte, Nowitzki sei nicht für das Spiel aufgestellt. “Die Sache war die: Wir hatten regelmäßig trainiert, wir hatten einen Plan, wie man das schaffen kann. Und dann wurde er eingeladen in die Nationalmannschaft. Ich sagte: “Jetzt bist du das erste Mal in die Nationalmannschaft eingeladen, da musst du auch hinfahren.” Danach haben wir telefoniert, wie das Training gelaufen ist und ich fragte, was sein Job im Länderspiel sein sollte. Als er sagte, dass er nicht spielen würde, fragte ich: “Wie, du spielst nicht?” Da sagte er: “Ja, in drei Jahren könnte ich einmal der Nachfolger von einem der Nationalspieler werden.” Da war mein Kanal voll, weil das war genau nicht unsere Philosophie. Also bin ich hingefahren und habe gesagt: “Pack‘ deine Sachen, wir fahren heim! Wir stehen nicht jeden Tag in der Turnhalle, damit du in drei Jahren ein Nachfolger von irgendeinem Dings wirst. Das ist nicht unser Ziel. Und wenn die Nationalmannschaft dich da ausbremsen möchte – es geht auch ohne.”

Der Erfolg hat ihm Recht gegeben und Nowitzki wurde über viele Jahre nicht nur ein Leistungsträger der Dallas Mavericks sondern auch der deutschen Nationalmannschaft.

Zwei Führungstheorien im Einsatz – wenn auch unbewusst

In diesem Gespräch kommen vor allem zwei Theorien zum Ausdruck, die Geschwindner vorlebt: Zum einen die Zielsetzungstheorie von Bob Locke und Gary Latham, zum anderen die Weg-Ziel-Theorie von Bob House.

Die Zielsetzungstheorie ist eine der einflussreichsten und empirisch in vielen Kontexten am besten bestätigte Theorie der (Arbeits-)Psychologie. Sie besagt, dass spezifische, schwierige Ziele in aller Regel die Leistung erhöhen. Dies tun sie deshalb, weil 1. das Setzen des Ziels allein schon das Selbstvertrauen erhöhen kann und weil 2. das Ziel bei der Planung hilft, bei der Aufrechthaltung der Motivation und bei der Überwindung von Hindernissen. Allerdings gibt es auch einige Faktoren (die sogenannten Moderatoren), die erklären, warum Ziele manchmal zu mehr und manchmal zu weniger Leistung führen. Dazu gehört zum Beispiel das Zielcommitment: Nur wenn man sich dem Ziel verpflichtet fühlt und es verinnerlicht, wird man sich auch nach ihm richten. Dies ist bei Dirk Nowitzki sicherlich der Fall gewesen. Andere Moderatoren sind die Fähigkeiten – Geschwindner hat bei Nowitzki ja nicht bei null angefangen, sondern traf bereits auf ein trainiertes Talent.

Robert (Bob) House, einer der Begründer der Theorien charismatischer Führung und der GLOBE-Leadership Studie, hatte selbst ein charismatisches Auftreten. House entwickelte in den 1970er Jahren die Weg-Ziel-Theorie der Führung. Diese besagt kurzgefasst, dass Führungskräfte die Aufgabe haben, stets den besten Weg zu wählen, so dass die Mitarbeiter ihre Ziele erreichen können. Sie müssen dabei den Mitarbeitern die Pfade zur Zielerreichung gut erklären können und frustrierende Hindernisse auf dem Weg zum Ziel beseitigen.

Dabei können Führungskräfte je nach Situation und Persönlichkeit der Mitarbeiter vier unterschiedliche Stile zeigen:
– Direktives Verhalten (Directive Behavior)
– Unterstützendes Verhalten (Supportive Behavior)
– Leistungsorientiertes Verhalten (achievement-oriented Behavior )
– Partizipatives Verhalten (participative Behavior )

Das vollständige Gespräch zwischen Holger Geschwidnner und Rolf van Dick finden Sie › hier als Video.

Dieser Beitrag ist Teil V unserer Serie “Besser führen”. Teil IV – im Gespräch mit dem Dalai Lama finden Sie › hier.

Zum Autor:

Rolf van Dick lehrt Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, unter anderem am Center for Leadership and Behavior in Organizations (CLBO). In unserer aktuellen Serie “Besser führen” präsentieren wir seine Gespräche mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen.

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