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Lehrermangel an jeder zweiten Schule

leerer Klassenraum mit hochgestellten Stühlen
Der Lehrermangel wird noch dadurch verschlimmert, dass immer mehr Lehrkräfte krankheitsbedingt ausfallen.
Foto: © Stefan Merkle/StockAdobe

Der Lehrermangel hierzulande hat sich gegenüber dem letzten Jahr noch verstärkt. Inzwischen beschäftigt fast jede zweite allgemeinbildende Schule Seiteneinsteiger statt originäre Lehrkräfte. Das Personal ist überlastet, die Schulleiter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und warnen vor einer Abwärtsspirale.

Während 2018 noch jede dritte Schulleitung angab, mit Lehrermangel kämpfen zu müssen, ist es inzwischen jede zweite. In den betroffenen Schulen sind von den zur Verfügung stehenden Stellen im Schnitt elf Prozent nicht besetzt; an mehr als jeder dritten dieser Schulen sind es sogar noch mehr. Das zeigt die repräsentative Studie “Berufszufriedenheit von Schulleitungen”, die Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (> VBE) unter 1243 Schulleitungen allgemeinbildender Schulen in diesem Jahr durchgeführt hat. Die Umfrage wurde nach 2018 zum zweiten Mal durchgeführt. Der Lehrermangel sei kein Randphänomen, sondern bestimmend für die Schullandschaft geworden, kommentiert der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann die Studienergebnisse.

Schlecht qualifizierte Seiteneinsteiger an sozialen Brennpunkten eingesetzt

Weil ausgebildete Lehrer fehlen, beschäftigen derzeit bereits 45 Prozent der befragten Schulen Seiteneinsteiger. Zwei von drei Schulleitern dieser Schulen kritisieren, dass die Quereinsteiger nicht angemessen vorqualifiziert würden. Der VBE fordert eine mindestens halbjährige Vorqualifizierung. Verschärfend hinzu kommt, dass ausgerechnet die Seiteneinsteiger überproportional häufig an Schulen in schwierigen sozialen Lagen eingesetzt werden, wie Studien der > WZB und der > Bertelsmann Stiftung) zeigen. Kinder, die auf Lehrkräfte mit besonders viel pädagogischem Geschick angewiesen seien, erhielten besonders viel Unterricht durch dafür nicht angemessen qualifizierte Seiteneinsteiger, so Beckmann. Hier setze sich eine Abwärtsspirale in Gang, die bald nicht mehr aufzuhalten sei.

Die Politik sitzt Probleme so lange aus, bis es fünf nach zwölf ist, und verliert sich dann im Klein-Klein reaktiver Maßnahmen. Verantwortungsvolle Bildungspolitik sieht anders aus. Sie orientiert sich bei der Bereitstellung von Ressourcen an den tatsächlichen und zukünftigen Aufgaben von Schule,

kritisiert der VBE-Vorsitzende.

Mehr Ausfälle durch psychische Erkrankungen verschärfen die Situation noch

Beckmann befürchtet sogar eine doppelte Abwärtsspirale, da die originär ausgebildeten Lehrkräfte in Zeiten des Lehrermangels immer stärker beansprucht würden. Jede dritte Schulleitung gibt an, dass die Zahl der Lehrer, die langfristig aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen, steigt. Damit produziere der Lehrermangel noch eine Verschärfung des Lehrermangels, so Beckmann. Laut Studie stellen 84 Prozent der Schulleiter fest, dass die neuen Herausforderungen und Anforderungen an Schule für die meisten oder fast alle Lehrer Mehrbelastungen mit sich bringen. Nach Ansicht der Schulleiter wäre die Gesundheitsförderung an Schulen für Bewerber ein Attraktivitätsfaktor, doch 58 Prozent der Befragten haben nicht genügend Möglichkeiten dafür, zur Gesunderhaltung der Lehrkräfte beizutragen.

Nach Ansicht der Schulleiter ist eine Reduzierung der Stundenzahl notwendig, außerdem mehr Flexibilität im Stundenplan, auch müsste es mehr Möglichkeiten geben, den Vertretungsunterricht gleichmäßiger aufzuteilen zu können sowie Fort- und Weiterbildung anzubieten. 87 Prozent der Befragten wünschen sich eine bessere personelle Ausstattung mit pädagogischen Fachkräften. Darüber hinaus sehen es 70 Prozent der Schulleiter als notwendig an, organisatorische Stellen wie das Schulsekretariat personell aufzustocken.

Jeder vierte Schulleiter empfiehlt seinen Job nicht weiter

Die Schulleiter selbst fühlen sich durch das ständig wachsende Aufgabenspektrum und zunehmende Verwaltungsarbeiten belastet. Nur jeder Zehnte sieht sich vom zuständigen Bildungsministerium unterstützt. Die Mehrheit beklagt, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachtet. Tatsächlich würde mehr als jeder vierte Schulleiter seinen Job nicht oder wahrscheinlich nicht mehr weiterempfehlen.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.